Michael Herbig kommt ans ZFF Der ewige «Ballon» in Bullys Kopf

Mit dem Thriller «Ballon», der Verfilmung einer wahren Geschichte, wechselt der Comedy-Star Michael Bully Herbig das Genre – hinter der Kamera als Regisseur und Produzent. Die «Schweizer Illustrierte» und das ZFF widmen ihm heute Donnerstag «An Evening with …».
Michael Bully Herbig am ZFF
© Keystone

Authentisch: Mit «Ballon» verfilmt Michael Bully Herbig eine der spektakulärsten Fluchten aus der DDR.

Es ist der 16. September 1979. Um drei Uhr morgens landet im bayerischen Naila, einem Grenzort zur damaligen DDR, ein Heissluftballon. Selbst gebaut aus dünnem Stahl und Stoff. Die Erbauer: Peter Strelzyk, damals 37, und Günter Wetzel, damals 24. Gemeinsam mit ihren Frauen und insgesamt vier Kindern gelingt ihnen in dieser Nacht die wohl spektakulärste Flucht aus der DDR. Der Münchner Michael Bully Herbig ist damals elf Jahre alt.

Bereits drei Jahre später verfilmt der US-Konzern Disney die Geschichte unter dem Titel «Night Crossing» («Mit dem Wind nach Westen»). Dem damals 14-jährigen Michael Herbig wird die Story nie mehr aus dem Kopf gehen: «Ich dachte, wenn Hollywood eine Geschichte verfilmt, die in Deutschland passiert ist, muss das etwas ganz Aufregendes sein. Viele Menschen haben Unglaubliches versucht, um aus der DDR zu fliehen. Aber sich zu acht in eine winzige Gondel an einem riesigen Ballon zu zwängen und auf 2000 Meter Höhe aufzusteigen, ist extrem waghalsig!»

Michael Bully Herbig am ZFF
© HO

Sein grösster Erfolg: «Der Schuh des Manitu» ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Filme. 

Die Jahre ziehen ins Land. Mit der «Bullyparade» (1997 bis 2002) schreibt Michael Herbig Fernsehgeschichte. Mit den Kino-Komödien «Der Schuh des Manitu» (2001) und «(T)Raumschiff Surprise – Periode 1» (2004) und weiteren Erfolgskomödien wird er zu einem der grössten Comedy-Stars Deutschlands, vor und hinter der Kamera.

2000 Seiten Stasi-Akten gesichtet

Bei einem Vortrag an der Deutschen Filmakademie im Jahr 2011 wird der Schauspieler, Regisseur, Autor und Produzent gefragt, ob er sich auch mal einen Genre-Wechsel vorstellen könne. Und da ist er wieder, der Heissluftballon, der seit so vielen Jahren in Bullys Kopf herumtreibt. Natürlich kann er sich das vorstellen. In der Runde befindet sich tatsächlich ein Autorenduo, das bereits ein Treatment über den Stoff geschrieben hat. Sie kommen ins Gespräch, beschliessen zusammenzuarbeiten. Anders als die Autoren Kit Hopkins und Thilo Röscheisen möchte Herbig die Geschichte nicht als Fiktion verfilmen, sondern mit den echten Namen und dem Einverständnis der Protagonisten. Das Projekt «Ballon» ist geboren.

Michael Bully Herbig am ZFF
© HO

Vielversprechend: Am 4. Oktober zeigt Regisseur Michael Herbig seinen neusten Film «Ballon» und ist Gast der «Schweizer Illustrierten».

Als er Kontakt mit den Familien Strelzyk und Wetzel aufnimmt, ist eine gewisse Nervosität nicht von der Hand zu weisen. «Natürlich war meine grösste Sorge, dass sie denken: ‹Da kommt ein Komiker aus Bayern – will der uns auf den Arm nehmen?› Aber das war schnell vom Tisch. Sie haben erkannt, dass ich in erster Linie ihre Geschichte dem heutigen Publikum näherbringen möchte. Mir war ihr Vertrauen wichtig.

Ohne ihre Zustimmung hätte ich den Film nicht gedreht», sagt Michael Herbig. Danach beginnt die Arbeit. Herbig und sein Team können dank den Familien 2000 Seiten Stasi-Akten sichten, die nach der Flucht angelegt wurden. Das Drehbuch nimmt Form an. Bis sich herausstellt, dass die beiden Familien damals die kompletten Rechte ihrer Lebensgeschichte an den Disney-Konzern verkauft haben. Jahrelang versucht Michael Herbig erfolglos, an die Rechte zu kommen. Schliesslich gelingt es ihm mithilfe des deutschen Hollywood-Regisseurs Roland Emmerich, die deutschsprachigen Remake-Rechte zu bekommen. Endlich kann es losgehen.

Ich wollte eine bestimmte DNA in dieser Produktion haben

Dass er sich dabei auf die Rolle des Regisseurs und Produzenten beschränkt, ist für Bully klar. «Ich weiss, dass ich mit meinem Gesicht vor der Kamera relativ schwer das Genre wechseln kann. Aber wenn ich konsequent hinter der Kamera bleibe, kann dieser Wechsel gut gelingen. Auch wenn es durchaus Leute geben mag, die sich schwertun damit, dass Bully einen Thriller über deutsch-deutsche Geschichte gedreht hat. Aber der Star des Films ist die Geschichte der Familien Strelzyk und Wetzel. Und der Ballon, den wir in Originalgrösse nachgebaut haben.»

Die Rollen von Peter und Doris Strelzyk übernehmen Friedrich Mücke («SMS für dich») und Karoline Schuch («Katharina Luther»). David Kross («Der Vorleser») und Alicia von Rittberg («Jugend ohne Gott») spielen Günter und Petra Wetzel. Mücke und Schuch stammen aus Ostdeutschland, auch wenn sie beim Mauerfall noch Kinder waren. «Ich wollte eine bestimmte DNA in dieser Produktion haben», sagt Michael Bully Herbig. «Mir war wichtig, dass möglichst viele Schauspieler und Teammitglieder einen Bezug zum Osten haben.» Übrigens: Wer am Schluss von «Ballon» ganz genau hinschaut, entdeckt zwei besondere Gastschauspieler. In der letzten Szene des Films sitzen Günter und Petra Wetzel in der Flugplatz-Kantine in Kulmbach im Bildhintergrund.

Jeder Abend mit meiner Familie ist ein Genuss

Was für ein Projekt! Fast 40 Jahre nach der spektakulären Flucht kommt «Ballon» endlich in der deutschen Version in die Kinos. 30 Jahre nach der Erstverfilmung nimmt sich Bully Herbig nun seines Traums an. «Ich bin jetzt reifer für die Geschichte, als ich es zehn Jahre vorher gewesen wäre», sagt er. «Vor allem habe ich inzwischen selbst ein Kind. Ich kann besser nachvollziehen, was es bedeutet, mit seiner Familie in einen selbst gebauten Heissluftballon zu steigen und damit auch ihr Leben zu riskieren, um ihnen eine andere Zukunft zu ermöglichen», sagt der Vater eines Achtjährigen.

Michael Bully Herbig am ZFF
© HO

Im Doppelpack: Mit seinem «Die Bully Parade»-Kollegen Christian Tramiz arbeite Michael Herbig an mehreren Filmen.

Mit Sohn Ben und Ehefrau Daniela würde Michael Herbig denn auch seinen idealen Abend verbringen: «Jeden Abend, den ich mit meiner Familie zu Hause verbringe, ist ein Genuss.» Ein solcher wird sicherlich auch «An Evening with Michael Bully Herbig» am ZFF. Der Abend, an dem natürlich auch Herbigs «Ballon» gezeigt wird, steht ganz im Zeichen des deutschen Comedians, Schauspielers, Autors, Regisseurs und Produzenten. Man darf gespannt sein – und sich nicht nur auf einen ungewöhnlichen Film freuen, sondern auch auf ein launiges Gespräch mit einem spannenden Protagonisten.

Apropos Freude: Natürlich freut sich Michael Bully Herbig aufs Zurich Film Festival. Aber was hat es ihm noch angetan in der Limmatstadt? «Ganz besonders freue ich mich auf Zürcher Geschnetzeltes», gesteht er.

Auch interessant