Nach den Vergewaltigungsvorwürfen Cristiano Ronaldos Karriere steht auf dem Spiel

Kein Mensch zieht die Massen so in seinen Bann wie Cristiano Ronaldo. Nun aber droht dem Megastar der tiefe Fall. Nach dem Vorwurf der Vergewaltigung geht es beim 33-Jährigen um alles oder nichts.
Cristiano Ronaldo
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Fussball-Ikone: Cristiano «CR7» Ronaldo präsentiert seinen muskelbepackten Körper nach dem Spiel gegen den SSC Napoli.

Neulich flog Cristiano Ronaldo, 33, in der Champions League vom Platz. Die Rote Karte war unberechtigt, er brach in Tränen aus, die Welt staunte. «Sie wollen dich zerstören», wusste seine Schwester Katia Aveiro, 42. «Sie werden diese Tränen teuer bezahlen.»

Morgen Dienstag kehrt er nach abgelaufener Sperre in die Champions League zurück. Mit seinem neuen Verein Juventus Turin tritt er bei seinem Ex-Klub Manchester United an, wo er in der ersten Phase seiner Karriere zum Superstar reifte. Aber nicht deshalb wird die Welt diesmal besonders genau hinsehen. Es ist das erste grosse Spiel, seit ein zuvor anonymer Vergewaltigungsvorwurf durch ein Interview des mutmasslichen Opfers Kathryn Mayorga, 34, sowie die Aufnahme polizeilicher Ermittlungen konkretisiert wurde. 

Cristiano Ronaldo
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Fassungslos: Ronaldo nach der gegen ihn ausgesprochenen Roten Karte im Spiel gegen Valencia.

Katia inszeniert ihren Bruder in ihrem Instagram-Beitrag als Superman: «Ronaldo, wir stehen dir bei bis zum Ende.» Die Welt aber fragt sich: Könnte er so etwas wirklich getan haben?

Eine Karriere, die ihresgleichen sucht

Ronaldo ist einer der herausragenden Athleten der Sportgeschichte. Der Junge aus einem Armenviertel der Atlantikinsel Madeira hat etliche Rekorde gebrochen, 120 Tore in der Champions League erzielt, dort fünfmal den Titel und siebenmal die Torjägerkrone gewonnen. Er führte das kleine Portugal 2016 zum EM-Titel und wurde fünfmal als Weltfussballer des Jahres ausgezeichnet. Für Real Madrid traf er 450-mal in 438 Spielen. Solche Statistiken hat es noch nie gegeben.

Ronaldo ist aber noch mehr, Posterboy und Geldmaschine, tatsächlich: Superman, jedenfalls für seine Fans, und das sind nicht wenige. Gut 340 Millionen Menschen aktuell in den drei grossen sozialen Netzwerken, mehr als jeder andere Prominente jeder anderen Branche. Wenn er bei Instagram eine kommerzielle Botschaft absetzt, erhält er dafür durchschnittlich 641 000 Euro. Als erst dritter Athlet nach den Basketballern Michael Jordan und LeBron James hat er einen Lebenszeitvertrag beim Sportartikelriesen Nike, Gegenwert: eine Milliarde Dollar. «Sein Medienwert für Sponsoren ist auf einem völlig anderen Planeten als der anderer Sportler», stellte die Business-Fibel «Forbes» fest. Unter seiner Eigenmarke CR7 firmieren Hotels, Schuhe, Klamotten, Parfums, Bettdecken, Fitnessstudios und – damit ging es einst los – Unterwäsche. 

Cristiano Ronaldo
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Werbe-Ikone: Nicht nur mit seiner Unterhosenkollektion CR7 verdient Ronaldo viel. Dank Werbung erzielt er pro Jahr 47 Millionen Dollar.

Er war mit Topmodel Irina Shayk, 32, liiert und bekam auf seiner Heimatinsel den Flughafen nach sich benannt. Dort unterhält er seit einigen Jahren auch ein eigenes Museum. Das finden die einen egozentrisch und aufgeblasen, denn Ronaldo polarisiert schon immer, die anderen bewundern Unbeirrbarkeit und Ultraprofessionalität, schwelgen in seinem Hedonismus und saugen jede Nachricht aus seiner perfekten Kunstwelt auf, die etwas von Barbie & Ken hat, aber doch vielleicht zeitgenössischer ist als in der konservativen Fussballbranche üblich. Wohl nicht umsonst kommt der Vater einer Patchwork-Familie mit vier Kindern, von denen nur eines von seiner aktuellen Freundin Georgina Rodríguez, drei aber von unbekannten Müttern stammen, bei den neuen Zielgruppen oft noch besser an als in der traditionellen Klientel. Laut einer aktuellen Studie verkauft Juventus seit Ronaldos Wechsel um 145 Prozent mehr Trikots online. Bei Kindergrössen sind es 245 Prozent mehr. 

Cristiano Ronaldo
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Schönheiten: Die Makellosen Ronaldo und Irina Shayk - von 2010 bis 2015 ein Paar.

Es geht um eine Vergewaltigung

All das steht jetzt auf dem Spiel. Es geht diesmal nicht um Steuern – jene Affäre hat er mit einer 19-Millionen-Euro-Zahlung, einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren und ohne grösseren Imageschaden ausgestanden. Es geht um Vergewaltigung, und das war noch nie ein Kavaliersdelikt. «Wir sind tief besorgt über die verstörenden Anschuldigungen und werden die Situation sehr genau verfolgen», heisst es in einem Statement von Nike. Die Juventus-Aktie hat seit Veröffentlichung der Vorwürfe von 1,47 auf 1,03 Euro nachgegeben (wobei sie in der Zeit vor Ronaldo meist nur um 0,65 lag). Angesichts der Wucht der Berichterstattung erinnert Portugals Premierminister António Costa flehentlich an rechtsstaatliche Grundsätze: «Die Leute müssen verstehen, dass es so etwas wie die Unschuldsvermutung gibt.»

Vergewaltigung ist ein abscheuliches Verbrechen, das sich gegen alles richtet, was ich bin und wonach ich glaube

Ronaldo bestreitet den Vorwurf vehement und in Worten, die deutlicher kaum sein könnten: «Vergewaltigung ist ein abscheuliches Verbrechen, das sich gegen alles richtet, was ich bin und woran ich glaube.» Dagegen stehen die detaillierten Angaben von Kathryn Mayorga im deutschen «Spiegel» und in ihrer Anzeige vom 27. September bei einem Gericht in Las Vegas sowie ein vermeintliches Tatgeständnis («Sie hat mehrfach ‹Nein› gesagt») im gehackten Schriftverkehr zwischen Ronaldo und seinen Anwälten rund um eine Schweigegeldvereinbarung von 2010. Damals zahlte der Fussballer 375 000 Dollar an Mayorga. Deren neue Anwälte fechten den Vergleich nun an: Ihre Klientin sei eingeschüchtert, schlecht beraten und daher unzurechnungsfähig gewesen. Wenn das Gericht dieser Linie folgt und den Deal für ungültig erklärt, wird ein Prozess voranschreiten, in dem es dann um ganz andere Summen gehen wird. 

Ein verhängnisvoller Tag?

Am fraglichen 12. Juni 2009 lief der Name Ronaldo weltweit die Medien rauf und runter. Nicht nur war sein Wechsel von Manchester nach Madrid für die damalige Rekordablösesumme von 94 Millionen Euro bekannt gegeben worden. Am vorherigen Stopp seines Amerika-Urlaubs in Los Angeles war es auch zu einem Techtelmechtel mit dem It-Girl Paris Hilton gekommen. Die Hotelerbin, damals auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, habe von «elektrischer Stimmung» berichtet, hiess es aus ihrem Freundeskreis, eine dauerhafte Liaison aber abgelehnt, da er «unglaublich schüchtern» und «nicht männlich genug» sei. Es waren dennoch Ronaldos wilde Jahre vor der Beziehung mit Shayk. Auch sein erster Sohn wurde 2009 gezeugt, bei der Mutter soll es sich Spekulationen zufolge um eine amerikanische Barkeeperin gehandelt haben. 

Cristiano Ronaldo Georgina Rodriguez
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Vier Kinder, drei Mütter: Ronaldo hält Mateo und die achtmonatige Tochter Alana Martina, deren Mama Georgina Rodriguez Ronaldos Sohn Mateo, dazwischen Cristiano Jr.

Mayorga arbeitete als Promotionsgirl des Klubs Rain in Las Vegas. Ein jetzt veröffentlichtes Video zeigt, wie beide dort tanzen und flirten, sie umarmt ihn mehrmals, er sie auch. Zur Tat soll es dann später in seinem Hotelzimmer gekommen sein. Die Entourage Ronaldos sowie eine Freundin von ihr seien mit in der Suite, aber nicht mit im Raum gewesen, so Mayorga. Der Fussballer negiert weder den Geschlechtsverkehr – er sei jedoch einvernehmlich vonstattengegangen – noch die Schweigegeldvereinbarung, diese habe er aber nur auf juristisches Anraten unterschrieben, sagt sein Anwalt Peter Christensen: «Keineswegs kommt sie einem Schuldeingeständnis gleich.»

Im Mittelpunkt des von der Klägerin angestrebten Zivilprozesses dürfte ihre Glaubwürdigkeit stehen sowie die Frage der Anerkennung von Beweismitteln wie der gehackten Dokumente. Anwalt Christensen bezeichnet sie als teilweise manipuliert und hinsichtlich der kompromittierenden Äusserungen Ronaldos als «reine Erfindung». Noch höher wären die Anforderungen bei einem Strafverfahren, das Ronaldo theoretisch lebenslänglich in ein amerikanisches Gefängnis bringen könnte. Die Polizei will ihn demnächst vernehmen, noch ist unklar, ob als Zeuge oder Beschuldigten. 

Während Mayorga ihren Job als Lehrerin aufgegeben und sich an einen unbekannten Ort zurückgezogen hat, angeblich ausserhalb der USA, will Rechtsbeistand Leslie Stovall von weiteren drei potenziellen Opfern wissen: «Ich verifiziere noch Informationen.» Bereits 2005 gab es in England einen Vergewaltigungsvorwurf zweier Frauen, der aber bald zurückgezogen wurde. Auf der anderen Seite sagte zuletzt eine weitere Verflossene aus dem Jahr 2009, Raffaella Fico: «Zu mir war er immer ein Gentleman.» 

Die Fassade bröckelt

Schon unter normalen Umständen stellt sich bei Ronaldo allerdings die Frage: Wer kennt ihn wirklich? Der Dokumentarfilm «Ronaldo», aufgenommen in der Zeit zwischen Shayk und Georgina, zeichnete das Bild eines einsamen Mannes mit nur zwei echten Bezugspersonen. Eine ist Mutter Dolores, die ihn und seine drei Geschwister unter prekären Bedingungen und mit einem alkoholkranken Ehemann grosszog, ehe er mit zwölf von Madeira ins Fussballinternat von Sporting Lissabon übersiedelte. Die andere Vertrauensperson ist sein Karriereplaner Jorge Mendes, der die vakante Vaterrolle übernahm und mit seinem Premiumklienten zum mächtigsten Spielerberater im Fussball aufstieg.

Cristiano Ronaldo Dolores dos Santos Aveiro
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Enge Bande: Mutter Maria Dolores dos Santos Aveiro mit Sohn Cristiano und Enkel Cristiano Jr. im Jahr 2015.

United in England, Real in Spanien, Juventus in Italien: Ronaldo wird die drei grössten Klubs der drei grössten Fussball-Ligen erlebt haben, wenn dereinst selbst sein mit Kältekammer und Schlaftrainer getunter Modellkörper die Anstrengungen des Fussballs nicht mehr ertragen kann. Danach sollte es eigentlich in die USA gehen, am besten nach Hollywood. Schon die Eltern benannten ihn einst nach dem Schauspieler Ronald Reagan, dessen Filme sie liebten. Doch wie sich der Kreis für Cristiano Ronaldo schliesst, das entscheidet sich nun womöglich auf ganz anderem Gebiet. 

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