«Eine Schwalbe überwindet noch keinen Sommer» Michael Mittermeier träumt vom WM-Sieg der Schweiz

Der deutsche Kultkomiker Michael Mittermeier glaubt an die Schweiz als Fussballweltmeister. Und nach dem Ausscheiden des deutschen Teams steht dem (fast) nichts mehr im Wege. Wie die Schweizer Fans dann «Achtfachadler aus Käse» formen, und warum er wieder in Ruhe schlafen kann. 
Schweizer Fussball-Nati
© Adrian Bretscher

Auf dem Weg zum WM-Titel? Die Nati-Spieler Frei, Sommer, Schär, Seferovic, Rodríguez und Akanji (v. l.).

I have a dream! In diesem Traum wird die Schweiz Fussballweltmeister. Endlich! Und nach dem gewonnenen Endspiel versammeln sich alle Schweizer in München und rasten aus. Völlig enthemmt geben sie sich die Hände, lassen lächelnd die Apéro-Tabletts kreisen, winken dem leisen Tesla-Autokorso zu, entschuldigen sich bei allen anderen Nationen und setzen ein riesiges Fonduekächeli auf.

I have a dream! Einige Berner eskalieren, brüllen im Flüsterton: «S isch super xi!», und ein Quartett seliger Eidgenossen versucht, einen Achtfachadler aus Käse zu formen. Ein Auto, das hupt, wird sofort streng zurechtgewiesen. Doch dann wird das ekstatische Gemurmel plötzlich übertönt von einem 300 Meter entfernt weinenden Serben. Davon wache ich jedesmal auf.

Michael Mittermeier
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Mittermeier: «In Bayern müssen ja eh überall Kreuze hängen, meines ist jetzt Weiss auf Rot.»

Deutscher Fussball analog zur EU-Politik

Im Wachzustand fiel mir natürlich sofort auf: Mein Traum hat einen Haken. Damit die Schweiz Weltmeister wird, muss Deutschland ausscheiden. Was nicht ganz den Erfahrungen der letzten hundert Jahre entspricht. Da war das Motto eher das, was ich kürzlich an der Tür einer St. Galler Apotheke gelesen habe: «Schweizer Service – deutsche Preise». Mit anderen Worten: Ihr spielt höflich und zuvorkommend – wir kicken billig und holen Pokale.

Aber diese Hürde zur Erfüllung meiner Träume hat Deutschland locker genommen. Gut, Scheitern in Russland hat bei uns eine lange Tradition. Schon gegen Mexiko haben wir Deutschen gespielt, wie unser Innenminister es die letzten zwei Wochen vorgemacht hat: fast nur über rechts kommen, dabei ignorieren, dass in der Mitte so viel freier Raum ist, dass zehn Flüchtlingsboote reinpassen, und zwei überforderte Abwehrspieler sollen die EU-Strafraumgrenze dichtmachen.

Michael Mittermeier
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«Gut, Scheitern in Russland hat bei uns eine lange Tradition», sagt der deutsche Komiker. 

Eine Schwalbe überwindet noch keinen Sommer

Gegen Schweden haben wir es dann spannend gemacht. Da hatte ich schon Angst, wir schaffen das Ausscheiden nicht. Aber die Fussballmacht Südkorea hat den Sack endgültig zugemacht. Ja, das hat schon wehgetan, aber wie sagte Martin Luther King: «Wir müssen begrenzte Fehlschläge akzeptieren, aber wir dürfen niemals die grenzenlose Hoffnung verlieren.» Diese Hoffnung ruht nun auf dir, liebe Schweiz. In Bayern müssen ja eh überall Kreuze hängen, meines ist jetzt Weiss auf Rot. 

Denn der Bundesadler auf dem Trikot fliegt nicht mehr. Einer hat nicht gereicht, so wie eine Schwalbe noch keinen Sommer überwindet, selbst wenn sie von dessen Kopf abprallt. Es braucht bei dieser WM eben einen Doppeladler zum Sieg. Wobei ich zugebe, ich hätte den Vogel nicht am Handzeichen erkannt. Aber ich fands schon als Kind schwierig, wenn da jemand mit einer Taschenlampe und seiner Hand Schattenspiele gemacht hat, so: «Schau, ein Fuchs, schau eine Gans.» Da hab ich immer gedacht: «Sieht aus wie ein cooler neuer Gruss.»

Thomas Müller hat ja 2010 in Südafrika noch ungestraft seine Oma gegrüsst, allerdings ohne Handzeichen. Aber damals sang auch Shakira «Waka Waka», heute singt Shaqiri «Xhaka Xhaka». Xherdan und Granit bekamen sogar eine saftige Geldstrafe aufgebrummt, satte 10 000 Franken oder umgerechnet zweimal Falschparken in der Zürcher Innenstadt. Wobei ich gelesen hab, das zahlt die Verwandtschaft vom Balkan.

Michael Mittermeier
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Spassvogel Mittermeier: «Damals sang auch Shakira «Waka Waka», heute singt Shaqiri «Xhaka Xhaka».»

«Schweden kann man auch mit zwei Verteidigern schlagen»

Was für eine Solidarität. Die Fussball-WM ist nun mal so was wie das internationale Fest der Liebe, zumindest hat das bei Sepp Blatter so geklungen, und der war ja auch Schweizer, wenigstens solange er noch alle Tassen im Schrank hatte.

So hätten es die Deutschen auch machen sollen, als zwei unserer Secondos, Özil und Gündogan, politische Gruss-Selfies mit dem Spinner hinterm Balkan gemacht haben. Keine Sternstunde der Fotografie, aber Hirn war noch nie Kernkompetenz der beiden. Stattdessen wochenlanges Hickhack und verunsicherte Spieler. In Action-Filmen nennt man das Konzept «Self-Destruct». 

Deswegen, bleibt lieb zu den Euren, mögen sie auch von Kanton zu Kanton unterschiedlich aussehen. Dann klappts auch mit dem Titel. Aus Fifa-Sicht bedeutet ein Schweizer Sieg sowieso «Football’s coming home.» Lichtsteiner und Schär werden zwar im Achtelfinal fehlen, aber wie bei mir auf Tour gilt: Ein Lucky Punch geht immer! Schweden kann man auch mit zwei Verteidigern schlagen. Ich weiss, wovon ich rede. Und träume.

I have a dream! Da fällt mir ein, wo der Traum auch herkommen könnte. Ich habe zwei Wochen so gut wie nicht geschlafen. Weil ich bei der Fanmeile wohne. Jeden Tag wahlweise Hupen, Trommeln oder Vuvuzelas – mit einer Ausnahme. Daher wohl die Sehnsucht nach Frieden und Wohlgefallen. Nach Schweizer Siegen. Mein Traum liegt in euren Füssen. Und Händen. Und meine Nachtruhe auch. I have a dream: Hopp, Schwiiz!

Michael Mittermeier
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Der deutsche Komiker Michael Mittermeier, 52, gastiert vom 10. bis 12. Oktober mit seinem Programm «Lucky Punch – Die Todes-Wuchtl schlägt zurück» in Amriswil TG, Basel und Zürich.

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