«Das persönliche Interview» mit Sänger Zucchero Lieber eine Kuh als ein Tattoo

Statt Poster hingen bei Zucchero, 60, Salami im Kinderzimmer. Heute stellt der italienische Superstar seine eigenen Bio-Lebensmittel her und würde am liebsten gratis Glückspillen verteilen. Aber der Mann, den (fast) alle «den Zuckersüssen» nennen, kennt auch Abgründe und gesteht: «Ich hatte Suizidgedanken.»
Zucchero Sänger Italien Black Cat
© Dukas

Seit 25 Jahren ist Zucchero mit der Schweizerin Francesca Mozer liiert und will sie demnächst heiraten.

«Schweizer Illustrierte»: Adelmo Fornaciari, hatten Sie als Kind einen Spitznamen?
Adelmo Fornaciari: Ich war immer Zucchero oder Zuccherino. Eine Primarschullehrerin nannte mich so, weil sie mich wohl süss fand und ich den Unterricht nie störte. Ich war introvertiert und ein Einzelgänger. Auch meine Mutter benutzte den Spitznamen. In der Schule wurde ich deswegen gehänselt. Heute nennen mich alle Zucchero, sogar meine Lebenspartnerin Francesca. Nur mein Bruder und mein Cousin sagen Adelmo zu mir.

Als Sie Kind waren, was hat Ihre Mutter Ihnen da immer gesagt?
Es ist besser, einen gefüllten Kühlschrank zu haben als ein schönes Haus oder Markenkleider. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, das ist eine Bauern-Mentalität.

Als Sie 16 Jahre alt waren, wie sah da Ihr Zimmer aus.
Sehr einfach. Ich hatte keine Poster an den Wänden, obwohl ich Ray Charles grossartig fand. Dafür hingen Salami darin, um zu reifen.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Schulschatz?
Klar. Sie heisst Marzia, ist heute verheiratet und hat unglaublich viele Kinder! Wir waren Nachbarn, sie war sehr süss und hatte ihr Haar zu zwei Zöpfchen geflochten. Wir machten die Hausaufgaben zusammen und schauten fern. Das war alles.

Ich weiss nicht einmal, wie viel ein Liter Benzin kostet

Haben Sie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie den Teller nicht leer essen?
Ja. Meine Eltern brachten mir bei, immer alles aufzuessen. Nur in den Restaurants gelingt mir das nicht immer, weil die Teller oft überladen sind.

Was in Ihrem Alltag müssten Sie aus ökologischer Sicht dringend verändern?
Eigentlich nichts. Ich lebe auf einer Bio-Farm mit Tieren in der Toskana. Wir essen nur, was wir auch selber produzieren, und benutzen keine chemischen Hilfsmittel.

Bei wie viel Franken pro Liter Benzin wäre für Sie die Schmerzgrenze erreicht?
Ich weiss nicht einmal, wie viel ein Liter Benzin kostet. Ich lasse mein Auto immer vom Tankwart auftanken.

Ich wollte keinesfalls verwöhnte Kinder, die auf Kosten von Papa leben und alles als selbstverständlich hinnehmen

Wo am Körper tuts Ihnen weh?
Am unteren Rücken. Ich gebe zurzeit unzählige Interviews, sitze deshalb viel und bewege mich kaum. Auf der Bühne bin ich, dank dem Adrenalin, immer schmerzfrei.

Was für ein Hintergrundbild hat Ihr PC?
Ein Foto von meinem Sohn Adelmo Blue, der vorgibt, Hausaufgaben zu machen. Er ist ein Schlitzohr!

Welche Eigenschaften möchten Sie Ihren Kindern vererben? Welche keinesfalls?
Ich habe meine Kinder zu ehrlichen und bodenständigen Menschen erzogen, die ihre Meinung vertreten können. Ich wollte keinesfalls verwöhnte Kinder, die auf Kosten von Papa leben und alles als selbstverständlich hinnehmen. Sie mussten lernen zu arbeiten.

Haben Sie ein Tattoo?
Nein. Und ich wollte auch nie eines haben.

An einem Nachmittag im Juli 1992 hatte ich Suizidgedanken

Über welche Tat oder Aussage von Ihnen wird man noch lange nach Ihrem Ableben reden?
Dass ich ein positiver und humorvoller Mensch war, der die Menschen zu Diskussionen anregte.

Welche Musik soll an Ihrer Beerdigung gespielt werden?
Ich liebe afroamerikanische Musik. Toll wäre eine New-Orleans-Marching-Band, die durch die Strassen zieht.

Was war Ihre dümmste Idee?
An einem Nachmittag im Juli 1992 hatte ich Suizidgedanken. Meine Frau Angela und ich hatten uns getrennt, ich wohnte alleine, die Situation war zu viel für mich. In diesem Moment kamen Freunde zu Besuch und rissen mich aus diesem Loch heraus. Von meinen Gedanken wussten sie nichts.

Welcher Film hat Ihr Leben massiv beeinflusst?
Das sind mehrere. «Die Farbe Lila» von Spielberg, «8½» von Fellini oder auch «A Clockwork Orange» von Kubrick. Und für mein aktuelles Album habe ich mich von dem Film «12 Years a Slave» inspirieren lassen.

Falls Ihr Leben verfilmt würde, welcher Schauspieler sollte die Hauptrolle spielen?
Robert De Niro. Er ist geheimnisvoll und zugleich unverschämt, aber trotzdem nicht respektlos anderen gegenüber. Ein toller Charakterkopf. Er fasziniert mich.

Welche Pille gehört erfunden?
Die Pille der Fröhlichkeit. Für alle Menschen, und zwar gratis – damit könnten alle glücklich durchs Leben gehen.

Über welches Geschenk haben Sie sich zuletzt gefreut?
Vor ein paar Jahren, ich war gerade auf Tour, kam ein Bergbauer auf meinen Hof und schenkte mir eine Kuh. Er hinterliess keine Adresse, wo ich mich hätte bedanken können, dafür liess er mir ausrichten, ich solle immer bodenständig bleiben. Die Kuh lebt immer noch friedlich bei mir.

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