Chris von Rohr: Abschied von Michael Jackson Nicht von dieser Welt

Chris von Rohr ist der berühmteste Rock-Musiker der Schweiz und Kolumnist der Schweizer Illustrierten. Er nimmt Abschied von Michael Jackson.
Chris von Rohr
Chris von Rohr

Die Nachricht vom Tod des King of Pop katapultierte mich 32 Jahre zurück in die Zeit, als der andere King starb: Elvis. Damals war ich mit Krokus in England, wo wir ein Album aufnahmen – ähnliches Szenario wie bei John Lennons Tod. Man vergisst sie ein ganzes Leben lang nicht mehr, die Tage, an denen die Menschen starben, die einen verzaubert, berührt oder in wichtigen Phasen begleitet haben.

Kennen Sie auch diese Vorher-nachher-Bildli? In den Heften beim Zahnarzt oder Physiotherapeuten gibt es doch manchmal diese LeserInnen-Stylings, wo sich Müller und Kunz gesponsert kosmetisch aufpeppen lassen. Von der grauen Maus zum Osterei. Mich nimmt jeweils wunder, wie sich der äusserliche Charakter eines Menschen mit ein bisschen Stoffwechsel, Fellbearbeitung und Bauernmalerei völlig neu definieren lässt, obwohl mir die Vorher-Pics oft besser gefallen.

Die Bildstrecken des Michael Jackson, die immer wieder, schon fast mit sadistischem Vergnügen, gezeigt wurden, sind jedoch eine andere Liga: die Liga des Grauens. Ich versteife mich unmittelbar bei ihrem Anblick, es tut mir fast körperlich weh. Auf dem ersten Bild sehe ich einen unbekümmerten schwarzen Jungen, der das blühende Leben verkörpert. In der Mitte einen immer noch hübschen, dunklen und äusserst sportlichen Mann mit einem leuchtenden Blick.

Auf dem letzten Bild hingegen ist ein Wesen abgebildet, das nicht mehr von dieser Welt zu sein scheint: Die Augen wirken leblos, die Nase ungewöhnlich schmal und spitz, die Haut gleicht einer Weissputz-Schicht, und das Kinn hat die Form einer Quitte. Es sind die Lebensstationen eines gefallenen Engels.

In welchen Schuhen muss ein Mensch gelaufen sein, wenn er seine naturgegebene Schönheit dermassen mit Füssen tritt und vernichtet? Ist es eine angeborene, erworbene oder anerzogene Verachtung seiner selbst, die dieser brachialen Veränderung und Kasteiung zugrunde liegt?

In diesem Zusammenhang kommt mir ein Schlüsselsatz von Elvis in den Sinn, ein Satz, der meine Sichtweise und meine Haltung für immer geprägt hat: «Don’t judge that man, coz you didn’t walk in his shoes.» Verurteile diesen Menschen nicht, denn du bist nie in seinen Schuhen gelaufen. Obwohl Jacko nie rechtsgültig verurteilt wurde in dieser Kindersache, wurde er von der ganzen Welt schuldig gesprochen. Die Spekulationen und Schmierereien wuchsen ins Unermessliche.

Das Volk liebt Helden, aber noch mehr gefallene Helden. All die Menschen und Medien – und es waren fast alle, die in den letzten zehn Jahren kein gutes Haar mehr an Michael Jackson liessen –, all jene machen jetzt plötzlich auf kollektive Trauer und Betroffenheit. Kann man das ernst nehmen? Für mich ist es traurig und befremdend und zeigt mir einmal mehr, dass gewisse Menschen wohl erst sterben müssen, bevor man sich wieder ihrer Qualitäten und ihrer Einmaligkeit entsinnt.

Das Drama des Michael Jackson begann mit einem Prügelvater, der sein blutjunges Kind buchstäblich immer wieder auf die Bühne peitschte und ihm seine gesamte Jugend raubte. Feeling, Zärtlichkeit und Mitgefühl? Fehlanzeige. Der alte Familienherrscher brüstete sich sogar noch damit. Jacko klagte ein paarmal, dass sein Vater ihn sehr traurig und krank gemacht habe. Nein, er hat das nie als eine Ausrede für sein oft bizarres Verhalten gebraucht, sondern nur als etwas Gegebenes, als einen Fakt in seiner Bio­grafie. Gehört wurde es nicht. Gebrochen, verfolgt und gestorben war dieser Michael Jackson schon lange.

Ist es da ein Wunder, dass man sich Affen und Kinder als Freunde nimmt? Leider hatten Jacko sowie Elvis keine guten Be­rater. Nur schlechte Dr. Feelgoods, die sich Ärzte nennen. Dazu viele abgehobene Schulterklopfer, Abzocker und falsche Freunde. Das ist eine vernichtende Mischung.

Michael Jackson ist zusammen mit Elvis sicher der Grösste der Popgeschichte. Hits wie seine wird es nie mehr geben! Einer meiner Lieblingssongs von Jackson war «We Are the World», für die Bedürftigen in Afrika. Der Song war von Michael komponiert und vom grossen Musikproduzenten Quincy Jones auf ihn zugeschnitten. Nach­ahmerproduktionen erreichten nie diesen emotionellen Touch. Es ist ein Meisterwerk für die Ewigkeit.

Seit 15 Jahren liegt ein kleines Stück Teppich aus dem legendären A&M, Studio D, aus L.A., wo genau dieser Song aufgenommen wurde, unter meinem Flügel. Die kleinen, tanzenden rosa-blau-türkis Punkte auf schwarzem Hintergrund erinnern mich irgendwie an die kindliche Verspieltheit des King of Pop. Solche Teppiche – und solche Künstler – gibt es bei uns nicht.

Jetzt ist er im Olymp der Musikgeschichte angelangt, und mein Gefühl sagt mir, dass es ihm da um einiges besser geht. Denn die Hölle für solche Menschen gibts nur an einem Ort: hier auf Erden.

Auch interessant