Mit Jetski und Schwimmweste an der Preisverleihung 2018 Die bewegendsten Momente der Oscar-Nacht

«Schweizer-Illustrierte»-Redaktorin Michèle Graf hat zum ersten Mal die ganze Oscar-Nacht vor dem Fernseher ausgeharrt. Sie brauchte einiges an Kaffee. Und wunderte sich über den Humor der Engländer, Gesundheitsschuhe und bodenlange rote Mäntelchen. Vor allem aber ist sie froh, dass doch noch jemand den Jetski inklusive Schwimmweste wollte.
Mark Bridges Schwimmweste
© Keystone

Mark Bridges (rechts) gewinnt einen Oscar für das beste Kostüm in Phantom Thread - und einen Jetski inklusive Schwimmweste für die kürzeste Dankesrede.

Ich muss es zugeben: Eine Oscarverleihung habe ich noch nie komplett gesehen. Es gibt eindeutige Gründe dagegen: Es kommt mitten in der Nacht, dauert gefühlte 90 Stunden und läuft auf Englisch. Dennoch: Eingemummelt und mit viel Knabberzeug ausgerüstet, wollte ich nun endlich mal wissen, was die Show so kann.

 

Und das ist wirklich einiges. Klotzen statt kleckern. Die Understatement-Jahre sind vorbei. Das macht schon die Bühne mit den angeblich 45 Millionen Swarovski-Steinen deutlich. Im Schwarzweiss-Intro gibt sich die Academy selbstironisch. «Live aus dem Dolby Theater, nur ein Katzensprung entfernt von Hooters.» Wichtiger Hinweis, danke. Meryl Streep, 68, wird dann so vorgestellt: «Sie ist zum 21. Mal nominiert. Aber ihre wichtigste Rolle ist die der Mutter von vier Kindern. Und sie weiss von allen die Namen.»

Meryl Streep
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Zum 21. Mal für einen Oscar nominiert: Meryl Streep, 68. Hier zusammen mit Jennifer Lawrence (rechts).

90 Lenze hat Herr Oscar auf dem Buckel. «Er ist der respektabelste Mann in Hollywood. Er behält seine Arme bei sich und hat keinen Penis», so Gastgeber Jimmy Kimmel, 50, der zum zweiten Mal den Preis moderieren darf. Und er tut das gleich mit zwei Ansteckmikros. Es soll dieses Mal eben nix schiefgehen. Kimmel schiebt so den Fehler mit den vertauschten Umschlägen den Buchhaltern vom letzten Jahr in die Schuhe. «Sie wollten, dass ich Comedy machen. Ich lehnte das ab und da machten sie sie gleich selbst.» Ansonsten gibt sich der bekannte Moderator wenig bissig, überlässt die Show nach Seitenhieben auf Trump, Pence und Putin und ganz viel Lob für Time's up den Laudatoren. Best Moment: Er begegnet seinem 9-jährigen Selbst als Star-Wars-Fan. «Du bist erst 50? Wir sollten besser auf uns achten!»

Running Gag des Abends: Wer die kürzeste Dankesrede hält, bekommt einen Jetski. Doch leider, Sie ahnen es, wollen ihn zu wenige. Und strapazieren mein Nervenkostüm betreffend der Worte «Thank you» und «all the team».

Doch der Reihe nach: Gleich am Anfang wird's spannend. Der Preis für den besten Nebendarsteller steht an. Aber wer hat Laudatorin Viola Davis, 52, dieses pinke Kondom angezogen? Im Ernst. Sonst hat die Frau so viel Klasse. Aber jetzt eiert sie zum Mikrophon. Und dann die Frisur: oben nix, hinten buschig. Den besten Nebendarsteller-Oscar räumt wie vorhergesagt Sam Rockwell, 49, ab. «Ich danke jedem, der den Film geschaut hat und jedem, der jemals ein Billboard angesehen hat.»

Viola Davis
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Gewöhnungsbedürftig: Das pinke Kleid von Oscar-Laudatorin Viola Davis.

Sonst gehört der Abend den Goldkleidern und Glitzerelementen, trotz Time's up geht es auch mal ohne schwarz in schwarz. Auch bei den Männern. Der nominierte Daniel Kaluuya, 29, kommt im goldenen Anzug. Dress for the thing you want? Genützt hats ihm nix. Bester Hauptdarsteller wird nämlich - oh Wunder - Gary Oldman, 59. Für seine Laudatorinnen Helen Mirren, 72, und Jane Fonda, 80, und die sind knapp jünger als der Preis und stolz darauf, gibt es Standing Ovations. Oldman stottert vor Aufregung. Ob das daran liegt, dass er für seine Rolle über 400 Zigis rauchen musste? Unglaublich, dass er unter der Maske von Winston Churchill steckte. Er verbrachte täglich angeblich vier Stunden in der Maske. «Ich möchte meiner Mutter danken, die ist noch älter als der Oscar. Fast 99. Mama, setz den Teekessel auf, ich bringe den Oscar heim.» Engländer!

Helen Mirren und Jane Fonda
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Helen Mirren und Jane Fonda halten die Lobesrede auf Oscar-Gewinner Gary Oldman.

Die Show legt ein hohes Tempo vor, 24 Preise müssen verliehen werden. Und ich wundere mich, was denn Tonschnitt oder Live-Action-Dokumentary sein soll. Aber auch komische Kategorien können Schauspieler witzig verkaufen. 

Allen voran: Rita Moreno, 86 (Oscargewinnerin 1952 Westside Story). Mit dem Rücken zum Publikum steht sie da, das muss man sich erstmal trauen. Wuchtiges Kleid, Stirnband und Gesundheitsschuhe. Sie tänzelt zum Mikro. Ihre Botschaft: «Der Film spricht eine universale Sprache, die alle menschlichen Wesen verstehen.» Sie freut sich dann für irgend so einen chilenischen Film mehr als die Crew selbst.

Aber so top konnte es ja nicht weitergehen: Den Filmschnittpreis präsentiert Matthew McConaughey, 49. So langweilig. Da bewegt sich nix im Gesicht. Die Gerüchte, dass in ganz L.A. das Botox ausverkauft war, stimmen also. Auch den Oscar für die beste Nebendarstellerin gewinnt die Favoritin: Allison Janney, 58, die in «I, Tonya» die fiese Mutter spielt. Sie wartet einige Sekunden. «Ich habe alles selbst getan», sagt sie stolz. 

4:38 Uhr! So langsam wird’s zäh. Ich brauch einen Kaffee. Oder vier oder acht. Da hilft auch das Farbfeuerwerk vom Filmsong von Coco nicht. Und ich weiss jetzt, dass Gael Garcia, 38, nicht singen kann. Ein echter Fremdschäm-Moment.

Botox-Opfer Nummer 2: Laudatorin Nicole Kidman, 50. Aber im Kleid sieht sie aus wie ein kleines blaues Geschenk. Grosser Jubel bricht aus, als der Horrorfilm «Get out» den Oscar gewinnt. Regisseur Jordan Peele, 39: «Leute werdet still, ihr versaut mir meinen Jetski. Ich habe 20 mal angefangen, den Film zu schreiben.»

Nicole Kidman
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Sieht aus wie ein blaues Geschenk: Nicole Kidman.

Den Vogel schiessen die Laudatorinnen Tiffany Haddish, 38, und Maya Rudolph, 45, ab (aber was soll das bodenlange rote Mäntelchen?). Sie kommen in Finken auf die Bühne. «Ich trage meine Schuhe seit 11 Uhr», jammert die eine. «Ich trage meine seit den Critics-Choice-Awards. Mein kleiner Zeh ist abgefallen», die andere.

Jetzt kommt endlich die beste weiblich Hauptrolle, draussen zwitschern die Vögel. Jodie Foster, 55, kommt auf Krücken und gibt dafür Meryl Streep die Schuld. «Sie hat mich ge-I Tonya-t. Aber reden wir nicht darüber», scherzt die Laudatorin. Und wieder keine Überraschung: Frances McDormand, 60. Und von mir gibts den Sonderpreis für das hässlichste Kleid, kombiniert mit lächerlicher Lache und wirrer Frisur. Aber lustig ist sie: «Wenn ich hyperventiliere und umfalle, richtet mich auf. Ich habe einiges zu sagen.» Sie bringt alle Frauen im Saal dazu aufzustehen. Stark - und danach ist sie ganz erledigt.

Der letzte Award, präsentiert von Bonnie and Clyde. So cool. Neben der besten Regie gewinnt «Shape of Water» auch den Oscar für den besten Film. Das letzte Mal konnte 2004 ein Fantasy Film so einen Preis abräumen. Die einzige Überraschung in der langen Award Show. Vier Goldjungs aus 14 Nominierungen. Guillermo Del Toro, 53, sollte das feiern. Lustig: Der letzte Mann darf seine Dankesrede nicht mehr halten, die Musik schmeisst ihn raus. Zuletzt gewinnt ein Kostümdesigner den Jetski - plus Schwimmweste.

Fazit: Es sind ständig die gleichen Filme nominiert und die Favoriten gewinnen auch. Die Preisverleihung war trotzdem eine perfekte Show, fast zu perfekt.

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