Profi-Segler Flavio Marazzi Papi Flavio liegt gut im Wind

Der Profi-Segler Flavio Marazzi, 31, ist die Nummer 1 der Starboot-Klasse. Nun ziehts den Berner aufs grosse Schiff. Für Ehefrau Anouk und Töchterchen Julie ist er so oder so auf Kurs.

Da fiel das Äpfelchen nicht weit vom Stamm: Kaum ist Klein ­Julie von Mama Anouk, 31, ins sanft schaukelnde Segelboot gehievt worden, gluckst der kleine Sonnenschein. «Sie liebt das Wasser! Man kann jetzt schon sagen, sie ist eine Wasserratte. Auch am Babyschwimmen hat sie ihre helle ­Freude», erzählt die Mama.

Kein Wunder: Der Vater von Julie heisst Flavio Marazzi und verbringt ­einen Grossteil seines Lebens auf dem nassen Element. Als professioneller Sportsegler. Der erfolgreichste der Schweiz obendrein. Marazzi hat in der Starboot-Klasse bereits an drei Olympischen Spielen teilgenommen, verpasste dabei die ­Medaillen zweimal denkbar knapp. Dafür gabs schon mehrfach Edelmetall und Titel an Welt- und Europameisterschaften. Und seit Kurzem führt er mit Partner Enrico De Maria, 32, die Weltrangliste der Starboot-Klasse an!

Der Mini-Segeltörn auf dem Thunersee ist eine Premiere für Julie. Und das exakt eine Woche vor ihrem ersten Geburtstag. «Sie ist das erste Mal mit uns auf dem Boot. Einfach so zur Erholung und als Freizeitvergnügen gehe ich nämlich selten aufs Wasser. Als Profi komme ich nebst Trainings und Wettkämpfen kaum noch dazu», sagt der Profi-Segler. Zu dritt auf dem Schiff statt nur zu zweit wie sonst im Starboot ist also auch für ihn nicht Alltag.

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Dabei beginnt Marazzi sich gerade an grössere Besatzungen zu gewöhnen. In diesem Frühjahr hat er ein neues Projekt in seiner Karriere lanciert. In der TP52-Klasse, quasi der Königsklasse der grossen Flottenregatta-Boote, steuert der 31-Jährige ein Schiff mit 14 Mann Besatzung. Und obwohl er vorerst nur mit einem gecharterten Boot an den Start ging, gewann er als Neuling beim MedCup vor dem spanischen Alicante gleich sein erstes Rennen.

Lockt der America’s Cup? Flavio Marazzi verneint nicht. «Die TP52-Klasse ist im Moment die attraktivste Alternative dazu, weil die Zukunft des legendären Rennens offen ist und die besten Segler nun hier starten. Klar träumt man als Segler irgendwann mal vom grossen America’s Cup.» Umso mehr, als der deutsche Topsegler und ehemalige Sportdirektor von Alinghi, Jochen Schümann, ihm seit einiger Zeit beratend zur Seite steht.

«Klar träumt man als Profi-Segler irgendwann mal vom grossen America’s Cup»

Der Weg zu einem eigenen, selbst entwickelten Boot in der TP52-Klasse ist noch weit. Und vor allem sehr, sehr teurer. Das weiss Flavio Marazzi auch ohne Schümanns Know-how. «Im Moment ist ein solches Projekt wenig ­realistisch. Schon für die olympischen Bootsklassen mit der entsprechenden Medienpräsenz sind kaum Sponsorengelder aufzutreiben.» Und sich weitestgehend auf die finanzielle Unterstützung durch seinen Vater, den Berner Unternehmer Bruno Marazzi, zu verlassen, ist nicht Flavios Ziel.

«Ich bin ihm sehr dankbar. Er hat mir das Segeln auf dem Thunersee beigebracht und mich immer unterstützt. Doch für meine Projekte will ich eigene, unabhängige Partner finden.» Zumindest Teamintern hat Flavio Marazzi die perfekte Partnerin bereits «engagiert». Ehefrau Anouk, seine Jugendliebe aus den gemeinsamen Gymi-Zeiten, ist Teammanagerin von Marazzi Sailing. Vor drei Jahren haben sie geheiratet. Als studierte Juristin – wie Flavio übrigens auch – ist sie prädestiniert, sich um Sponsorenverträge zu kümmern.

Etwa 60 Tage jährlich, schätzt Marazzi, verbringt er zu Hause in der Berner Wohnung bei der Familie. Die restliche Zeit ist der Weltreisende in Sachen Segeln in allen Herren Ländern unterwegs. «Für Anouk und die Kleine ist es in der Regel nicht sehr spannend, zu diesen Wettkämpfen mitzureisen. Umso schöner, wenn es Ausnahmen gibt wie im letzten halben Jahr, das wir zusammen mehrheitlich in den USA verbrachten», sagt Flavio.

Und dafür, dass Julie ihren Papi nicht plötzlich für einen Fremden hält, sorgt die moderne Technik. Der Laptop mit Webcam ist immer dabei. Vielleicht winkt Flavio Marazzi ­diese Woche seinen zwei Frauen per Skype von der Starboot-WM in Schweden zu – mit einer Goldmedaille um den Hals.


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