Charlotte vs. Norah Das Duell der Pop-Ikonen

Innerhalb einer Woche bespielen beide denselben Konzertsaal: Charlotte Gainsbourg und Norah Jones kommen nach Zürich. Beide Frauen überzeugen in vielen Disziplinen, gelten als Vorbilder, Popgrössen und Stilikonen - SI online hat die beiden Sängerinnen genauer unter die Lupe genommen.
Welche Stil- und Pop-Ikone macht das Rennen im SI-online-Duell: Charlotte Gainsbourg oder Norah Jones?
© DUKAS Welche Stil- und Pop-Ikone macht das Rennen im SI-online-Duell: Charlotte Gainsbourg oder Norah Jones?

HERKUNFT:
Norah Jones', 33, Vater, Ravi Shankar, ist der bekannteste zeitgenössische Musiker Indiens. Das Spiel auf seinem Instrument, der Sitar, brachte er sogar George Harrison bei. Und er gibt heute, im Alter von 92 Jahren, noch immer Konzerte. Über die Eltern von Charlotte Gainsbourg,40, gibt es wenig, was noch nicht gesagt worden wäre. Über Serge Gainsbourg und Jane Birkin wurden Bücher geschrieben, Liedtexte verfasst, Filme gedreht. Und: Gemeinsam haben sie 1969 das Duett «Je t’aime… moi non plus» aufgenommen, den skandalträchtigsten Liebessong aller Zeiten. // Charlotte - Norah: 1:0

LIVE-AUFTRITTE:
Ob Flugzeugabsturz, Muttermal oder Schädelbohrung, über all das singt Charlotte Gainsbourg wie von einer Xanax-Wolke herab. Von der Coolness, die wir von ihr aus dem Kino gewohnt sind, bringt sie vergleichsweise wenig auf die Bühne. Hölzern, steif, schüchtern - ihre Fragilität ist ihr grösster Feind an Live-Auftritten. Norah hingegen weiss ihre Weiblichkeit, Verspieltheit und die Erfahrung von zig hundert Gigs routiniert, professionell und sexy einzusetzen. Ganz zu schweigen vom beruhigenden Soul ihrer Stimme und ihrem versierten Umgang mit Instrumenten (Piano, Orgel, Gitarre, Mellotron). // Die immer Geniessende punktet haushoch gegen die ewig Leidende, 1:1

COVERSONGS:
Über Geschmack lässt sich streiten. Doch wie Norah Jones die Liebeshymne «Jesus, Etc.» von Wilco einer Frischzellenkur unterzog, das kommt einer Offenbarung gleich. Dagegen schafft es das flüsternd geseufzte «Just Like a Woman» (Bob Dylan) von Charlotte knapp über den Bühnenrand hinweg. Ansonsten beweisen beim Covern beide Geschmack: Norah setzt auf Neil Young, Johnny Cash, The Kinks, Hank Williams, Charlotte auf Bowie, Dylan - und ihren Daddy. // knapper Punkt nach Videobeweis für Norah, 1:2

PRODUZENTEN:
Das Anbandeln mit dem Mann der Stunde, Danger Mouse (Mitglied von Gnarls Barkley und Broken Bells, produzierte für die Black Keys, Beck, Gorillaz, ROME), bringt Norah neues (trendigeres) Publikum, die Anerkennung der Musikkritiker und den bislang sehnlichst vermissten «Dreck» im Sound. Doch worauf Norah reichlich spät aufstieg, darin ist Charlotte längst sattelfest. Sie arbeitete mit Air an der ersten, mit Jarvis Cocker (Pulp) an der zweiten Platte, und die dritte produzierte Beck, dessen Touring-Band sie auf ihrer Tournee begleitete. // routinierter Treffer zum Ausgleich, 2:2

SCHAUSPIELEREI:
Was Serge Gainsbourg wie kein zweiter konnte, bringt Regisseur Lars von Trier genauso gut (nur weniger oft) hin: Skandale. Umso bemerkenswerter also, dass Charlotte zu seiner neuen Muse avancierte. Für ihn mimt sie vom Leben gequälte Frauen mit Hang zu Exzessen («Melancholia») und Selbstverstümmelung («Antichrist»). Rollen in der Dylan-Hommage «I’m Not There», Michel Gondrys «La science des rêves» und als Sean Penns Frau in «21 Grams» waren leicht weniger verstörend, aber immer ebenso zu ihr passend. Der einzige Fehlgriff: natürlich eine Komödie, «Prête-moi ta main». Dagegen verblasst Norahs Auftritt in «My Blueberry Nights» von Wong Kar Wai, auf den sie ruhig hätte verzichten können (wie wir auch). // Profi über Hobby: Charlotte spielt sich in Führung, 3:2

LIFESTYLE:
Das Leben in Paris, ihr Ehemann, Schauspieler Yvan Attal, und ihre zwei Kinder stehen der grossgewachsenen (173 cm) Madame Gainsbourg so gut wie sozusagen jeder Modelook. Sie beweist nicht weniger Fashion-Kompetenz als It-Girl Alexa Chung und trägt die Lederjacke wie Kate Moss – ihre reduzierte Attraktivität funktioniert im Alltag besser als auf der Bühne, wo ihre natürliche Schönheit ihr immer leicht im Wege steht. Diese Wandelbarkeit äussert sich bei Norah Jones meist als leicht verkrampfte Maskerade. Für ihr Nebenprojekt El Madmo verkleidet sie sich mit blonder Perücke; für das aktuelle Cover von «Little Broken Hearts» stellte sie das «Mudhoney»-Filmplakat nach. Obschon: Das hätte sie alles gar nicht nötig. Ob mit Chaplin-Melone, ewigroten Lippen, kurzem oder gelocktem, langem Haar - die Rolle der unschuldigen Verführerin ist ihr auf den Leib geschneidert. // ein Punkt für Authentizität 4:2

INTERVIEWS:
Die Ehrlichkeit ist der grösste Vorzug der Französin. Diese, obschon ähnlich verschlossen und privat wie Norah Jones, lässt hie und da in ihre Seele blicken, legt Schwächen dar: «Ich wäre gern exzentrisch. Aber als Kind war ich sehr spiessig, und das habe ich noch immer in mir.» Bei Norah klingt Ehrlichkeit so: «Ich habe nie dran gezogen [an Willie Nelsons Joint, Anm. d. Red.] (…) Ich will nicht total high werden und dann ins Bett fallen.» No comment. // Gewinnerin nach Punkten: Charlotte lässt ihre Konkurrentin hinter sich, 5:2 Endstand

Charlotte Gainsbourg: Konzert im Kaufleuten, 25. Mai 2012
Norah Jones: Kaufleuten, 30. Mai 2012 (Showcase) / Gurtenfestival, 12. Juli 2012 (Tickets noch erhältlich)

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