Monisha Kaltenborn «Motorsport darf auch sexy sein»

Wie kann man als Mutter und Ehefrau ein Formel-1-Team erfolgreich managen? Monisha Kaltenborn machts vor. Die Österreicherin führt das Sauber-Team in neue Höhen. Ein Treffen mit einer Frau, die im schnellsten Business der Welt viel Aufsehen erregt.

Sie könnte eine indische Touristin sein mit ihrem Häkel-Top, den weissen Shorts und den Outdoor-Schuhen. Bis sie den Mund aufmacht. «Wolln ma zum Fluss runterspazieren gehn?», fragt Monisha Kaltenborn in unverkennbar österreichischem Dialekt. Sie blinzelt in die Sonne und lächelt. Endlich kann sie in Klosters GR ein paar Tage ausspannen. Zusammen mit Ehemann Jens und den Kindern Nirek, 10, und Mandira, 7, hat sie ein Zimmer im Hotel Chesa Grischuna, wo einst auch Hollywood-Stars wie Gene Kelly etwas Abstand vom Getöse suchten.

Die Frau mit den sanften Gesichtszügen macht mit ihrem Sauber-Rennstall derzeit fette Schlagzeilen. Der zweite Platz von Sergio Pérez in Monza am Sonntag vergangener Woche war der letzte Streich der Hinwiler Crew, die bereits 100 Punkte und viel Anerkennung gesammelt hat. Mittendrin steht Monisha Kaltenborn als CEO – die erste Frau an der Spitze eines Teams in dieser Männerdomäne, deren Elixier neben Benzin vor allem eine Unmenge Testosteron ist.

Mit 41 Jahren hat sie so viele Stationen hinter sich wie andere in einem ganzen Leben. Bereits mit acht Jahren verlässt sie ihre indische Heimat Dehradun in der Nähe des Himalaja Richtung Wien. Weil ihr Vater nicht in das Familienunternehmen – eine Firma für Velos und Motorroller – einsteigen möchte, sondern im Ausland sein Glück sucht. Eigentlich soll Wien, wo ein Onkel bei der Atombehörde tätig ist, nur Zwischenstation auf dem Weg in ein englischsprachiges Land sein. Doch den Eltern gefällts. Sie bleiben. Tochter Monisha besucht die Volksschule, das Gymnasium, schliesst ein Jus-Studium ab. «Mit 25 machte ich den Master of Business Law in London, arbeitete darauf in Stuttgart, dann wieder in Wien», sagt Kaltenborn.

Während sie ihre Stationen herunterrattert und auf einem Stein neben der tosenden Landquart Platz genommen hat, fragt man sich, wie jemand so viel Energie haben kann. Und wo sie die Zeit dafür hernimmt, wenn auch ihr Tag nur 24 Stunden hat. 1998 landet sie bei der Fritz Kaiser Gruppe in Liechtenstein, welche sich auch um die Rechtsangelegenheiten des Sauber-Teams kümmert. «So kam ich in die Nähe des Teams. Die Materie interessierte mich», erzählt sie. «Für mich war es spannend, zu sehen, was da alles dahintersteckt.» Als Kaiser und Sauber 1999 die Partnerschaft beu enden, folgt sie Peter Saubers Ruf nach Hinwil ZH. «Ich dachte, das machst du jetzt ein paar Jahre, und dann schaun mer mal, was passiert.»

Passiert ist einiges. Sauber verkauft das Unternehmen an BMW, übernimmt die Anteile nach dem Ausstieg der Deutschen 2009 wieder. Kaltenborn hilft ihm dabei entscheidend, übernimmt den Lead. 2010 macht Sauber sie zum CEO. Jetzt sitzt sie mit ihm während der Rennen in der Kommandozentrale an der Boxenmauer.

Gefällt ihr der Lärm? «Ein aufheulender Motor gefällt mir nicht», sagt sie. «Aber wenn man von weit weg ein Auto hört, kommt schon eine gewisse Anspannung auf. Beim Rennstart bin ich am nervösesten. Extrem angespannt. Mein Puls ist wahrscheinlich so hoch, dass ich es gar nicht wissen möchte. Ich stehe an der Boxengasse und fixiere die beiden Punkte – unsere Autos. Das ist auch ein schönes Gefühl.» Ihr gefällt der Mix, den der Sport bringt. «Das ist nicht so banal, wie manche glauben. Die Formel 1 ist Ingenieurskunst auf höchster Ebene, und die Fahrer sind dazu tolle Athleten.»

Es braucht eine Weile, bis alle begreifen, dass eine Frau das Team führt. Einmal wird sie gar für Saubers Übersetzerin gehalten. Solche Episoden bringen sie höchstens zum Lachen. «Es gibt genug andere Bereiche, die sehr männerlastig sind», sagt sie. «Wenn ich mir die Weltkonzerne ansehe: Wie viele Frauen haben da Spitzenfunktionen? In der Formel 1 gibt es zwölf Teams, und eine Frau hat eine Spitzenposition. Damit muss man derzeit halt leben.»

In der schrillen und lauten Show sind Frauen sonst meist knapp bekleidet und präsentieren als Grid-Girls die Startnummern der Fahrer. Kaltenborn stört das nicht. «Da habe ich eine unverkrampfte Haltung dazu. Das gehört zum Image dieses Sports. Wenn Sie mich fragen, ob ich lieber Frauen oder Männer habe, die neben den Autos stehen, sage ich, dass die Frau sicher besser aussieht in so einem Outfit. Wenn das gut aussieht, warum soll man das ändern? Solange der Zugang für die Frauen zu jeder Position – vom Renningenieur bis zum CEO – da ist, warum soll eine nicht auch Grid-Girl sein? Motorsport darf auch sexy sein.»

Ihre Kinder, die eine Privatschule besuchen, bleiben mit wenigen Ausnahmen zu Hause in Küsnacht am Zürichsee, wenn die Mutter an die Rennstrecken rund um die Welt reist. Dann werden sie vom Kindermädchen umsorgt – oder von der Grossmutter, die oft aus Wien in die Schweiz fliegt, um auszuhelfen. Denn auch der deutsche Vater, Jens Kaltenborn, der Partner in einer Kanzlei in München ist, kann nicht immer für sie da sein. «Wenn das Rennen in Europa ist, bin ich Donnerstag bis Sonntag weg, in Übersee geht es am Mittwoch los. Es ist anstrengend. Wenn es einem Kind schlecht geht, beschäftigt mich das natürlich. Die Kinder dürfen mich immer anrufen. Und das tun sie auch. Die kennen nix. Da kann es passieren, dass man mitten in der Nacht einen Anruf kriegt. Sie verstehen, dass ich diesen Job habe. Auch wenn sie es nicht immer gerne akzeptieren. Sie hätten manchmal schon lieber, dass ich da bin.»

Vom Fluss aus blickt Kaltenborn auf die Berggipfel, die hoch über Klosters thronen. Kindheitserinnerungen kommen auf. «Ich wurde im Vorgebirge geboren. Bei schöner Sicht sieht man dort die schneebedeckten Berge. Wunderschön. Mein Grossvater war ja bei der Armee und hatte einen alten Willys Jeep. Mit ihm fuhren wir raus in die Natur, im Sommer durch trockene Flussbetten. Da spürte man jeden Knochen. Das haben wir oft gemacht auf dem Weg zu einem Picknick.» Sie vermisse Indien, weil sie kaum noch dazu komme, dorthin zu fliegen. In dem Moment wirkt sie so zerrissen wie ihr Name, bei dem auf das poetische Monisha das herbe Kaltenborn folgt. «Aber jetzt ist der Mittelpunkt hier in der Schweiz. Die Kinder sind hier», sagt sie. «Das Familienleben spielt sich hier ab.» Immerhin: Gekocht wird daheim meistens indisch. «Und ich koche selber», sagt sie nicht ohne Stolz. Die Stelle als CEO habe sie damals angenommen, damit das Unternehmen erhalten bleibt, sagt Kaltenborn auf dem Rückweg. «Ich habe das als meine Pflicht gesehen. Denn viele können sich nicht vorstellen, welches Risiko Peter Sauber damals eingegangen ist. Ich bin immer noch überzeugt, dass es kaum jemanden gibt, der bereit wäre, heute in der Schweiz ein Formel-1-Team aufzubauen. Wenn es dieses Team mal nicht mehr gibt, wird es auch nie mehr ein Formel-1-Team in der Schweiz geben.»

So zeitaufwendig der Job ist: Er hat sie noch nicht zermürbt. Im Gegenteil. Ihre Augen leuchten. Monisha Kaltenborn scheint völlig in sich selbst zu ruhen. «Vielleicht hat das auch mit der Religion zu tun, mit dem Hinduismus», sagt sie. In der Hektik meines Alltags die Ruhe zu bewahren, ist wahrscheinlich am ehesten etwas Indisches.» Mit dieser Gelassenheit wird sie vielleicht irgendwann auch noch ihren Kindheitstraum verwirklichen. Denn eigentlich wollte sie ja höher hinaus. Bis hinauf zum Mond. Sie hat noch ein wenig Zeit.

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