Sommerserie Nachts an der Tür: Beschützen statt besaufen

Was erleben Menschen, die vornehmlich nachts arbeiten? Welchen kuriosen Typen begegnen sie? Welche Geschichten haben sie zu erzählen? SI online begleitet Personen während ihrer Nachtschicht: Diese Woche verbringen wir eine Nacht an der Seite eines Türstehers. Wie arbeitet er, während sich die Leute im Club amüsieren? Und: Mit welchen Querschlägern muss er sich befassen?

Mit einem Griff zum T-Shirt-Rand hebt er es hoch und zieht es über den kahlgeschorenen Kopf. Seine Weste kommt zum Vorschein. Sie sei stich- und schlagfest, sagt er. Dann befestigt er das kleine, schwarze Gerät hinten an seinem Hosenbund, zieht den geraden Teil des Kabels über den Rücken zum Nacken, steckt sich den Knopf ins Ohr und zieht das T-Shirt wieder über den Kopf. In zehn Minuten beginnt der eigentliche Auftrag, alle elf Männer sind konzentriert. Der Platz vor dem Nordportal in Baden ist leer. Noch. Es riecht nach Herbst, Nebel liegt in der Luft, der Sommer ist bald vorbei, die Nächte werden kühl. Das Ganze mischt sich mit einem leichten Schweissgeruch, unterstrichen von einer Aftershave-Deo-Note. In elf Minuten sollen die ersten Partygänger auf dem Platz erscheinen. Sie werden sich zwischen den Absperrgittern einreihen müssen – für die Durchsuchung. Dann, um elf Uhr nachts, beginnt Xhavits Arbeitstag.

Zwei Stunden vorher: Xhavit trifft mit seinem Auto ein. Der 27-jährige Sicherheitsmann sorgt mit zehn anderen heute Abend für Ruhe und Ordnung. Rund 1200 Jugendliche werden erwartet, sie alle wollen Spass haben, zu Hip-Hop-Musik tanzen, trinken. «The Crowd Is On Fire» lautet das Motto des Abends, doch für Xhavit und seine Kollegen gilt das Gegenteil. Die Masse soll sich zwar amüsieren, die Gemüter aber kühl bleiben. Sie müssen die Gäste so selektionieren, dass es nicht zu Problemen kommen kann. «Wenn ich an der Türe stehe, diskutiere ich nicht», sagt Xhavit. Er erkennt problematische Fälle auf einen Blick – eine Berufskrankheit. «Die wohl bekannteste Ausrede ist, dass es schon voll ist oder dass wir Männer nur noch in Begleitung von Frauen reinlassen. Meistens merken die Leute, dass etwas nicht gut ist und gehen.» Probleme verursachen sowieso hauptsächlich Männer, weiss Xhavit. So wird das auch an diesem Abend der Fall sein.

XHAVIT IST THAIBOXER UND AUSHÄNGESCHILD
Der Platz vor dem Nordportal ist noch leer, die umliegenden Häuser der Alstom begrenzen ihn. Für die Besucher kaum sichtbar beobachten Kameras das Geschehen. Für den Fall der Fälle, sagt Tony, 39. Er ist Inhaber der Sicherheitsfirma Swiss Security Agency. Selbst steht er nicht mehr an der Tür, dennoch schaut er vor Anlassbeginn meistens zum Rechten. Die Jungs mögen ihn, begrüssen ihn alle und geben die Hand. Immer mehr dunkel angezogene Kasten von Männern tauchen auf, sie lachen, sie reissen Witze. Nichts erinnert an das Klischee eines Türstehers: Erst später werden sie ihr Pokerface aufsetzen und für Disziplin sorgen. Jetzt bauen sie zuerst den Platz um. Sie heben die Absperrgitter an die richtige Stelle, es soll ein Eingangsbereich entstehen.

Xhavit kommt sein sportlicher Körper zu Gute. Obwohl er unter den anderen nicht gerade mit seiner Grösse oder breiten Schultern auffällt, ist er fit: Neben seinem Job als Sicherheitsmann betreibt er drei Mal wöchentlich Thaiboxen, fast professionell, meint er stolz. Sonst kümmert er sich um seine Familie und die zwei kleinen Kinder, ein Bube und ein Mädchen. Anwenden würde er die Kampfsportart nie in seinem Job. «Das ist Ehrensache.» Xhavit weiss, dass ein falscher Tritt oder Hieb einen untrainierten Gegner schlimm verletzen würde. Kommt es vor der Türe zu Rangeleien und Problemen, greift er auf die erlaubten Waffen zurück: Pfefferspray, Handschellen und Tricks, die er in seiner Ausbildung gelernt hat. «Kommt es zu Angriffen, lautet für uns die Devise, immer verhältnismässig zu handeln – auch wenn mehr drinliegen würde», erklärt er. Heisst: Von einem Türsteher wird Disziplin erwartet, Nervenstärke, eine innere Ruhe. «Rambos tolerieren wir bei uns nicht», sagt Geschäftsführer Tony. Die führten über kurz oder lange immer zu Problemen. «Jeder muss sich bewusst sein, dass wir eigentlich Gastgeber sind: Wir wollen uns um das Wohl der Personen kümmern, sie schützen.» Dazu gehöre es auch, die Gäste freundlich zu begrüssen und zu verabschieden. Oder einem Mädchen mit gebrochenem Herz zu zuhören. Oder ein Pflästerli für drückende Schuhe aufzutreiben. «Wir sind sozusagen die Aushängeschilder eines Clubs», weiss er.

TÜRSTEHER SIND IMMER IDIOTEN
Tony ist seit 18 Jahren in der Branche tätig. An der Tür steht er selbst kaum mehr. Es reicht ihm. «Die Leute behandeln dich meistens wie einen Idioten, einen Gegner, einen Bösen.» Dafür fehlen ihm heute die Nerven. Er mag nicht zum tausendsten Mal von minderjährigen Mädchen für dumm verkauft werden. «Sie behaupten, sie seien ohne Ausweis weggegangen, extra von weit hier her gefahren. Das stimmt doch nicht, das weiss ich genau!» Die einen versuchten ihr Glück auch mit der ID der Kollegin. «Wenn wir das bemerken, ziehen wir den Ausweis ein und sagen, sie soll uns die Besitzerin vorbei schicken.» Das gehe jeweils ganz schnell, auch wenn diese woanders sei. Niemand will Probleme mit der Polizei kriegen wegen Dokumentenfälschung.

Die Gitter sind aufgebaut, die Männer stehen bereit und sind mit Funkgeräten verkabelt. In neun Minuten geht es los. Melanie, 32, brieft ihre Männer: Sie ist die Einsatzleiterin des Abends. Sie, diese unter den Männern doch eher zierlich wirkende Frau, ist die Hauptansprechperson, wenn etwas nicht nach Plan läuft. Sie hat auch stetigen Kontakt zu Polizei und Ambulanz, damit in einem Notfall innert drei bis vier Minuten Hilfe kommt. Für einige Sicherheitsmänner stelle es schon ein Problem dar, wenn sie eine Frau als Chefin hätten, sagt Geschäftsführer Tony. «Aber dann sind sie bei uns am falschen Ort. Wir sind neutral was Geschlecht und Religion angeht. Ich will, dass wir uns alle akzeptieren und vor allem respektieren.»

PROBLEME GIBT ES AB 2 UHR NACHTS
Die Party sei ab 18 Jahren, sagt Melanie den Jungs noch einmal. Dann teilt sie sie in Gruppen ein: Die einen sind zuständig für die Ausweiskontrolle am Eingang, die anderen durchsuchen die Gäste nach gefährlichen Gegenständen und Drogen. «Auch wenn wir hier in der Agglomeration arbeiten, gibt es doch immer wieder Probleme damit: Gras gehört mittlerweile zu den normalen Dingen, Kokain und härtere Drogen konfiszieren wir regelmässig.» Xhavit formt mit einem Kollegen die Patrouille 1, er übernimmt den Lead des Duos und kontrolliert den Club von der Galerie aus. Eine zweite Patrouille unterstützt sie, draussen steht ein Mann am Ausgang. «Bezieht eure Positionen» - es geht los. Inzwischen stehen bereits rund hundert Personen am Eingang und warten auf Einlass. Flaschen klirren auf dem Boden, die frische Herbstluft weicht dem Zigarettenrauch. Gelächter, Geschrei, Vorfreude.

Xhavit ist konzentriert, seine Gesichtszüge sind entspannt. Zwischen den vereinzelten Partygängern, die bereits drinnen sind, geht er mit seinem Kollegen die Innentreppe hoch zur Galerie – des besseren Überblicks wegen. Die beiden stützen sich nebeneinander auf dem Geländer ab, schauen zu, wie sich die Halle füllt. Die ersten hundert Leute sind sicher schon drinnen, dennoch wirkt der Platz noch lange nicht voll. Xhavit lässt seine Augen über die immer grösser werdende Masse schweifen, hält Ausschau nach Problemen. Er weiss, der Höhepunkt kommt erst so in drei Stunden, gegen zwei Uhr. Dann werden einige Gäste genug getrunken haben, um ihre Lockerheit abzulegen.

PILOTPROJEKT MIT DER STADTPOLIZEI
Die beiden Arbeitskollegen schweigen sich an. Seit sieben Jahren arbeitet Xhavit in diesem Bereich. Angefangen hat alles wegen Kollegen, denen er aushalf. Es mache ihm Spass unter Leuten zu sein, ein Rambo sei er keineswegs. In den Ausgang geht er in der Freizeit auch ab und an, «schliesslich bin ich auch nur ein Mensch».

Sein Kollege zeigt in die Menge. Xhavit nickt, die Gesichtszüge spannen sich an. Schnell schreiten die beiden an der Gittertüre vorbei, die Treppe runter mitten in die Meute. Alarmstimmung kommt auf, ich darf nur noch aus sicherer Distanz beobachten. Ein Gast raucht eine Zigarette, nachdem er bereits einmal darauf hingewiesen worden ist, dass nur draussen geraucht werden darf. Xhavit und sein Kollege informieren die restlichen neun Sicherheitsleute mittels Funk. Für den Fall der Fälle. Der Plan der Patrouille 1: Den Gast aufsuchen, möglichst unaufällig aus der Halle bringen. Es ist ein Uhr nachts. Die Jugendlichen nehmen die beiden nicht wahr, als sie sich den Platz durch die Menge bahnen. Vielleicht liegt es an der schwarzen Kleidung, vielleicht an ihrer Diskretion. Das Ziel aller ist es, so unsichtbar zu bleiben wie es nur geht. Schliesslich wollen sich hier Leute amüsieren.

Sie sprechen den Mann mit der Zigarette an. Er hat längst Gefahr gewittert und sie weggeworfen. Xhavit legt ihm die Hand sanft auf den Rücken, weist in Richtung Ausgang. Der Arbeitskollege hält ein wenig Abstand, «wir wollen ja nicht bedrohlich wirken». Der Gast gestikuliert wild, wirft die Hände in die Luft. Die Augen der Sicherheitsleute in der Halle sind auf das Trio gerichtet. Der Gast renkt ein, geht widerwillig zwischen Xhavit und seinem Kollegen raus.

Bei ihnen komme es selten zu grossen Problemen, erzählt Tony stolz. In praktisch allen angesagten Orten in Baden dürfe er seine Leute stellen. Mit der Stadtpolizei organisierte er ein Pilotprojekt: Anstatt wie an anderen Orten gegeneinander zu arbeiten, würden sie sich hier helfen. «Wenn es Probleme gibt, sind sie innert weniger Minuten vor Ort.» Alle paar Monate tausche er sich mit dem Polizeichef über die Zusammenarbeit aus. Das Projekt wurde soeben dem Kanton vorgestellt.

WIRD EIN HAUSVERBOT AUFGEHOBEN, ERHÄLT DER GAST EINEN BRIEF
Xhavit und sein Kollege nehmen ihren Platz auf der Galerie wieder ein. Der Gast hätte beim Gespräch vor dem Eingang Einsicht gezeigt, sie hätten ihn nun zum zweiten und letzten Mal verwarnt. Fällt er noch einmal auf, muss er gehen. 24 Personen haben seit Anfang des Jahres in den von Tony betreuten Clubs Hausverbot. Sie alle fielen durch «gröberes Verhalten» auf: Sie schlugen sich untereinander oder griffen Türsteher an. Bei all diesen Fällen kam die Polizei – deshalb haben die Türsteher auch die Namen auf der schwarzen Liste: Die Angaben bekamen sie von der Polizei. Die Härte des Vorfalls bestimmt die Dauer des Hausverbots. Meist dauert es zwischen einem Jahr und drei Jahren. Nach eigenem Ermessen hebt Tony es auf, schreibt den betreffenden Personen einen eingeschriebenen Brief, in dem steht, dass sie nun wieder willkommen seien. «Das erübrigt sich dann meistens, da sie dann zu alt sind um noch in den Ausgang gehen zu wollen.»

Auch wenn sie es ungerne zugeben, haben Sicherheitsleute auch Angst. «Man muss einfach wissen, wie man damit umgeht», sagt Tony. Auch Xhavit hat teilweise Respekt. In die ganz brenzligen Situationen, von denen heute noch gesprochen wird, kam er aber noch nicht. Sicher auch, weil das Team so zusammenhalte, sagt er. «In solchen Situationen weisst du immer, dass dein Kollege dir den Rücken deckt. Wir sind füreinander da.» Teilweise würden sie nach Arbeitsschluss den Abend noch zusammen ausklingen lassen. «Dann gehen wir noch etwas trinken und reden über Gott und die Welt», sagt er. Heute wird es wohl fünf Uhr, bis Xhavit fertig ist. Bei Hip-Hop-Partys gehe es immer etwas länger, bis die Gäste draussen seien. Sieben Jahre arbeitet er bereits als Türsteher und will das auch künftig tun, immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, welcher Gefahr er sich aussetzt. Möglicherweise hört er irgendwann auf, wie das viele seiner Kollegen bereits getan haben – der Familie wegen. Und bis dahin lässt er seine Augen über die Ansammlung tanzender Jugendlichen schweifen. Sein Gesichtsausdruck: Entspannt – und konzentriert.

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