Jürgen Drews Eine Nacht mit dem König

Wenn Jürgen Drews montagnachts in Mallorca auf die Bühne tritt, brennt der Laden. Frauen, die seine Töchter sein könnten, stürmen die Bühne, Schweiss und Bier fliessen in Strömen. Wie schafft es der 65-Jährige, Woche für Woche die Massen zu begeistern? SI online wollte es wissen und begleitete den König – und erlebte eine Nacht voller Überraschungen.

Es ist Montagnachmittag auf Mallorca: «Wartet bei den vier Mülltonnen auf mich, um Punkt ein Uhr fahre ich mit meinem gelben Flitzer vor», verspricht Jürgen Drews am Telefon. Der König von Mallorca meint ein Uhr nachts, denn sein wöchentlicher Auftritt in der MegaArena am Ballermann beginnt erst, wenn die Partygänger schon warmgefeiert sind. Vielleicht nimmt Drews es deshalb nicht so genau mit der Zeit – um 1.30 Uhr ist vom gelben Flitzer nämlich noch nichts zu sehen. Als er kurz darauf vorfährt, tummeln sich bereits einige Fans vor dem Hintereingang der Disco. Foto hier, Foto da, Jürgen nimmt sich Zeit, auch wenn er die eigentlich nicht mehr hat. Der Club-Manager drängt.

Zehn Minuten später sitzen wir in einem stickigen Büro, das dem König als Umkleide dient. Wir erfahren, dass Drews bis ein Uhr geschlafen hat, das mache er immer so. Zeit für eine Frage an den müden Künstler: Warum tut sich das ein 65-jähriger Mann an? «Ich bin nicht müde, weil ich nicht mehr 20 bin, sondern weil ich so viel zu tun habe im Moment. Ich brauche die Nähe zum Publikum, die Jugendlichen sind für mich wie ein Aphrodisiakum.» Und komischerweise passe er einfach in dieses Ferienprogramm. Er bedient verschiedene Zielgruppen, singt Pop, Party und Schlager oder wie er es definiert: «Ich mache ja alles!»

Innert 20 Minuten legt der Deutsche einen Seelenstriptease hin. Wir erfahren, dass er oft stöhnend auf die Bühne geht, sich aber so selbst therapiert. Dass er sein ganzes Leben zwischen den Stühlen sitzt – und das gewollt. Ausschliesslichkeit macht ihm Angst, deswegen ist er immer wieder ausgebrochen, deswegen war er nie «on top». Das Risiko bedeutet ihm mehr als das schnelle Geld – «der Wandel macht das Leben interessant, sonst kannst du ja gleich abtreten.» Der Mann lebt eine Midlife-Crisis! «Die hatte ich schon mit 14 und sie dauert bis heute an. Ich werde ihn die Grube gehen und habe mich selbst noch nicht gefunden», bestätigt er.

Kurz nach 2 Uhr wird der Manager wieder nervös. Jürgen muss los, will aber noch nicht. Er will reden. Während er sich umzieht (er hat wirklich keine Berührungsängste) schwärmt er von seiner Tochter Joelina, seiner Frau Ramona. Und: Der Mann ist nervös. Obwohl er Montag für Montag das gleiche Programm runter spult? «Routine gibt es nicht, du weisst nie was da draussen passiert.» Deshalb setzt er jetzt sein Showlächeln auf, um «die Emotionen im limbischen System anzukurbeln». Das sage einem schliesslich jeder Therapeut.

Um 2.30 Uhr geht’s dann tatsächlich los. Jürgen marschiert durch die Lagerräume des Clubs, über die Tanzfläche, auf die Bühne. Die Menge tobt, er singt «Ein Bett im Kornfeld». Der Entertainer tanzt als gäbe es kein Morgen, singt, klatscht und wird Teil des Publikums. Spätestens jetzt ist klar, warum er mit seinen 65 Jahren tatsächlich an den Ballermann passt. Nur etwas unterscheidet ihn von seinen Anhängern. Während die Urlauber die Nacht zum Tag machen, gehen bei Drews nach der Show die Lichter aus: «Ich gehe ans Meer und muss alleine sein. Ich bin ein Einzelgänger, immer schon.» Sagt der Jürgen Drews, der stets die Bestätigung anderer sucht, und untermauert damit, dass er sich wohl tatsächlich noch lange nicht gefunden hat.
 

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