Michael Jackson Jacko im Foreverland

Sein letzter Auftritt: Eine Milliarde Menschen sahen die Trauerfeier für Michael Jackson. Und staunten. Über den goldenen Sarg, die würdige Feier - und den bewegenden Auftritt von Jackos Tochter Paris.
Wir halten zusammen! Paris (r.) kümmert sich um ihren kleinen Bruder Prince Michael II., der eine Jacko-Puppe bei sich trägt. Im Hintergrund: Michaels Schwestern Janet (l.) und La Toya.
Wir halten zusammen! Paris (r.) kümmert sich um ihren kleinen Bruder Prince Michael II., der eine Jacko-Puppe bei sich trägt. Im Hintergrund: Michaels Schwestern Janet (l.) und La Toya.

Man musste mit allem rechnen. Schliesslich waren seine Auftritte noch nie gewöhnlich. Wenn der King of Pop zu Lebzeiten die genialste und perfekteste Show auf Erden bot, wie bombastisch würde dann erst sein letzter, sein allerletzter Auftritt inszeniert sein?

Der finale Akt steigt am Dienstag, dem 7. Juli 2009. Trauerfeier. Abschied von Michael Jackson im Staples Center von L.A. 20 000 Gäste in der Halle, eine Milliarde daheim vor den Bildschirmen. Was wird die Welt zu sehen bekommen? Einen Trauer-«Thriller»? Eine Abdankung mit Las Vegas-Glitzer? Gottes- oder Götzendienst? Weihrauch oder Trockeneisnebel?

Um 9.49 Uhr fährt ein Autokonvoi beim Staples Center vor. Dutzende von Limousinen, alle schwarz, alle von Range Rover und Rolls-Royce gesponsert. Darin sitzen Michaels engste Freunde und der Jackson-Clan. Die motorisierte Prozession samt Leichenwagen rollt in die Hallen-Tiefgarage, als wärs eine Gruft. Draussen stehen Jackson-Fans ohne Ticket. Auch Michaels Fitness-Trainer Lou Ferrigno. Er wisse, warum der Superstar sterben musste: Jacko habe für sein Comeback viel zu hart trainiert. «Vier, fünf Stunden am Tag, das hat sein Herz nicht mehr mitgemacht.»

In der Halle wird es still, jeder Besucher hält ein goldfarbenes Programmheft auf dem Schoss. Tags darauf wird man diese beim Internet-Auktionsdienst Ebay für 5000 Dollar ersteigern können. Die Arena strahlt in kosmosblauem Licht, im Hintergrund bilden sakrale Fenster die Kulisse, das Staples Center, wo sonst Basketball-, Eishockey und Wrestling-Fans toben, wird zur Kathedrale, die Bühne zum Altar.

Dann wird er hereingebracht - der Sarg. Schon eher ein Sarkophag. Schwer, massiv, glänzend, aus Bronze gegossen, mit einem Hauch aus 14-karätigem Gold umhüllt, gekrönt von 50 roten Rosen auf dem Sargdeckel. Man denkt: So müssen früher Ägyptens Pharaonen zu Grabe gebettet worden sein. Michaels Brüder, alle im Jacko-Look mit Sonnenbrille, Glitzerhandschuh, begleiten den Sarg, rollen ihn vor die Bühne, setzen sich in die erste Zuschauer-Reihe. Die Zeremonie beginnt. Man muss mit allem rechnen.

Doch dann, mit jeder Minute mehr und mehr, spüren Trauergäste und Fernsehzuschauer, dass da etwas Würdiges und Anständiges passiert. Nicht das befürchtete Requiem in «Bad»-Moll, kein «Oh my God»-Zirkus, sondern Andacht und echter Abschied. Die Familie hat Taktgefühl und Herz bewiesen: Die Jackson-Clan-Show-AG hat für einmal den richtigen, den stillen und demütigen Ton getroffen.

Jackos Freunde und Starkollegen singen und sprechen zur Trauergemeinde. Erzählen von ihren Erlebnissen mit Michael, schwärmen, loben und sagen, wie sehr sie ihn verehren und noch mehr vermissen. Dazwischen immer wieder Musik, Gesang oder auch mal nur wohltuende Stille. Was auffällt: Es sind fast ausschliesslich afroamerikanische Redner, die zur Trauergemeinde sprechen. Und Sätze sagen wie: «Er hat Rassenschranken niedergerissen.» Und: «Er hat mir als Kind vermittelt, dass auch Schwarze die Welt erobern können.» Oder: «Danke, dass du so viele Türen für uns Afroamerikaner geöffnet hast.»

Etwas Eigenartiges passiert in diesen Minuten: Es scheint, als würde Michael Jackson - der Dunkelhäutige, der immer weisser wurde - von seiner Afro-Gemeinde zurückgeholt. Es ist eine Versöhnung: Der gebleichte Schwarze findet heim.

Nur einmal wird es laut. Bürgerrechtler und Prediger Al Sharpton donnert von der Bühne: «Da war nichts Seltsames an eurem Vater. Seltsam waren die Dinge, mit denen er sich beschäftigen musste.» Dabei blickt er in die erste Zuschauerreihe - zu ihnen. Michaels Kindern. Ohne Masken, ohne Schleier. Jahrelang schirmte Jacko seine Lieblinge ab, verhüllte ihre Gesichter, versteckte ihr Wesen, und nun sitzen sie einfach so da. Was ist über diese drei nicht alles spekuliert worden: Haben sie das freakige Äussere ihres Vaters geerbt? Seine elfenhafte Statur, den tänzelnden Gang, die moonwalkigen Bewegungen?

Heute haben sich die «Jackson Three» befreit. Sie zeigen sich, und die Welt staunt: Das sind ja ganz normale Kinder! Kinder, die Kaugummi kauen, mal irritiert, mal erstaunt, mal gelangweilt schauen, auf dem Sessel herumrutschen und bei Grosi Katherine anlehnen. Prince Michael I., 12, und Prince Michael II, 7, tragen einen schwarzen Smoking, goldfarbene Krawatte und - zu Ehren von Daddy - weisse Socken. Der kleinste Prinz klammert sich zudem an seine mitgebrachte Michael-Jackson-Puppe. Und - man hätte es nicht für möglich gehalten - der Bub ähnelt auf den ersten Blick seinem Papa. Erstaunlich, bei all den Leihmutter-Spendersperma-Geschichten, die jetzt wieder mehr denn je herumgeistern.

Michaels Tochter, Paris Michael Katherine Jackson, geboren am 3. April 1998, hat als einziges der Kinder keinen «Prince» im Namen - dabei trägt sie ihr Haupt am ehesten wie eine Königstochter. Ein strahlendes Antlitz hat die Elfjährige, langes, seidenes Haar und engelsanfte Augen. In ein paar Minuten wird sie das berühmteste Mädchen der Welt sein, aber das weiss sie in diesem Moment wahrscheinlich selber noch nicht.

Nach zwei Stunden nähert sich die Trauerfeier dem Ende. Der Jacko-Clan singt auf der Bühne mit Stars, Gästen und einem Kinderchor Michaels Hymnen «We Are the World» und «Heal the World». Die Jacksons verabschieden sich, Bruder Marlon sagt noch ein paar Worte. Und dann - Auftritt Paris. Auch eine Woche nach dem denkwürdigen Anlass flammen die Diskussionen hoch: War das einstudiert, knallhart geplant - stand Paris aus freiem Willen vors Mikrofon, oder wurde sie vom Jackson-Clan dazu gedrängt?

«Ich wollte nur sagen …» (Paris wirkt unsicher. Onkel Randy, Tito und Tante Janet rücken ihr das Mikrofon zurecht, Tante Janet flüstert: «Rede nur, Sweetheart, rede nur!») «… seit ich geboren wurde …» (Janet zupft Paris’ Haar zurecht.) «… war Daddy der beste Vater, den man sich vorstellen kann.» (Paris schluchzt, Onkel Tito streichelt ihr Haar, Tante La Toya mit Riesenhut richtet das Mikro nochmals nach.) «Und ich wollte nur sagen, dass ich ihn liebe - ganz fest.» (Paris schluchzt, weint sich bei Tante Janet aus, verlässt mit ihr die Bühne.)

26 Sekunden, 29 Worte. So kurz ist der Auftritt von Paris. Herzzerreissend ihre einfachen, von Schmerz getragenen Sätze. Man schluckt den Kloss im Hals herunter und beginnt wieder zu atmen. Was die ganze, millionenschwere Jacko-PR-Maschinerie in vielen Jahren nicht fertiggebracht hat, schafft diese Elfjährige mit wenigen Worten, in wenigen Sekunden. Paris zeigt der Welt, dass der ausserirdische, der entrückte, unfassbare King of Pop auch nur ein Mensch war. Ein sehr sterblicher. Und einer, der geliebt wurde - am allermeisten von seinen drei Kindern.

Der Goldsarg wird herausgetragen, «Man in the Mirror» erklingt, und Jermaine Jackson sagt: «Danke, danke und gute Nacht.» Nacht? Hier in Los Angeles ist es doch erst kurz vor ein Uhr nachmittags! Den Jackson-Fans aber spricht Jermaine aus dem Herzen: Es ist dunkle Nacht - ohne Michael.
Wo seine letzte Ruhestätte ist, wurde noch nicht bekannt gegeben. Auf dem Prominenten-Friedhof Forest Lawn in L.A., an einem geheimen Ort, auf Michaels Ranch Neverland?

Wie auch immer - da, wo Jackos Seele jetzt angekommen ist, hat sie endlich Ruhe. Man mag es Himmel nennen, Nirwana, Paradies. Oder wie Michael wohl sagen würde: Foreverland.

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