Chris Rui & Ivan Frédéric Knie Manege frei für Chris & Ivan!

Zirkusdynastie Knie: Die Jüngsten sind die Grössten. Ivan Frédéric und Chris Rui verzaubern das Publikum. Mit Schalk, Charme und Talent. So werden aus Prinzen Könige!

Es war einmal ein winziges Königreich mitten in der Schweiz. Es gab kein Schloss, dafür ein 16 Meter hohes Zelt. Die Hauptstadt bestand aus 60 Wohnwagen und 70 Trucks. Diener gabs keine, dafür Clowns und Akrobaten. Die Könige hiessen Fredy und Franco Knie. Ihre Enkel, die jüngsten Prinzen: Ivan Frédéric, 7, und Chris Rui, 2. Es wurden 15 Landessprachen gesprochen,  und die Nationalspeise war Zuckerwatte. Jeden Tag strömten Menschen aus dem Umland ins Königreich, um Könige und Prinzen zu bestaunen. So wie in Buchs SG!

Prinz Ivan Frédéric tritt heute nicht auf. Er ist müde. Die Fratelli Er­rani werden ohne ihn ihre Kunststücke auf Pferderücken zeigen. Der Schulausflug mit der Zirkusschullehrerin Andrea Zweifel auf Schloss Werdenberg hat ihn ­geschlaucht. Und er muss noch Mathe büffeln.

Der zweitjüngste Vertreter der achten Knie-Generation wird von seiner philippinischen Nanny Alma begleitet. Seit seinem ersten Lebensjahr weicht sie nicht von seiner Seite. Mit ihr spricht er Englisch, um dann fliessend ins Französische zu wechseln, als der marokkanische Pferdepfleger Larbi Es Maim vorbeispaziert. SI-Reporter und Fotografin werden mit Handschlag und einer leichten Verbeugung auf Deutsch be­grüsst.

Wohlerzogen und ein wenig reserviert wirkt der Knie-Spross. Er hat die ausdrucksvollen dunkelbraunen Augen seiner Mutter Géraldine geerbt, die sich nun auf dem Zirkusvorplatz dazugesellt. Sie will wissen, wie der Schulausflug war. «È stato bellissimo», antwortet Ivan Frédéric in akzentfreiem Italienisch.

Nun kommt auch der jüngste Prinz um die Ecke getrippelt. Chris Rui gluckst vor Freude, als er Ivan, seinen Cousin dritten Grades, erblickt. In einem aus Englisch, Deutsch und Chinesisch bestehenden Baby-Kauderwelsch brabbelt der Kleine für Erwachsene unverständliche Sätze. «Er muss sich noch entscheiden, welche Sprache er sprechen will», sagen Vater Franco Knie jun. und Mutter Linna Sun, die aus der Nähe von ­Peking stammt. «Es ist normal für ­Zirkuskinder, dass sie mehrsprachig aufwachsen.»

Ivan Frédéric der Grosse, Chris Rui der Kleine. Der Ruhige und das Temperamentbündel. Die beiden mögen sich. Ivan knufft Chris zärtlich, küsst ihn auf die Wangen. Und der Kleine geniesst es. Dass sich Chris gerne und oft in Szene setzt (er gibt während des Shootings mehrere komische Tanzeinlagen), nimmt der Ältere gelassen hin.

Als aus dem Zirkuszelt der Sound des Starbugs-Programms erklingt, kommt auch Ivan auf Touren. Mit den blauen Converse-Sneakers schlägt er den Disco-Takt zu «Y.M.C.A.» von Vil­lage People. Chris Rui ist nicht mehr zu halten. Der Knirps wackelt und streckt die Arme in die Luft. Sägespäne und Staub wirbeln auf. Fäbu, Tinu und Silu, die drei Starbugs, sind die Helden der beiden Prinzen.

«Die sind megacool», sagt Ivan. Nächstes Jahr werden es andere Artisten sein, die Ivan lässig findet. Abwechslung gehört zum Zirkusleben. «Meine Gschpänli in der Zirkusschule wechseln auch jedes Jahr», erzählt Ivan, der mit vier Artisten-Kindern im grauen Schulwohnwagen unterrichtet wird.

Die Pause schwemmt Scharen von Zuschauern aus dem Zelt. Kinder schauen neugierig, wie die Fotografin Ivan und Chris mit dem Weissclown und dem dummen August ablichtet. Die beiden lassen sich von den vielen staunenden Kindern nicht aus der Ruhe bringen. Posieren mit Clowns? Für die Knie-Knirpse Routine, für die Zuschauer-Kinder ist das wie Weihnachten im Frühling.

«Nonno, Nonno», ruft Chris. Franco Knie, der Grossvater, schaut vorbei. Er hebt seinen Enkel hoch, drückt ihm einen Schmatz auf den Bauch. «Zirkuskinder wachsen anders auf. Wir zwingen sie zu nichts, aber wir fragen sie auch nicht. Ob sie bleiben oder ausserhalb des Zirkus ihr Leben führen wollen, sollen sie selber entscheiden. Wichtig ist, dass sie merken, dass es auch ein Leben ausserhalb des Zeltes gibt.»

Ähnlich sieht es Fredy Knie, wenn es um die Zukunft seines Enkels Ivan geht. «Jetzt soll das Ganze noch ein Spiel sein. Falls sich Ivan später für den Zirkus und für Pferdenummern entscheidet, freut es mich», sagt er. Er, der für Ivan Frédéric – seit sich Mutter Géraldine von Ivan Pellegrini trennte – auch ein bisschen die Vaterrolle übernommen hat.

Die Pause ist vorbei, die Zuschauer sind ins Chapiteau zurückgekehrt. Ivan und Chris sitzen jetzt auf einem Postament vor dem Elefantengehege. Ivan hält den Kleinen, damit er nicht runterfällt. Die vier Tonnen schweren Kolosse stupsen den 14 Kilogramm leichten Chris Rui mit ihren Rüsseln sachte an.

«Kurz nach der Geburt haben wir ihn von den Elefanten beschnuppern lassen. Sie kennen ihn», erzählt Vater Franco. So kommt es, dass am Schluss der Nummer der Kleine den Elefanten bedrohlich nahe kommen und sie mit Bananen füttern darf.

«Me, me», quengelt Chris auf Englisch. Er möchte seinen Gameboy zurück, den nun Ivan in der Hand hält. «Wir müssen posieren. Du kannst nachher weiterspielen», sagt der Grosse. Ob er denn schon einen Berufswunsch – ausser Zirkusdirektor – habe? «Ich mag Mathe, und ich lese gerne. ‹Der Herr der Ringe› ist mein Lieblingsbuch. Aber vielleicht werde ich doch Pferdedompteur.»

Es waren einmal zwei Prinzen. Ob sie später zu Königen gekrönt werden? Davon ist mit Sicherheit auszugehen.

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