Ueli Maurer Nun steigt er in die Hosen

Von Wernetshausen ZH nach Bern: Jetzt muss der sechsfache Vater die Koffer packen und sich neu organisieren. Dank Ueli Maurer, 58, zieht die SVP wieder in den Bundesrat ein. Mit einem ihrer Wunschkandidaten.
Ueli Maurer macht sich in seinem Zimmer für den Wahltag parat. Er übernachtet in Bern seit Jahren im Hotel Bären.
Ueli Maurer macht sich in seinem Zimmer für den Wahltag parat. Er übernachtet in Bern seit Jahren im Hotel Bären.

Vom Bauernsohn zum Bundesrat. Vorbei ist das einfache Leben, Auftritte auf dem roten Teppich gehören nun zur Pflicht. Gewöhnen muss sich Ueli Maurer auch ans Scheinwerferlicht, das ihn ab jetzt ununterbrochen begleiten wird.

Der Zürcher ist der 111. Bundesrat der Schweizerischen Eidgenossenschaft; vergangene Woche gewählt mit nur einer Stimme mehr als der unfreiwillige Sprengkandidat Hansjörg Walter. «Ich weiss nicht, wie ich mich jetzt fühle», sagt Maurer nach dem Wahlkrimi.

«Meine Kinder freuen sich über die Wahl. Und meine Frau ist in einem ähnlichen Schockzustand wie ich»

Der 58-Jährige ist nun Teil jener Behörde, die er stets so scharf kritisierte. Und mit ihm übernimmt die SVP wieder Regierungsverantwortung. Oder wie alt Magistrat Christoph Blocher sagt: «Wir kehren in den Bundesrat zurück – und erst noch mit einem Mann von der richtigen Seite.» Vorbei sei die Zeit der halben Bundesräte, Maurer bestätigt: «Ich bin sozusagen ein Prototyp der SVP.»

Vom Familienvater zum Landesvater. Dieser Schritt wird ihm nicht schwerfallen. Mit sechs Kindern ist sich Ueli Maurer gewohnt, zuzupacken und die Zeit gut einzuteilen. Sitzungen morgens um sechs Uhr – daran werden sich seine Mitarbeiter im Verteidigungsdepartement gewöhnen müssen: «Das ist bei mir nichts Aussergewöhnliches.» Der Frühaufsteher nutzt die Morgenstunden und gönnt sich im Büro als Erstes jeweils eine Stunde klassische Musik. Am liebsten Mozart, Händel und Vivaldi.

**WERBUNG**

Etwas weniger oft wird der Familienvater nun daheim in Wernetshausen ZH anzutreffen sein. So macht sich der 12-jährige Sohn Corsin denn auch schon Gedanken darüber, ob er seine Kaninchen künftig wohl selber füttern und ausmisten muss. Am Wahltag selber verfolgen die fünf älteren Kinder das Geschehen im Bundeshaus mit – und eine Stunde nach dem Sieg fallen sie ihrem Vater in der Einganshalle in die Arme.

Die Jungmannschaft ist mächtig stolz. Es fühle sich an, «als wäre die Schweiz gerade Fussballweltmeister geworden». Ueli Maurer wird später zu Protokoll geben: «Für meine Kinder ist die Wahl eine Art Genugtuung. Sie haben oft unter ­ihrem prominenten Vater gelitten.»

Seine Frau Anne-Claude, die er einst am Flughafen von Seattle kennenlernte und 1976 heiratete, bleibt dem Bundeshaus fern. Ueli Maurer versichert: «Sie wird künftig, wenn es wirklich nötig ist, dabei sein.»

Vom Unternehmer zum Berufspolitiker. Zum ersten Mal in seinem ­Leben beschäftigt sich der Zürcher nun ausschliesslich mit der Politik. Zwölf Jahre lebte er als Parteipräsident der SVP Schweiz intensiv für die Partei – war aber gleichzeitig Geschäftsleiter des Zürcher Bauernverbandes.

Er betonte in all den Jahren stets, sein persönliches Ziel sei nicht ein Sitz im Bundesrat. Maurers Herzenswunsch geht in eine ganz
andere Richtung: «Ich möchte eine eigene Kuh. Und ein Bauernhaus.» Statt­dessen hat er ab Januar einen grossen Bürotisch im Bundeshaus Ost.

Abheben wird Ueli Maurer als Magistrat nicht – das beweist er bereits am Wahltag. Er feiert zwar mit SVP-Persönlichkeiten im Luxus-Hotel Bellevue, macht aber auch einen Abstecher ins ­bodenständige «Kreuz». Dort warten seine Freunde und Kollegen aus Hinwil. «In meinem neuen Job brauche ich Kontakt zu Leuten wie euch», ruft er in den Saal.

Seine Anhänger toben, schwingen Fahnen und jauchzen. Gemeinsam
mit «ihrem» Ueli singen sie die Landes­hymne. Dann muss er weiter.
Maurer spricht so, dass ihn alle verstehen. Klar, prägnant und ohne Fremdwörter. Viele sehen in ihm bereits den neuen Willi Ritschard – ein Bundesrat ohne Studium, dafür mit Volksnähe.

Vom Militär-Radfahrer zum VBS-Chef. Am 1. Januar gilts ernst. Ab dann gilt das 40-seitige bundesrätliche Pflichtenheft auch für ihn. Sein Ziel hat Major Maurer bereits klar vor Augen: «Wir schaffen die beste Armee der Welt.» Der Weg dorthin dürfte steinig und arbeitsintensiv sein. Auf den Neo-Bundesrat warten Tagespensen von 14 bis 16 Stunden.

Und zwar sieben Tage pro Woche. Büronachbarin und Volkswirtschafts-ministerin Doris Leuthard wird er künftig mehr sehen als seine Frau. Dafür bleiben die Kinder stets präsent: Statt mit teuren Bildern will Ueli Maurer die Bürowände nämlich mit ­ihren Zeichnungen verschönern.

Er selber wird kaum mehr zum Zeichnen kommen, obwohl das zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehört: «Während langweiligen Sitzungen verbrauche ich manchmal einen halben Block», erzählt Ueli Maurer. Und bedauert, dass er den Malkurs im Januar, für den er sich bereits angemeldet hat, nun nicht be­suchen kann.

«Das gehört nicht zu den primären Aufgaben eines Bundesrates», meint er und schmunzelt. Sein Ziel, dereinst ein Kinderbuch zu zeichen, gibt er nicht auf. «Ob ich es allerdings jemals veröffentlichen werde oder nur sechs Exemplare für meine Kinder und noch ein paar in Reserve für künftige Enkel drucken lasse, weiss ich noch nicht.»

Fragen über Fragen. Antworten wird Ueli Maurer in den nächsten Wochen ­finden müssen. Wohnung oder Hotel in Bern? Welchen Dienstwagen wünscht er (tatsächlich ein Fiat Cinquecento …)? Wie soll sein Büro eingerichtet werden? Hilfe erhält der neue Magistrat bereits bei der Beantwortung der Glückwunschkarten, Briefe und E-Mails von der Bundeskanzlei – falls erwünscht.

Vom Parteimann zum Staatsmann. Als Bundesrat wird Ueli Maurer sich künftig diplomatisch ausdrücken müssen. Vor allem seine politischen Feinde werden ihn mit Argusaugen beobachten. Beschenkt wird er hingegen von seinen Freunden – SVP-Nationalrat und Landwirt Marcel Scherer sorgt am Festessen nicht nur für ein zartes ­«Cochon de lait» auf dem Teller, sondern überreicht dem neuen Bundesrat auch ein quiekendes Ferkel.

Von der Partei erhält Maurer ein Militärvelo, Jahrgang 1950 – also gleich alt wie er selber. Mit dem Gefährt will er künftig von Departement zu Departement fahren. «Dumm ist nur, dass die Militärvelos robust sind und oft gestohlen werden.» Maurers Grinsen wird spitzbübisch. Und vielsagend. «Davor ist wohl selbst ein Bundesrat nicht gefeit!»


Auch interessant