Freddy Nock Liebling der Schutzengel

Er gilt als König der Hochseilläufer: Jetzt ziehts Freddy Nock auf 2962 Meter - ungesichert auf die Zugspitze! Den Balanceakt zwischen Berufsrisiko und Familienidylle meistert der Schweizer Zirkusspross rekordverdächtig.

Geradeaus. Geradeaus. Ein einziges Wort beherrscht seine Gedanken - wie ein Mantra. Sogar für Freddy Nock, 44, den besten Hochseilläufer der Welt, ist der Balanceakt in schwindelerregender Höhe kein Kinderspiel. «Dort oben gibt es nur mich und meinen schnurgeraden Weg. Würde ich den Fokus verlieren, wäre es mein sicherer Tod.»

Dabei sieht alles so einfach aus: Der Schweizer Artist spaziert über einen 14 Millimeter dicken Drahtstrang, als ginge er auf federndem Waldboden. Ohne zu wanken, ohne zu zögern. Ungesichert. Nur die Furche, die sich tief zwischen seine Augen gräbt, lässt erahnen, welche Höchstleistung an Kraft und Konzentration das Kunststück erfordert.

«Auf dem Seil hängt mein Leben buchstäblich an einem Faden - einem Draht.» Freddy Nock scherzt nicht. Er weiss genau, dass jeder Schritt ein Risiko bedeutet. «Als meine Kinder klein waren, redete mir mein Vater immer wieder ins Gewissen.» Also begann Freddy nebenbei im Familienbetrieb, der grössten Zelt-Vermietung der Schweiz, zu arbeiten. Zwei Jahre hält er durch, dann ziehts den Vollblut-Artisten wieder ganz aufs Seil.

Denn der Mann, der, ohne mit der Wimper zu zucken, über die Drahtkabel der Säntis-Schwebebahn schreitet, fürchtet sich vor ganz anderen Dingen: vor Lesen und Schreiben. «Als Kind besuchte ich die Zirkus-Schule. Dort stand die Artistik im Vordergrund. Ich kriege heute noch Panik, wenn ich vorlesen soll.» Dafür lernte Freddy Hochseillaufen. Dort macht ihm keiner was vor.

«Auf dem Seil hängt mein Leben buchstäblich an einem Faden – einem Draht»


Das beweist er einmal mehr am 5. Mai 2009 an der Hochseil-Weltmeisterschaft in Seoul, Südkorea: Der Draht ist quer über den Fluss Han gespannt. Ein Teilnehmer nach dem anderen wagt sich auf die kilometerlange Gerade, die übers tosende Wasser führt. 25-jährige Russen, 19-jährige Mongolen - und mittendrin ein 44-jähriger Schweizer mit rot-weissem T-Shirt: Freddy Nock. Er erreicht das gegenüberliegende Ufer in 10 Minuten 18 Sekunden. Gold! «Es geht eben nicht nur um Kraft und Balance, sondern um Nerven und Erfahrung.»

Davon hat Freddy genug. Im Circus Nock, dem Zirkus seines Grossvaters, steht er bereits als Knirps in der Manege. «Wer mit fünf Jahren übers Seil lief, fühlt sich dort oben wohler als auf dem Boden.» Abgestürzt ist er nie. «Vor jedem Lauf bekreuzige ich mich. Dann spüre ich, wie die Schutzengel mich begleiten.» Es muss eine ganze Horde sein.

«Mein Schatz ist selbst ein Schutzengel», sagt Freddys Partnerin Ximena Soltermann, 34, mit einem liebevollen Seitenblick im Wohnzimmer ihres Einfamilienhauses in Uerkheim AG. «In Seoul rettete er zwei Artisten auf dem Seil das Leben.»

Tägliches Training gehört zu Freddys Alltag. Zehn Minuten Beugen, Strecken, und Dehnen auf der Vibrationsplatte neben dem Sofa - auch am Sonntagnachmittag. Kinderstimmen begleiten das leise Brummen des Fitnessgeräts: Im Wohnzimmer spielt Ximena mit den vier Kindern «Eile mit Weile». Wenn sich Freddy anschliessend zu seiner Patchwork-Familie gesellt, erzählt er zum x-ten Mal seine Heldengeschichte von Seoul:

«Ich beobachtete, wie einer meiner Konkurrenten über den Fluss lief. Nach etwa 300 Metern hielt er plötzlich inne, begann vor Angst zu zittern. Ich kenne dieses Gefühl. Man kann weder vor noch zurück. Also lief ich aufs Seil, um den jungen Mann ans Ufer zu holen.» In Polonaise-Manier, an den Schultern, führt Nock den Gescheiterten zurück auf festen Grund. Spricht dabei leise auf ihn ein: «Halt dich einfach an mir fest, dir kann nichts passieren.» Minuten später rückt er ein zweites Mal aus, um einen anderen Artisten zu retten - während seine Konkurrenten sich bei kühlen Getränken und Kraftriegel noch immer von ihren Läufen erholen.

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«Gewonnen!» Die kleine Antonia, 5, hat ihre Spielfiguren als Erste ins Ziel gebracht. Die Kinderschar rennt durch die Terrassentür vors Haus und spielt «Fangis» zwischen riesigen Ungetümen aus Eisen und Stahl.

Ein Todesrad steht da, ein Riesentrampolin und zwei Meter über dem Boden ein Übungsseil. Freddy hat sich im Garten eine Artistenschule eingerichtet. Seine Kinder üben hier aber nur in der Freizeit: «Erst sollen sie mal eine solide Schulbildung erhalten. Danach können sie immer noch Zirkus machen.» Die zwei Ältesten haben sich schon entschieden. Stephanie, 20, ist preisgekrönte Motorrad-Artistin geworden, ihre Zwillingsschwester Melanie lernt Coiffeuse. «Perfekt! Sie kann mich beraten, welche Frisur die Narbe an meinem Hinterkopf am besten verdeckt», scherzt Freddy und fährt mit der Hand durch das lange Haar.

Das Wundmal zeugt von seiner ersten Begegnung mit der Endlichkeit des Lebens. Als der Zirkus-Spross vier Jahre alt war, entwischte ein Braunbär aus seinem Käfig und griff den spielenden Buben an. «Er biss mich in den Hinterkopf. Ein Wunder, dass ich überlebte!» Damals standen seine Schutzengel zum ersten Mal im Einsatz. Seither zählt er auf sie.

Denn der König der Hochseilläufer plant einen weiteren Weltrekord-Versuch: Auf den Tragkabeln der Gletscherseilbahn will er am 29. August die Zugspitze erklimmen. Der Ehrgeiz treibt ihn auf den höchsten Gipfel Deutschlands, bei sauerstoffarmer Luft und 60 Grad Steigung. Ungesichert. Immer geradeaus. Dicht gefolgt von einer Schar unsichtbarer Wächter.


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