«Virgin-Tales» Neuer Dokufilm: Die Jungfrauen der USA

Jedes achte Mädchen in den USA unterschreibt einen Jungfräulichkeitsvertrag, in dem sie verspricht, bis zur Hochzeit enthaltsam zu bleiben. Eine Schweizer Regisseurin hat über den Hype um die Keuschheit einen Dokumentarfilm gedreht. SI online hat sie zum Interview getroffen.

Enthaltsam bleiben, bis der Traumprinz vor der Tür steht und um die Hand anhält. So lautet die Devise der Purity-Bewegung. Die Schweizer Filmemacherin Mirjam von Arx, 45, hat sich lange mit der neuen Bedeutung der Jungfräulichkeit beschäftigt und über zwei Jahre die Familie Wilson aus Colorado begleitet, die als Vorreiter dieser Bewegung gilt. In den USA folgen Millionen dieser Idee. Die Enthaltsamen gibt es aber auch in Europa und sogar hier in der Schweiz.

SI online: Mirjam von Arx, Sie haben sich intensiv mit der Familie Wilson aus Colorado, die der Purity-Bewegung angehört, beschäftigt. Wieso?
Mirjam von Arx: Sie sind die Gründer der Jungfrauen-Bälle - der sogenannten Purity Balls. In Amerika rennen sie von einem Pressetermin zum nächsten und predigen Enthaltsamkeit. Nebst den Eltern gibt es die sieben Kinder, von denen die drei ältesten bereits verheiratet sind. Die Wilsons haben eine besonders strenge Haltung zur Keuschheit: In der Familie küsst man seinen Partner erstmals vor dem Altar.

Wie haben Sie die Familie erlebt?
Ich ging mit gemischten Gefühlen hin. Auf der einen Seite waren sie sehr charmant, hatten aber Lebensansichten, hinter denen ich nicht stehen kann.

Wie zum Beispiel?
Ich fragte den Vater, ob man auch als unreligiöser Mensch ein moralischer Mensch sein kann. Seine Antwort war einfach: Gut nütze nichts, wenn man nicht glaube. Wer nicht glaubt, komme sowieso in die Hölle.

Was ist die Hauptbotschaft der Purity-Bewegung?
Die Bewegung zählt Millionen von Mädchen und Jungs, die sich entscheiden, keusch in die Ehe zu gehen. Es geht um die Reinheit des Körpers, aber auch um die des Geistes. Die Anhänger möchten fern von Verführungen die richtigen Entscheidungen treffen. Sie masturbieren auch nicht. Natürlich spielt Religion eine zentrale Rolle.

Was hat es mit diesen Bällen auf sich? 
In 48 Staaten gibt es solche Purity-Bälle. Dort treffen sich Väter mit ihren jungen Töchtern und unterschreiben eine Art Jugfräulichkeitsvertrag. Der Vater verspricht, alles für die Erhaltung ihrer Jungfräulichkeit zu unternehmen, und die Tochter verspricht, enthaltsam zu bleiben. Die meisten Mädchen besuchen einen solchen Ball mehrmals im Leben.

Wie viele Mädchen unterschreiben amerikaweit einen solchen Vertrag?
Jedes achte. Das sind enorm viele.

Und daran halten sich dann alle?
Gemäss Studien haben auch diejenigen, die einen solchen Vertrag unterschrieben haben, Sex vor der Ehe. Sie sind allerdings im Schnitt älter als jene, die nicht offiziell zur Bewegung gehören.

Sind die Anhänger aufgeklärt?
Sie haben Sexualkunde, wenn auch halbpatzig. Man erklärt ihnen, wie Sex funktioniert, klärt aber nicht vollständig über Verhütung auf. Die meisten verhüten beim Geschlechtsverkehr nicht. Das erklärt die hohe Teenagerschwangerschafts- und AIDS-Rate in den USA.

Gibt es die Bewegung auch in der Schweiz?
Die gibt es hier auch. Wenn auch nicht so sichtbar wie in den USA. Es gibt jedoch meines Wissens keine Studie zur Situation in der Schweiz.

Wie nennen sich die Anhänger hier?
Sie haben keinen offiziellen Namen. Sie halten sich eher bedeckt und sind nicht so vernetzt wie in Amerika. Man findet Menschen mit derselben Einstellung vor allem in den Freikirchen. Die haben einen grossen Zulauf und propagieren ebenfalls Keuschheit vor der Ehe.

Glauben Sie, dass Ehen unter solchen Bedingungen besser funktionieren?
Es gibt sicher weniger Reibungspunkte. Schliesslich gehen sie davon aus, dass Gott für einem den perfekten Partner ausgewählt hat. Und mit dem Ex vergleichen kann man auch nicht. Der Ehemann ist also der Traumprinz, mit dem man ein Leben lang zusammen sein will. Scheidung ist nur in wenigen Fällen eine Option.

Der Dokumentarfilm «Virgin Tales» läuft ab dem 7. Juni 2012 in den Schweizer Kinos.

 

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