Blaise Nkufo Papa ist auch ein Torminator

Lange missverstanden, jetzt ein Erfolgsgarant! Blaise Nkufo ist unter Hitzfeld zum Stürmerstar der Fussballnati geworden. Kraft und Motivation gibt ihm seine Familie.
Daheim in Gronau (D): Blaise Nkufo mit Kaïla (r.) und Keisha.
Daheim in Gronau (D): Blaise Nkufo mit Kaïla (r.) und Keisha.

So kann «Erholung» nach einer harten Trainingseinheit auch aussehen: Blaise Nkufos grüner Mercedes-Offroader hält vor dem unscheinbaren Vorstadt-Reihenhaus in Gronau. Ein verschlafenes Städtchen bei Münster am Nordrand des Ruhrgebiets, unmittelbar an der deutsch-holländischen Grenze.

Der 33-Jährige hebt der Reihe nach seine beiden Töchter aus dem Auto. Wie fast jeden Tag hat Blaise seine Schätzchen Kaïla, 3, und Keisha, 2, aus dem Kinderhort abgeholt. In der Küche werden sie ins nächste Kindersitzchen platziert, am Esstisch.

Dort serviert der Fussballprofi den Zvieri: Früchte und Getreideriegel. Kaïla und Keisha sind müde, die Kleine weint wegen jeder Kleinigkeit. Papi tröstet, Papi füttert, Papi erzählt. Nachher bringt er seine zwei Schnügel hoch ins Kinderzimmer, spielt auf dem Fussboden Memory mit ihnen.

Seine Familie ist alles für Blaise. «Ich richte mein Leben nach meiner Frau und meinen Töchtern aus. Praktisch die ganze Freizeit, die mir neben dem Fussball bleibt, widme ich ihnen. Mehr will ich eigentlich nicht.» Blaise Nkufo nimmt seine Vaterrolle ernst.

«Meine Töchter zwingen mich jeden Tag, den Boden unter den Füssen zu spüren»

Wenn Ehefrau Adrienne wie an diesem Tag ausser Haus arbeitet, ist er für den Haushalt verantwortlich. Die Kamerunerin Adrienne stammt zwar wie der gebürtige Kongolese Nkufo aus Afrika, doch kennengelernt hat Blaise seine grosse Liebe während seines Engagements in Mainz.

Dort studierte Adrienne Chemie. «Ich hatte ziemliches Glück», sagt der Fussballer lachend. «Eigentlich hatte ich in einem Lokal mit anderen abgemacht, doch dann war sie auch da, und ich habe mich gleich verliebt.»

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Dass Blaise Nkufos Fussballgeschichte zum Fussballmärchen wurde, als das kaum noch jemand erwartet hätte, hängt auch eng mit seinen Liebsten zusammen. «Adrienne hat mir Selbstvertrauen eingeredet, als ich selbst zweifelte. Und meine beiden Töchter zwingen mich jeden Tag, auch im neuen Erfolg den ­Boden unter den Füssen zu spüren.» Blaise spricht bedächtig, wohlüberlegt. Eigentlich so, wie er Fussball spielt.

Er hat mit seinem Sportlerleben, mit sich selbst Frieden geschlossen.
Diesen Frieden hat er lange gesucht. Auf den Fussballplätzen von Lausanne, Yverdon, Lugano, Luzern und GC vergeblich. Und als er desillusioniert ins Ausland wechselte, in die zweite deutsche Bundesliga zu Mainz, begann er, Tore am Laufmeter zu schiessen. Tore, die ihn via Hannover zu Twente Enschede in die höchste Spielklasse der Niederlande führten.

«Ich war der teuerste Einkauf, den Mainz jemals gemacht hatte. Und erstmals spürte ich richtige Wertschätzung.» In Enschede, zehn Autominuten von seinem Wohnort entfernt, traf er in vier Saisons 64 Mal. Blaise-Superstar. Doch dann begann das Drama mit der Schweizer Nationalmannschaft.

Nkufo verliess das Kader, weil er sich von Trainer Kuhn missverstanden, ja gering geschätzt fühlte. Der Begriff Rassismus fiel. Ein Thema, das Blaise bis heute nicht bewältigt hat. «Kürzlich, bei der Rückreise von einem Länderspiel, wurden am Zoll meine Teamkollegen durchgewinkt. Nur mich kontrollierten sie. Das ist doch kein Zufall.»

Der zweite Anlauf im roten Dress verlief kaum besser. Kuhn beugte sich dem öffentlichen Druck und bot Nkufo im Mai 2007 erneut auf. Doch die Tore, die er im Klub reihenweise schoss, gelangen in der Nati nicht. Und als er vergangenen Sommer kurz vor der Euro verletzt Forfait gab, schien das Kapitel Nkufo und der «FC Schweiz» passé.

Nur hatten die Skeptiker die Rechnung ohne Ottmar Hitzfeld gemacht. Der neue Trainer wollte es schon vor Stellenantritt genau wissen. «Ich traf mich mit Blaise und fragte ihn, wie gross seine Lust wirklich ist, für die Schweiz zu spielen. Seine Antwort überzeugte mich. Ich habe von der ersten Sekunde an das gegenseitige Vertrauen gespürt.»

Nkufo hat es auf seine Art gedankt. Seit er unter Hitzfeld die WM-Quali spielt, trifft er stets. Gegen Lettland und Griechenland hat er mit seinen Sieg­treffern die Schweizer Hoffnung auf die WM 2010 in Südafrika wiederbelebt. «Ich bin ein Spieler, der menschliche Nähe spüren muss, damit er Leistung bringen kann. Hitzfeld und ich haben die gleiche Wellenlänge, es stimmt einfach zwischen uns.»

Hitzfeld gibt die Blumen zurück: «Er ist ein Mensch mit Horizont. Einer, der eine Mannschaft menschlich bereichert. Blaise ist loyal, integer, zuverlässig und intelligent. Zudem ist er auch in der Teamhierarchie deutlich nach vorne gerückt. Ich rechne fest mit ihm auf dem Weg nach Südafrika.»

Blaise Nkufo ist angekommen. In der Nati, in den Schweizer Fussball­herzen. Über früher mag er nicht mehr reden. «Vorbei ist vorbei. Und ich bin zweifellos auch reifer geworden. Es ist alles gut so, wie es jetzt ist. Sportlich wie privat.» Irgendwann will der einstige Maturand zurückkehren in die Schweiz. Vielleicht in sein Haus in der Nähe von Vevey.

Und vielleicht hat er dann auch mehr Musse für seine zwei Leidenschaften nebst Fussball und Familie: das Schachspielen und die Lektüre politischer Literatur. Gerade jetzt gehts nämlich nicht so gut; Keisha hält Papa Blaise ein grosses Bilderbuch unter die Nase: «Papa, raconte, s’il te plaît!»


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