Luca Sbisa Lucky Luca!

Mit 18 verdient der Zuger 888 000 Franken im Jahr: Eishockey-Jungster Luca Sbisa lebt in Philadelphia seinen «American Dream».
Vom Spielereingang wird der Jungstar mit der Chrysler-Stretch-Limousine Escalade zu einem Radio-Interview chauffiert.
Vom Spielereingang wird der Jungstar mit der Chrysler-Stretch-Limousine Escalade zu einem Radio-Interview chauffiert.

Noch steht er im Kabinengang. Wartet. Die Schlittschuhe geschnürt, den Stock fest in der Linken, das Trikot in den Farben Schwarz, Orange, Weiss. Der frenetische Jubel aus der Halle geht ihm selbst hier drin durch Mark und Bein. Aus dem Stadionlautsprecher ertönt sein Name: Luca Sbisa!

Er stürmt aufs Eis. 20 000 Zuschauer im Wachovia Center, dem Zuhause der Philadelphia Flyers, toben. Das erste NHL-Spiel des jungen Zugers beginnt. «Diesen Augenblick vergesse ich nie. Meine Hände haben so gezittert, dass ich den Stock kaum halten konnte.» Trainer John Stevens wusste genau, was der 18-Jährige durchmacht. Er klopft Sbisa auf die Schulter und sagt: «Hey, it’s just hockey, kid!»

«Ich will auf dem Eisfeld einen Unterschied machen. Ich will, dass man merkt, wenn ich nicht spiele»

Klar, ist es nur Hockey – aber auf höchstem Niveau. In der National Hockey League (NHL) stehen ausschliesslich Weltklassespieler auf dem Eis. So auch bei diesem Saisonauftaktspiel in Philadelphia. Und Sbisa hat bei seinem Debüt gegen die New York Rangers überzeugt – und ist seither Stammspieler der Flyers.

Er gilt als einer der vier besten Verteidiger im Team und steht im Schnitt pro Match zwanzig Minuten auf dem Eis. Zu Radio-Interviews in der Stadt wird er mit der Stretch-Limousine abgeholt. Er zählt zu den zehn Jüngsten, die es je in die NHL geschafft haben. Der Jüngste aus der Schweiz ist er sowieso. «Seit ich Hockey spiele, träume ich von der NHL. Ich hätte nie gedacht, dass es plötzlich so schnell geht.» Luca Sbisa kam in Ozieri auf Sardinien zur Welt.

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Seine Mutter Isabella ist halb Engländerin, halb Italienerin. Vater Massimo stammt aus Österreich, war Skifahrer im österreichischen Nationalteam. Als Luca einjährig war, zog die ganze Familie nach Oberägeri, später nach Zug. Mit vier nahmen er und seine Schwester Chiara erstmals Eiskunstlauf-Unterricht. Danach folgte das Nachwuchstraining beim EV Zug. Bereits als 17-Jähriger wechselte Sbisa in die höchste Juniorenliga Nordamerikas: Nach Lethbridge, Kanada. «Viele Schweizer haben das Talent, aber nicht den Willen, sich durchzukämpfen.»

Luca vermisst «ennet dem Teich» so einiges: Familie, Freunde, die beiden Hunde Chilu und Dino, den Kater Misco und «das Schnitzel mit Kartoffelsalat von meiner Mutter! Doch glücklicherweise bin ich zu beschäftigt, um darüber nachzudenken.» Trotzdem: Täglich schickt Luca seinem Mami ein «Ja es geht mir gut»-SMS. Auch ihrem Wunsch, beim Spielen den Zahnschutz zu tragen, versucht der Jungstar nachzukommen. Die Zahnkorrektur kostete viel Geld, sagt sie.

Dass sich der Teenager in der Ferne nicht zu wild austobt, dafür sorgt sein Klub. Übergangsweise wurde der Zuger im Hause von Teamkollegen Riley Cote und seiner Frau Holly einquartiert – dreissig Minuten von Philadelphia entfernt. In diesen Tagen steht nun der Umzug zu Schlummermutter Alison an – einer vierzigjährigen Lehrerin.

«Sie sagt, sie mache meine Wäsche und koche für mich. Das klingt doch gut!» Und mit einem Augenzwinkern fügt der bekennende «Desperate Housewives»-Fan an: «Sie sieht zwar nicht aus wie Eva Longoria. Aber das ist egal. Von meiner Spe­zialität Egg-Sandwich alleine würde ich auf die Dauer nicht satt.»

Zurzeit fehlt der Nummer 47 der Flyers etwas ganz anderes: Luca Sbisa hat noch keine Social Security Number. Ohne diesen neunstelligen Code gibts in den USA weder Handy, Auto noch ein Bankkonto. Und Letzteres könnte Luca, der Beinahe-Millionär, bestens brauchen. Seinen Jahreslohn von 888?000 Schweizer Franken plus Bonus bekommt der Hockeysöldner während der Saison in Zwei-Wochen-Raten ausbezahlt – per Check. Die lagen bis vor Kurzem bei mir im Zimmer rum. Doch mein Agent André Rufener hat eine Lösung gefunden.»

Sein Lohn sei schon krass, gibt Luca zu. Letztes Jahr verdiente er in der Junioren-Liga gerade mal 91 US-Dollar im Monat. «Eigentlich will ich nur Hockey spielen. Ich will auf dem Feld einen Unterschied machen. Ich will, dass man merkt, wenn ich nicht spiele.» Sein Geld investiere er weder in Label-Klamotten noch in teure Uhren. Vielmehr ins Essen. Und in sein erstes Auto: Ein flotter BMW X6 soll es sein. Preis: 70?000 US-Dollar. «Das wird mein einziger Luxus sein.»

«Mir fehlt das Schnitzel mit Kartoffelsalat meiner Mutter»

Die Trainingshalle der Flyers steht im ländlichen Voorhees, New ­Jersey. Wenn morgens um halb acht der eigene Atem wie dicker Nebel in der Luft hängen bleibt, trifft man «Sbiis» – so nennen ihn seine Teamkollegen – bereits im Training an. Der Coach will vollen Einsatz sehen. «Du musst immer parat sein. Er will, dass du kämpfst.» Wenn nicht, hagle es Kritik. «Bei mir reichts schon, wenn er mich scharf anschaut. Er weiss, mein Selbstvertrauen wäre sonst futsch.»

Sbisa ist selbstkritisch und ehrlich. «Mit meinen 1 Meter 88 und 92 Kilo bin ich zwar physisch kleiner und schwächer, doch das schaffe ich zu kompensieren. Fehler wegzustecken und Spiel für Spiel zu nehmen – das ist viel schwieriger.» Seinen ausgeprägten Aberglauben hat Luca abgelegt. «Das war extrem. Wenn ich mit dem zusammengekugelten Klebeband-Rest meines Stocks den Abfalleimer nicht getroffen habe, sah ich schwarz fürs Spiel.»

Heute beschränken sich seine Rituale vor einem Match auf Caesar Salad und Penne Wodka beim Italiener «Lucino», zwei Stunden Mittagsschlaf und die richtige Reihenfolge beim Anziehen der Ausrüstung – immer erst die linke Seite.

Gegen grosse Namen zu spielen geht «Swisscheese» noch immer unter die Haut. Sie waren bereits Stars, als Luca noch Windeln trug. «Dann frage ich mich schon, was ich hier eigentlich zu suchen habe. Respekt wäre da aber fehl am Platz.» Ganz anders neben dem Eis. «Als ich anfangs in die Garderobe kam, wusste ich gar nicht, was sagen. Einige meiner Mitspieler gehören seit über 20 Jahren dieser Liga an.»

Und obwohl die bärtigen Riesen mit ihren vernarbten Gesichtern ihrem «Kid» gutgesinnt sind – eine grosse Röhre liegt für Sbisa nicht drin. «Ich bin schlau genug, zu wissen, was sich gehört. Ich setze mich zwischen die Nummern 5 und 25 in mein ‹Eggli› und mache höchstens ein wenig Small Talk.» Und wenn die grossen Jungs in der Chartermaschine auf dem Weg zu Auswärtsspielen pokern, sitzen die Jungfüchse zusammen und spielen mit ihren portablen Playstations.

Anciennität zählt auch im Hotel. Einzelzimmer gibts erst ab 600 NHL-Einsätzen. Doch während sich die Medien-Meute auf die Stars der Mannschaft stürzt – bei der Damenwelt hat ein anderer die Nase vorn: der braun gelockte, junge Schweizer, um dessen Mundwinkel sich beim Lachen neckische Grübchen bilden. Lucas Teamkollegen haben ihm aber eingehend geraten: «Leg dir vor 25 keine Freundin zu, sondern geniesse dein Leben als NHL-Profi!»


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