Das Drama seines Lebens Jan Ullrichs Absturz vom Helden zum Drogenabhängigen

Velo-Idol Jan Ullrich begeisterte in epischen Duellen mit Lance Armstrong die Welt. Jetzt kämpft er gegen Drogen und um seine Buben. Letzter Akt im Drama seines Lebens: Randale bei Finca-Nachbar Til Schweiger, Tumult um ein Escortgirl und Polizeieinsatz.
Jan Ullrich
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Einst angehimmelt, jetzt bemitleidet: Radlegende Jan Ullrich.

Es ist dieser eine Moment, als es aus der einst umjubelten Radlegende Jan Ullrich herausbricht. Bei einem Besuch im Mai auf seiner Finca auf Mallorca schleppt er aus dem Wohnzimmer mitten im Gespräch plötzlich den dicken Band mit 60 Jahren Schlagzeilen der «Bild»-Zeitung auf die Terrasse. Er blättert bis zum Juli 1997, bis zu seiner Schlagzeile. «Gigant Ullrich – Er fährt sie alle platt», steht da. Jan Ullrich, 44, guckt kurz auf die Seite, stampft dann dreimal mit dem Fuss darauf herum und wütet: «Damals war ich für alle noch der Grösste. Jetzt hacken alle auf mir herum.»

Jan Ullrich, der erste grosse gesamtdeutsche Held nach der Wiedervereinigung. Als er 1997 die Tour de France gewinnt, versammeln sich Menschenmassen für ein Radrennen vor den Fernsehgeräten wie sonst nur bei einer Fussball-WM. Ullrich ist für den deutschen Sport eine Ikone geworden wie Franz Beckenbauer, Michael Schumacher oder Boris Becker.

Jan Ullrich, der Abgestürzte. In einer Suchtklinik in Deutschland kämpft er 21 Jahre später gegen seine Dämonen. Seine Gegner heissen nicht mehr Lance Armstrong oder Marco Pantani. Sondern Kokain, Amphetamin und Alkohol.

Jan Ullrich
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Im Zenith: Jan Ullrich gewinnt die Tour de France 1997.

Der Doping-Skandal brachte sein Denkmal zum Einsturz

Das Mosaik seiner Tragödie setzt sich aus zahlreichen Teilen zusammen. Jan Ullrichs Leben ist früh geprägt von Kampf und Problemen. Die Verhältnisse in seiner Kindheit und Jugend sind ärmlich («Bis ich 13 war, ging ich immer hungrig ins Bett»), sein Vater ist alkoholkrank. Im Radsport findet Ullrich Halt, aber das bedeutet irgendwann auch Druck und Verzicht.

Schon während seiner Karriere beginnt er, Probleme, Ärger und depressive Stimmungen mit Alkohol und Drogen runterzuschlucken und runterzuspülen, statt sie zu bekämpfen. Das bringt ihm neue Probleme, doch gelernt hat er daraus nicht.

Eines von Ullrichs grössten Traumata ist zweifellos der Einsturz seines Denkmals nach dem Doping-Skandal. Bis heute fühlt er sich zu Unrecht bestraft und als Betrüger gebrandmarkt. Er hat doch nur das getan, was alle anderen auch taten: «Betrug fängt für mich dann an, wenn ich mir einen Vorteil verschaffe. Dem war nicht so. Ich wollte für Chancengleichheit sorgen.»

«Meine Kinder sind meine beste Therapie»

Es ist ein wiederkehrendes Motiv, dass Ullrich getrieben wird von dem Gefühl, immer nachgeben zu müssen, obwohl er doch im Recht sei. Das macht ihn wütend, verzweifelt, hilflos. Es lässt ihn immer wieder zurückgreifen auf seine Strategie der Flucht in den Rausch und die Betäubung. Und es sorgt dafür, dass er immer mehr verliert.

Seine Frau Sara, 40, mit der er im Thurgau sein Leben nach dem Profisport genoss, hat ihn verlassen, ihm zum Schutz der Kinder vorerst seine drei Söhne entzogen. «Meine Kinder sind meine beste Therapie», sagt Ullrich. Dass er sie aber nur mit einer Therapie wiedersehen wird und die Situation selbst verschuldet hat, begreift er erst langsam und widerstrebend. «Immer muss ich nachgeben», sagt er in einem Gespräch dazu. Da ist es wieder, das Gefühl, unfair und ungerecht behandelt zu werden.

Jan Ullrich Sara Kinder Max Benno Sarah Maria
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Flüchtiges Familienglück im Thurgau: Jan Ullrich 2012 mit Ehefrau Sara und den Söhnen Max und Blondschopf Benno sowie Sarah Maria aus einer früheren Beziehung.

 
 

Die gescheiterte Beziehung mit Sara, mit der er seit 2006 verheiratet ist, hat viele Fundamente in seinem Leben zum Einsturz gebracht. Sie dominierte die Beziehung. Damit hat sie Jan Ullrich in gewissen Grenzen eingeengt, aber auch Halt, Führung und Schutz gegeben. All das fällt gerade weg. Jan Ullrich ist frei. Es ist eine trügerische, gefährliche Freiheit, denn er kann mit ihr nicht umgehen.

Zwei Lager streiten sich um Ullrich

Das, was er zum (Über-)Leben braucht – Liebe, Harmonie und Familie –, hat er selbst vertrieben: «Niemand hat so ein vernarbtes Herz wie ich.» Und je mehr er das mit der fatalen Flucht in den Rausch kompensiert, desto ferner rückt die Chance, all das jemals wiederzukriegen. Der Strudel der Sucht.

Jan Ullrich
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Hilfe: Jan Ullrich befindet sich gerade im Drogen- und Alkoholentzug - für seine Kinder.

Das einstige Idol der Deutschen, Jan Ullrich, hat noch immer viele richtige Freunde in seinem Umfeld, aber auch viele falsche. Es sind zwei Lager entstanden, die sich gegenseitig vorwerfen, Ullrich zum eigenen Vorteil zu manipulieren. Es ist zu bezweifeln, dass Jan derzeit in der Lage ist, Gut und Böse zu erkennen und zu trennen. Aber dass er den Schritt in die Therapie geschafft hat, macht Hoffnung.

Jan Ullrich ist mit seiner Finca-Randale und der Escortgirl-Eskapade in Frankfurt gewiss kein Heiliger, aber er ist vor allem ein Opfer seiner selbst.

«Quäl dich, du Sau!» Mit diesem Satz trieb ihn Teamkollege Udo Bölts 1997 zum Tour-Sieg. «Quäl dich, du Sau» – man möchte es Jan Ullrich auch jetzt ins Gesicht brüllen. Damit er die wichtigste Etappe in seinem Leben gewinnt.

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