Donald Trump am WEF in Davos «Ich bin ein Genie»

Er macht Politik, als wärs eine Dokusoap. Donald Trump zielt auf Lacher und lügt wie gedruckt. Jetzt will er am WEF in Davos die Welt verführen.
Donald Trump
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Hemdsärmlig: Trump tauscht sein Jackett gegen eine Bomberjacke. Gattin Melania staunt und lacht.

Es sind ganze 81 Wörter. Und die lernt jedes Kind in Amerika in der Schule auswendig. Schliesslich beschwört die Nationalhymne das «Land der Freien und die Heimat der Mutigen». Doch als Donald Trump Anfang Januar in Atlanta vor dem Final um die College-Football-Meisterschaft auf dem Spielfeld mitsingen soll, murmelt er nur ein paar Passagen und scheint den Rest vergessen zu haben. Der Präsident, der bei jeder Gelegenheit Patriotismus predigt, scheitert an dieser einfachen Aufgabe.

So was hat es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten noch nie gegeben. Es hat auch noch keinen Mann im Weissen Haus gegeben, der im ersten Jahr seiner Amtszeit derart unbeliebt war. Und noch keinen, der so oft die Unwahrheit sagt. Ende 2017, als gerade mal elf Monate von Trumps Präsidentschaft vorbei sind, veröffentlicht die «Washington Post» eine Liste mit 1950 «falschen oder irreführenden Behauptungen».

Inaugurationsfeier
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Start mit Fake News: Bereits bei der Inaugurationsfeier am 20. Januar 2017 schummelt Trump: Nie hatte einPräsident mehr Zuschauer!

Die Frage, was wahr ist und was nicht, was Donald Trump, 71, weiss und was nicht, was er vergessen haben könnte und was er einfach erfindet, ist zum Leitmotiv seiner Regentschaft geworden. Auch ein Jahr nach seiner Einschwörung staunt die Welt.

Dieser Präsident, der als Immobilien-Unternehmer mehrfach Konkurs anmelden musste, glaubt an seine Unfehlbarkeit wie der Anführer eines Kults. «In meinem Leben haben mich stets meine beiden stärksten Eigenschaften ausgezeichnet», schreibt er neulich auf Twitter. Seine «mentale Stabilität» und die Tatsache, dass er «richtig schlau» sei, werden doch durch seine Karriere hinreichend belegt. Er sei «ein Genie. Und ein mental gefestigtes Genie obendrein.»

Donald Trump
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Markenzeichen: Seine kunstvoll drapierte Haartolle ist die meistkarikierte Frisur der Welt.

Solche Selbstbeschreibungen alarmieren immer mehr amerikanische Psychotherapeuten. 27 von ihnen wirkten deshalb an einem Buch mit, das unter dem Titel «The Dangerous Case of Donald Trump» erschien und zum Bestseller wurde. Es warnt vor den Risiken für ein Land, das von einem Mann mit Anzeichen von Demenz und einem pathologischen Narzissmus regiert wird. Demnach droht den USA ein Abdriften in einen autoritären Staat, in dem ein Herrscher bestimmt, was wahr ist, wer vor Gericht kommt und wer im Gefängnis landet.

Diesen Charaktertypus hatte der 1980 im Tessin verstorbene Psychoanalytiker Erich Fromm so beschrieben: «Für den narzisstischen Menschen ist nur er und was ihn betrifft ganz real. Das, was ausserhalb ist, interessiert ihn nur insofern, als es ihn betrifft. Er hat keine Liebe, kein Mitgefühl, kein rationales, objektives Urteil. Er ist alles, die Welt ist nichts – oder vielmehr: Er ist die Welt.»

Donald Trump
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Live dabei! Für eine Videokonferenz mit Militärs lädt Trump an Heiligabend die Weltpresse zu sich nach Florida.

Narzisst Trump will überall die Deutungshoheit. Widerspruch versteht er nicht. Seine Gegner sind die Medien, die er mit dem Etikett Fake News abkanzelt. So will er Debatten um sein Können, sein politisches Programm und seinen Regierungsstil verhindern.

Journalisten wie Michael Wolff lassen trotzdem nicht locker. In seinem Enthüllungsbuch «Fire and Fury» liefert der New Yorker nach monatelangen Recherchen im Weissen Haus eine beängstigende Diagnose: Trump-Mitarbeiter sind besorgt. «Sie sagen alle, er ist wie ein Kind», verrät Wolff.

Ivanka Trump
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Wegweisend: In Orlando posiert Präsident Trump mit Melania für seine Fans.

Dieses politische Theater hätte das Zeug zu einer Reality-TV-Serie. Tatsächlich sieht die Wirklichkeit so aus: Mit Trump schlingern die USA in eine Verfassungskrise, weil das politische System nicht mehr funktioniert. Die republikanische Mehrheit im Kongress, die eigentlich die Regierung kontrollieren sollte, spielt Trump nur noch die Bälle zu. So versucht seine Partei, die Untersuchungen zum Einfluss russischer Hacker auf die Wahl 2016 zu torpedieren.

Dabei hat die Arbeit des Sonderermittlers Robert Mueller schon innert weniger Monate gezeigt, dass es zwischen Trump-Helfern und Moskau Absprachen gab. Zwei weitere frühere Mitstreiter haben bereits zugegeben, das FBI belogen zu haben. Sie kooperieren nun mit den Spezial-Staatsanwälten gegen Trump, um längere Gefängnisstrafen zu vermeiden. Die Affäre erinnert an den Watergate-Skandal, der den damaligen Präsidenten Richard Nixon den Job kostete.

Ivanka Trump
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In der Air Force One: Tochter Ivanka besucht mit ihrer Familie ihren Daddy zum Golfweekend in New Jersey.

So weit sind die Ermittler noch nicht. Doch sie haben inzwischen mehrere Personen im Visier, die im Regime von Trump ohne jegliche Qualifikation Karriere machen und sich bereichern: die Söhne Don Jr. und Eric, Tochter Ivanka und deren Ehemann Jared Kushner. Typisch Trump: Sollten die Staatsanwälte ihnen Straftaten nachweisen, dürfte der Präsident sie begnadigen. Die Macht dazu hat er, sagt die Verfassung.

Dass sich Berater in einem solchen Milieu nicht lange halten, scheint kein Zufall zu sein. Selbst Chefstratege Steve Bannon ging vor Monaten von Bord. Zuvor war er mit seiner stramm rechtsgerichteten Website Breitbart als intellektueller Erklärer Trumps aufgetreten. Auch Stabschef Reince Priebus und Regierungssprecher Sean Spicer sind verschwunden. Spicer wurde berühmt, weil er sich zum Sprachrohr für zahllose Trump-Behauptungen gemacht hatte. Bereits am ersten Tag, als er sagte, bei Trumps Vereidigung vor dem Capitol wären mehr Besucher gewesen als je zuvor. Dass dies frei erfunden war, zeigt ein einziger Blick auf die Bilder von Obamas Einschwörung.

Steve Bannon
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Rausgestellt: Einflüsterer Steve Bannon machte Trump zum Präsidenten. Jetzt steht er auf der Strasse.

Der Bestseller von Michael Wolff wirft zum ersten Mal Licht auf eine wichtige Frage: Wieso hat jemand, der sich so wenig fürs Regieren und die Bedürfnisse der Wähler interessiert wie Trump, den Posten überhaupt angenommen? Die Antwort: Der 71-Jährige hatte offensichtlich keine ernsten Ambitionen auf das Amt, sondern wollte aus der Steigerung seiner Bekanntheit im Wahlkampf Kapital schlagen. Steve Bannon sah in der Wahlnacht einen Mann, der über den überraschenden Erfolg «entsetzt» war.

Meine beiden stärksten Eigenschaften: Ich bin mental stabil und richtig schlau

Die Journalistin Elizabeth Spiers, die für Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und dessen Wochenblatt «New York Observer» gearbeitet hat, findet diese Deutung plausibel. Nur so lasse sich nachvollziehen, welches Chaos vor einem Jahr in Washington ausbrach, warum Trump dauernd Golf spielt und weshalb er sich ohne politisches Geschick auf Twitter äussert. «Nach seinem Sieg war sein Ego zu gross, um zuzugeben, dass er das weder wollte noch für den Job gemacht war. Er ist wütend, dass ihm die Präsidentschaft nicht automatisch Respekt verschafft. Und dass seine Entscheidungen nicht das letzte Wort sind.»

Donald Trump
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Voll fett: Auf Tour in New Hampshire stibitzt Trump den Schlagrahm von seiner heissen Schokolade.

Aber Trump weiss durchaus, wie man sich präsidial inszeniert, und tut dies mit Vorliebe im Ausland. Deshalb will er auch zum World Economic Forum nach Davos fliegen. Die Veranstaltung ist eigentlich ein Symbol für all das, wogegen der ehemalige Chefstratege Bannon im Wahlkampf und Anfang 2017 Stimmung machte: Das Treffen repräsentiert eine Weltwirtschaft mit offenen Grenzen und freiem Geldfluss.

Was Trump in der Schweiz tatsächlich will, ist nicht klar. Nur so viel lässt sich sicher sagen: Für den Mann, der auf Gebäude und Golfklubs penetrant seinen Namen pflanzt, gibts nichts Wichtigeres, als dass ihm die ganze Welt Beachtung schenkt. Das dürfte ihm mit seinem Ausflug ins Prättigau auf jeden Fall gelingen.

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