Alette Schefer und Doris Bosshard Mit 95 auf Wolke sieben

Vor 70 Jahren arbeiteten sie als Swissair-Stewardessen. Jetzt ist für die 95-jährigen Zwillinge Alette Schefer und Doris Bosshard ein Traum in Erfüllung gegangen: ein Besuch im Cockpit der Swiss.

«Schau! Die vielen Knöpfe und Schalter! Ein solches Flugzeug ist wirklich ein Wunder der Technik.» Doris Bosshard freut sich wie ein kleines Kind, schaut glückselig zu ihrer Zwillingsschwester Alette: «Dass wir das noch erleben dürfen!» – «Weisst du noch, damals? Wenn ein Passagier fragte, wo wir seien, ging ich jeweils nach vorn ins Cockpit zum Funker. Der notierte die Stelle auf seiner Karte, und ich liess diese dann bei den Fluggästen zirkulieren.»

95 Jahre alt sind die zwei vitalen Damen, die da im Cockpit des Airbus A320 sitzen. Auf Einladung der Swiss sind sie soeben nach Hamburg und retour geflogen. Und haben dank Captain Claudio Vito die seltene Ehre, sich nach der Landung in Kloten in einer Pilotenkabine umsehen zu dürfen. Schliesslich sind die beiden ganz besondere Gäste.

Ein paar Nachmittage später sitzen die Schwestern in der Stube von Alette. Beide sind Witwen, haushalten allein in ihren Einfamilienhäusern. Doris in Brütti­sellen ZH, Alette im nahen Kloten. Jeden Morgen um neun Uhr telefonieren sie einander, fragen, wies geht.

Doris hat zwei Fotoalben mitgebracht. Mit den Schwarz-Weiss-Bildern tauchen sie in eine andere, längst vergangene Zeit ein. Winter 1937: Die Swissair sucht Statisten für einen Werbefilm. Die 23-jährige Alette meldet sich, nimmt ihre Schwester mit. «Wir mussten Flugpassagiere spielen.» Nach dem Dreh hiess es: «Meldet euch, wir brauchen Stewardessen!»

Doris packt die Chance als Erste, fängt am 7. Februar 1938 als Swissair-Stewardess an. «Für junge Frauen war das ein Traumberuf.» Sie arbeitet auf zwei Flugzeugen, der DC-2 und der DC-3. Die DC-2 hat 14 Plätze. Ihre Destinationen sind Paris, London und Wien, sie startet und landet jeweils in Dübendorf. Zürich Kloten wird erst 1953 eröffnet.

Hostessen anno dazumal sind Mädchen für alles. «Am Hauptbahnhof Zürich kaufte ich ein Grahambrot, ein Mödeli Anke und 250 Gramm Schinken. Damit machte ich zehn belegte Brötchen.» Hinter jedem Flugzeugsitz hängt ein Kärtchen: Sandwich 50 Rappen, Tee 50 Rappen, Whisky 2.50 Franken.

An Bord ist es abgesehen vom Propellerlärm ruhig. Doris: «Wir hatten nur Geschäftsleute und Diplomaten.» Ein Flug nach London dauert dreieinhalb Stunden – oder länger. «Einmal hatten wir extrem starken Gegenwind, das Flugzeug bockte wie wild, ich kam nicht nach mit Tütenverteilen. Der Flug dauerte mehr als fünf Stunden.»

Immer wieder fragen Passagiere: «Haben Sie denn keine Angst?» Sie habe jeweils kurz den Kopf geschüttelt. «Viele fürchteten sich vor dem Fliegen, die Verkehrsfliegerei gabs ja noch nicht allzu lange. Die wichtigste Aufgabe einer Hostess bestand darin, die Leute zu beruhigen.» Auf einem Flug lernt Doris ihren späteren Ehemann kennen. Er arbeitet im Cockpit – als Pilot.

Auch an eine andere Begegnung erinnert sie sich gut. Am 28. August 1939 ist der bekannte Historiker Jean Rudolf von Salis an Bord, er hat in Paris eine Politkonferenz besucht. Bei der Ankunft sagt er zu Doris Bosshard: «Das war Ihr letzter Flug.» Sie habe sich noch gewundert – doch am nächsten Morgen erfährt sie den Grund. Radio Beromünster meldet: Mobilmachung! Von diesem Tag an bleiben die Swissair-Flugzeuge für mehrere Monate am Boden. «Ich war tieftraurig.»

1942 steigt auch Doris Bosshards Schwester Alette bei der Swissair ein, auch sie als Stewardess. «Ich flog vor allem die neu eröffnete Strecke Dübendorf–Stuttgart–Berlin.» Alette Schefer schmunzelt, wenn sie auf dem Foto ihr damaliges Arbeitstenue sieht: blütenweisse Uniform, rot-grün-gelb gestreifte Sandalen. «Die Deutschen nannten uns die fliegenden Krankenschwestern.» Rauchen an Bord ist erlaubt. «Wir mussten den Feuerlöscher bedienen können.» Oft hört sie, wie sich deutsche Gäste Hitlerwitze erzählen. «Anderswo trauten sie sich das wohl nicht.»

Fünf Monate ist Alette Schefer bei der Swissair, für 250 Franken monatlich. «Ich hätte auch ohne Lohn gearbeitet.» Wie ihre Schwester lernt auch sie ihren Gatten an Bord kennen – auch er ist Swissair-Captain. «Verlobt haben wir uns in der Luft, in einem Segelflugzeug. Das war ganz romantisch.»

Noch heute ist die Fliegerei die Passion der Zwillinge. Beide sind noch bis vor ein paar Jahren kreuz und quer durch die Welt gedüst. Wenn Doris Bosshard einen Militärjet hört, schlägt ihr Herz höher. «Ein wunderschönes Geräusch!» Die Fliegerei brachte Doris Bosshard aber auch zwei Tragödien. Am 21. Februar 1970 verliert sie ihren Mann, als Terroristen bei Würenlingen AG die Swissair-Maschine Kurs 330 von Zürich nach Tel Aviv zum Absturz bringen. Alle 47 Insassen kommen ums Leben, darunter ihr Gatte; er ist als Passagier an Bord. Und dann das Swissair-Grounding 2001! «Der zweitschlimmste Tag meines Lebens.»

Doris Bosshard klappt das Fotoalbum zu. «Der Flug nach Hamburg ist der krönende Abschluss unserer Fliegerei. Ein Gefühl wie auf Wolke sieben!»

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