«Das Jahr war eine Befreiung» Maria Scharapowa im exklusiven Interview

Sie ist eine Tennis-Ikone und die am besten verdienende Sportlerin der Welt. Nach einem Doping-Vergehen musste Maria Scharapowa wieder Tritt fassen. Die Russin spricht mit «SI Sport» exklusiv über ihren langen Weg zurück. 

Maria Scharapowa, Sie haben unzählige Fotoshootings gemacht. Trotzdem ist Ihnen der Spass noch immer anzusehen. Fühlt man sich in der Haut einer sehr attraktiven Frau einfach wohl?
Ich bringe den Begriff «attraktiv» nicht mit mir zusammen.

Möchten Sie denn nicht attraktiv genannt werden? Falls nein, könnten wir heute eine schöne Schlagzeile produzieren.
Das meine ich nicht. Ich laufe einfach nur nicht den ganzen Tag herum und rede mit mir selbst, um zu klären, was oder wer ich bin. Das hat für mich keine Bedeutung.

Erfolg produziert gesellschaftlichen Status. Und dieser Status produziert eine Aura. Beschreiben Sie Ihre Aura.
Es ist hart abzuschätzen, welche Energie oder was für ein Charisma man ausstrahlt. Aber ich hoffe doch, dass ich dabei zumindest leidenschaftlich, natürlich und authentisch wirke. Und dass ich jedes Mal ein kleines bisschen Humor mitbringe.

Maria Scharapowa
© Marco Grob
Auftritt: «Ich hoffe doch, dass ich leidenschaftlich, natürlich und authentisch wirke. Und jedesmal ein bisschen Humor mitbringe.»

In letzter Zeit mussten Sie fast ausschliesslich Fragen zu Ihrem Dopingfall beantworten. Sie haben Ihre Strafe akzeptiert und wollen nach vorn schauen.
Es war einfach nur richtig, es so zu machen. Ich war von Anfang an ehrlich und wahrhaftig. Wir haben einen Fehler gemacht, das wissen wir selber.

Ich habe die viele Zeit als Geschenk empfunden.

Was haben Sie während der Zwangspause mit der vielen freien Zeit angefangen?
Von allem ein bisschen. Wenn man ständig unterwegs ist und bei Turnieren antritt, verliert man einen grossen Teil seines Sinns für Zuhause, für die Familie und die Freunde. Ich habe die viele Zeit als Geschenk empfunden. Ich konnte mich endlich den Bedürfnissen von Leuten anpassen, die mir nahestehen. Anstatt dass sich alles um mich dreht.

Was waren die Höhepunkte?
Dass ich spontan sein konnte. Dass ich gehen konnte, wohin ich wollte. Dass ich auf Trips mit Leuten gehen konnte, die mich einluden. Ich mag es, einen strengen Zeitplan zu haben. Aber das Jahr war ganz ehrlich gesagt eine Befreiunng.

Maria Scharapowa
© Marco Grob
Neue Seite Entdeckt: «Wenn man unterwegs ist, verliert man einen grossen Teil seines Sinns für Zuhause, für Familie und Freunde. Darum war die Zeit ein Geschenk.»

Haben Sie ohne Wettkämpfe etwas von Ihrer mentalen Qualität eingebüsst?
Man kann beim Training ein bestimmtes Mass an Konzentration einfach nicht erreichen. Das hat mir gefehlt. Es war eine interessante Ausgangslage, denn wenn man so jung anfängt zu spielen, steckt das eigentlich einfach in einem drin. Aber ich musste tatsächlich wieder sehr hart daran arbeiten.

Sie haben Ihren 30. Geburtstag gefeiert, wie viel Kampfgeist ist noch in Ihnen?
Der Kampf entspricht meinem Charakter. Ich weiss und meine Gegnerin weiss, dass ich einfach nicht aufgebe, egal, ob ich einen guten oder schlechten Tag habe. Ich bin eine Perfektionistin, aber ich weiss auch: Ich bin nicht perfekt. Deshalb brauche ich die Motivation, besser zu werden. Sollte ich mich aber irgendwann nicht mehr anstrengen wollen, dann hat es wenig Sinn weiterzumachen. Einer ihrer härtesten Gegner im Moment ist der Ranglistencomputer.

Du kannst dein Gehirn zwingen, weiterzuarbeiten.

Momentan sind Sie von einer Teilnahmeberechtigung für die vier Grand-Slam-Turniere weit entfernt. Wie wollen Sie das ändern?
Indem ich von Turnier zu Turnier fliege und spiele. Von einem zum nächsten.

Sie haben einmal gesagt, Sie seien als Kriegerin geboren. Tennis ist so etwas wie eine zivilisierte Variante eines Duells.
Was ich meine, hat zunächst nur mit dem Arbeitsethos zu tun. So viele Spiele hast du eigentlich schon gewonnen, lange bevor du auf den Platz gehst. Du kannst dein Gehirn zwingen, weiterzuarbeiten, auch dann, wenn keiner zuschaut oder wenn es kalt ist, wenn es zu heiss ist, wenn es früh am Morgen oder spät in der Nacht ist. Und auch wenn du fünf Tage nacheinander gespielt hast und dein Körper eigentlich nicht mehr will. Das sind die Augenblicke, in denen du deine kleinen persönlichen Siege erringst, die du brauchst, bevor du die grossen Siege holst.

Maria Scharapowa
© Marco Grob
Traumauto: Scharapowa mit dem 550er Porsche Spyder: «Ich liebe Geschwindigkeit, und ich behaupte, ich fahre sehr sicher.»

Waren Sie schon immer auf Tennis fixiert?
Ich habe Rhythmische Gymnastik gemacht. Das hat mir gut gefallen. Und auch ein bisschen Boxen.

Für Gymnastik sind Sie ziemlich gross.
Ja, ich kam in eine Wachstumsphase, und das wars.

Sie haben einmal erwähnt, dass Ihre Kindheit sehr hart gewesen ist. Können Sie sich an Details erinnern?
Es gab einiges. In ein anderes Land umziehen, als siebenjähriges Mädchen für zwei Jahre allein mit deinem Vater. Und dort kann dir niemand wirklich helfen. Man vergisst das später wieder. Aber als ich in den vergangenen Jahren mein Buch geschrieben habe, kam vieles zurück. Dann denkst du: Wow, meine Familie hat eine Menge durchgemacht.

Gab es genug Geld für Essen und Miete?
Ja. Und es gab Liebe und die besten Vorsätze.

Wenn mich Menschen über Russland fragen, sage ich ihnen: Ihr müsst das Land selbst kennenlernen.

Wie sehr stört es Sie, wenn jemand wie John McEnroe erklärt, Tennisspielerinnen, und hier nannte er Serena Williams ausdrücklich, seien im Vergleich zu den besten Männern einfach nicht gut genug?
Als ich jünger war, habe ich Serena und Venus Williams erlebt, wie sie wie verrückt für Gleichbehandlung gekämpft haben. Ich weiss, wie schwierig das gewesen ist. Und ich weiss, was Billie Jean King geleistet hat, damit wir in die Position kommen konnten, die gleichen Prämien wie die Männer zu erhalten. Wenn dann John McEnroe in eine Talk-Show geht, um Werbung für sein neues Buch zu machen, sorgt das für Schlagzeilen. Aber es hat mit der Realität nichts zu tun.

Haben wir denn dieses Thema inzwischen hinter uns gelassen?
Wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Es geht nicht nur um Gleichbehandlung von Mann und Frau, es geht auch um Respekt. Diese Nackenschläge abzubekommen, ist nicht einfach. Das wirft uns um viele Schritte zurück.

Respekt ist ein gutes Stichwort. Welche Sportler respektieren und verehren Sie denn ganz besonders?
Das sind viele. Vom Tennis verstehe ich allerdings am meisten. Die Opfer, die man bringen muss, den Einsatz, die körperliche und die geistige Belastung, einfach alles. Tennis heisst ja nicht nur, gegen einen Ball zu schlagen. Ich weiss, wie es ist, glücklich, aber auch einsam zu sein. Ich rede viel über Serena. Ich habe Respekt davor, wie motiviert sie ist, wie sie diese Mühle in dem Alter durchhält, nachdem sie schon so viel erreicht hat. Das ist unglaublich: die Leidenschaft, der Kampfgeist.

Maria Scharapowa
© Marco Grob

Tennis- und Stil-Ikone Maria Scharapowa.

Sie hätten theoretisch wie so viele Teenager in Amerika aufs College gehen können, aber das hätte der Karriere als erfolgreicher Profisportlerin im Weg gestanden. Haben Sie das Gefühl, Sie hätten etwas versäumt?
Keineswegs. Was ich erhalten habe – die Erziehung im Tennis – hat das mehr als wettgemacht. Sicher, ich habe kein Diplom. Ich habe keinen Stempel auf einem Stück Papier. Dafür habe ich einen Abschluss in Lebensfragen gemacht, die man gar nicht in einem Seminarraum lernen kann.

Und Sie sind die wirtschaftlich erfolgreichste Sportlerin. Was leisten Sie sich?
Ich würde gern mehr in moderne Kunst investieren. Ich liebe Architektur und Kunst. Aber ich brauche mehr Zeit und müsste mehr davon verstehen. Ich will mich fortbilden. Ich will an die Art Basel gehen. Aber das hat noch nie in meinen Kalender gepasst. Es geht mir nicht so sehr um den finanziellen Aspekt. Ich habe Gemälde, die gar nicht teuer sind. Aber wenn ich nach Hause komme und sie sehe, machen sie mich sehr froh.

Sie sind eine Russin, die in Amerika lebt. In Zeiten von Donald Trump und Wladimir Putin sind die Beziehungen zwischen den USA und Russland angespannt. Wo stehen Sie? Haben Sie beide Pässe?
Nein, nur den russischen. Wenn mich Menschen über Russland fragen, sage ich ihnen: Ihr müsst das Land selbst kennenlernen. Ich kann nicht richtig ausdrücken, was mir gefällt. Es handelt sich um meine Familie, um meine Kultur, um die Mentalität. Auf der anderen Seite bin ich die Vereinigten Staaten gewohnt. An das Leben, an die Menschen, an die Einflüsse und die Kultur. Amerika ist nicht so dynamisch wie andere Länder. Aber es hat mir Möglichkeiten und Chancen gegeben. Man kann hier Dinge einfach und bequem erreichen. Das gibt mir ein Gefühl von Sicherheit. Genauso gut geht es mir in Russland, wo ich in meiner Muttersprache rede und bei meiner Familie in Sotschi sein kann. Mit Politik befasse ich mich zu wenig, um eine profunde Meinung haben zu können.

Sie arbeiten nach ihrer Sperre wieder mit Nike zusammen. Die Firma, die Michael Jordan nach seiner Karriere zu einem enormen Markennamen gemacht hat. Streben Sie etwas Ähnliches an?
Absolut. Ich habe dafür bereits einiges getan, damit ich eines Tages – hoffentlich – auch im Geschäftsleben etwas auf die Beine stellen kann. Es hat schon einige kleine Projekte gegeben. Ich liebe das. Davon hätte ich gern mehr. Aber momentan halte ich immer noch einen Schläger in der Hand. Ich bin noch nicht gegangen.

Fotos: Marco Grob für «SI Sport»

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