People-Expertin Eva Kohlrusch «Es geht um Sehnsucht und um eine durchaus egoistische Freude»

Eva Kohlrusch ist «Bunte»-Kolumnistin. Gemeinsam mit ihrem Mann kümmerte sie sich acht Jahren um eine Pflegetochter.
People-Expertin Eva Kohlrusch und der Wunsch nach einem Kind
People-Expertin Eva Kohlrusch und der Wunsch nach einem Kind

Dieser sehnsüchtige Wunsch, ein Kind zu haben – warum verblasst er nicht, wenn der Körper nicht mitmachen will? Schnell reagieren selbst gute Freunde mit Vorbehalten: Ist es nicht egoistisch, wird es nicht zur Obsession, zu anmassend, zu trickreich, wenn man unbedingt ein Kind will, sei es mithilfe künstlicher Befruchtung oder per Adoption?

Die Selbst­befragung holt Beglückendes hervor: Es geht um die archaische Sehnsucht nach nicht endender Wiederholung; das Verlangen, sich selbst fortzusetzen. Und es geht um die durchaus egoistische Freude, einer schutzlosen kleinen Seele die Welt zu öffnen, sich darin noch einmal selbst zu spiegeln, geliebt zu werden von einem gänzlich unvoreingenommenen Wesen.

Wer an Adoption denkt, stösst auf Konflikte. Das Kind wird ja aus seinem Kulturkreis in eine Fremdheit gerissen, vielleicht nicht einmal um seiner selbst willen, sondern weil du dir in den Kopf setztest, auf diese Weise gegen das Elend der Welt anzutreten. Vergiss nur ja nie, dass geeignete Eltern für ein Kind gesucht werden, nicht ein passendes Kind für Menschen, die unbedingt Eltern werden wollen!

Was das betrifft, verwirren manche Vorbilder, seit Prominente mit merkwürdigem Eifer dazu übergingen, sich – wie Angelina Jolie oder Madonna – Adoptivkinder aus buntesten Ländern zusammenzupflücken, als ginge es um Gutmenschen-Statements. Und doch: Niemandem sei unterstellt, dass da nicht auch der Blitzschlag Liebe im Spiel ist.

«Er hat mir das Herz gestohlen», sagte Elton John, als er einen kleinen rumänischen Jungen adoptieren wollte. Das Land lehnte ab; der Sänger sei unverheiratet und mit 62 Jahren zu alt. Diese Vernunft ist richtig, doch weiss ich, dass selbst ein längst zu den Akten gelegter Kinderwunsch schnell wieder aufflammen kann, wenn ein reales Kind vor dir steht.

Als mir eines Tages eine türkische Grossmutter leise, leise ihre vierjährige Enkeltochter in den Weg schob, weil sie meinte, ich könne dem Kind eine gute Zukunft bescheren, war da gar kein rationales Abwägen – es passierte, was bei allen Liebesgeschichten passiert: Es war um mich geschehen. Ich träumte von Adoption, war aber einverstanden, die kleine Özlem als geliehenes Kind zu mir zu nehmen.

Du wirst sie eines Tages wieder hergeben müssen, mahnten meine Freundinnen. Dieses vor­bedachte, eventuell radikale Loslassenmüssen geht wohl als Schmerz bei allen Pflegeeltern mit – und wird doch nicht ver­hindern, dass man sich ganz und gar einlässt.

Für uns folgten acht glücklichste Jahre. Mein Mann und ich sassen am Wochenende stets mit Özlems Grosseltern und sämtlichen Mädchen unseres Dorfes am Tisch. Als sie 14 war, nahmen die Grosseltern sie mit zurück in die Türkei. Diese Wunde schmerzte lange. Özlem verkraftete den Bruch schneller; auf gewisse Weise kam sie ja «nach Hause». Was also ist es, das uns den tiefen Wunsch nach einem Leben mit einem Kind ins Herz legt?

In seinem Buch «Kindergeschichte» schreibt Peter Handke: «Es war nicht bloss Verantwortung, was der Mann beim Anblick des Kindes fühlte, sondern auch Lust, es zu verteidigen, und Wildheit: Die Empfindung, auf beiden Beinen dazustehen und auf einmal stark geworden zu sein.» Danach sehnen sich nicht nur Eltern.

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