Natascha Kampusch Vier Jahre frei: Sie leidet noch immer

Weggesperrt für achteinhalb Jahre: Natascha Kampusch hat ein Buch über ihren Leidensweg im Kellerverlies ihres Peinigers geschrieben. Jetzt erscheint die Biographie «3096 Tage».

«Ich fühle mich nun stark genug, die ganze Geschichte meiner Entführung zu erzählen», sagt Natascha Kampusch, 22. Die Wienerin spricht zum ersten Mal offen und ausführlich über ihren Leidensweg in ihrer Biographie «3096 Tage». Vom 2. März 1988 bis zum 23. August 2006 war sie von Wolfang Priklopil († 44) in einem  Kellerverlies seines Hauses in Strasshof bei Wien weggesperrt worden.

Der Nachrichtentechniker hat das Mädchen auf dem Schulweg entführt. Priklopil zerrt sie in einen Lieferwagen und hält sie achteinhalb lange Jahr gefangen. «Das ist ein armer Mann, dachte ich, denn er strahlte so etwas Schutzbedürftiges aus. Dann ging alles sehr schnell ...», schreibt Kampusch in ihrem Buch. Priklopil habe erkannt, dass er in seinem Leben wohl nie eine Frau finden würde. Aus seiner Gefangenen will er sich seine eigene Frau und Partnerin «erschaffen». Er sagt zu Kampusch, dass er «ein Mädchen wollte, dass er versklaven konnte».

Das Martyrium beginnt. Natascha beschreibt, wie sie von der Aussenwelt komplett abgeschnitten wird - hinter einer 150 Kilogramm schweren Stahltüre, in einem drei Meter langen, vier Meter breiten und 1,60 Meter hohen Kellerraum. Kein Laut dringt ins Verlies herein. Das einzige Geräusch ist das Klappern des Ventilators. Das Geräusch raubt dem kleinen Mädchen den Schlaf. Im Verlies gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Tag und Nacht.

Die Zeit allein macht die Gefangene fast wahnsinnig. So kommt es, dass sie nach wenigen Tagen mit ihrem Entführer «Halma», «Mühle» oder «Mensch ärgere dich nicht» spielt. Um die Illusion der Normalität zu wahren,  möchte sie sogar einen Gutenachtkuss - als sei sie noch zu Hause bei ihrer Mutter.

Ständig lebt Kampusch in Angst, «dass in jedem Augenblick eine Horde böser Männer in mein Verlies kommen und über mich herfallen würde». Es gibt im Raum nur ein Doppel-Waschbecken mit kaltem Wasser. Wolfgang Priklopil bringt dem Mächen warmes Wasser in Plastikflaschen nach unten. Sie muss sich nackt ausziehen. Er habe sie dann wie ein «Auto geschrubbt. Es lag weder etwas Zärtliches noch etwas Anzügliches in seinen Gesten. Er pflegte mich, wie man ein Haushaltgerät instand hält.»

Oft lässt er sie auch tagelang allein oder schlägt sie: zum Beispiel Tritte mit dem Knie in Bauch und Genitalbereich. Als Natascha in die Pubertät kommt, lässt Priklopil sie immer mehr im Haus arbeiten, er unternimmt Ausflüge mit ihr. Sogar heiraten will er sie.

Doch der Mann schafft es nicht, sein Opfer zu brechen. In einem unbemerkten Moment, schafft es Kampusch zu entkommen. Ihr Peiniger wird für sein Verbrechen nie zur Verantwortung gezogen. Er wirft sich vor einen Zug.

Gegenüber «Bunte» erzählt Kampusch am Dienstag, dass sie bis heute Respekt vor Männerbekanntschaften habe: «Würde ein Mann mit dem, was ich erlebt habe, je fertig werden?» Deshalb lebt die 22-Jährige allein, auch wenn sie sich einsam fühlt.

Das Buch «3096 Tage» erscheint im List Paul Verlag und ist für Fr. 34.90 erhältlich.

 

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