Jelena Isinbajewa Popstar!

Sie ist die Königin der Leichtathletik. Ebenso schön wie erfolgreich. Stabsprung-Weltrekordlerin Jelena Isinbajewa, 26, über Liebe, Luxus und Leiden.

Man stelle sich ein durchschnittliches, zweigeschossiges Wohnhaus mit Giebeldach vor. Und dann eine zierliche Frau von 1,74 Meter Grösse. Wie sie Anlauf nimmt, aufs Haus zurennt, sich mithilfe einer rund 4,30 Meter langen, biegsamen Kohlefaserstange einfach mal kurz auf den Dachgiebel katapultiert. Über fünf Meter hoch! Das ist Jelena Isinbajewa. Die beste Stabhochspringerin der Welt.

Die Höhe ihres «Dachgiebels»: exakt 5,05 Meter. Weltrekord. Aufgestellt bei Olympia in Peking. Für sie «Dutzendware»: Seit ihrer ersten Weltbestleistung am 13. Juli 2003 (4,82 m) hat sie bis zum vergangenen Februar 25-mal nachgebessert (Halle und Freiluft). Schön scheibchenweise wie ihr Vorbild Sergej Bubka einst bei den Männern. Logisch: Jeder Rekord gibt Prämien. Konkurrentinnen trauen ihr schon jetzt locker 5,20 m zu.

Jelena Isinbajewa …
… ach, sagen Sie bitte Lena. Jelena tönt so förmlich.

Also Lena, Sie lieben das Fliegen?
Oje, eigentlich hab ich Angst vor dem Fliegen. Ich würde längst gern mal einen Fallschirmsprung machen. Aber ich trau mich nicht. Doch Sie meinen sicher den Flug über die Latte. Ja, die halbe Sekunde vom Loslassen des Stabs über der Stange bis zur Landung auf der Matte geniesse ich jedes Mal extrem.

Weshalb aber ausgerechnet Stabhochsprung?
Ich machte als Kind rhythmische Sportgymnastik. Dann zeigte sich, dass ich zu gross werde dafür. Also riet mir mein Trainer zum Wechsel ins Stabspringen. Diese Sportart passt einfach sehr gut zu mir.

Weil Sie schon immer im Leben hoch hinauswollten?
Vielleicht. Vor allem aber, weil das Stabspringen eine sehr weibliche Sportart ist: Eleganz, Rhythmus, Beweglichkeit, Glamour, Stolz.

Was Sie sich alles mit Blut, Schweiss und Tränen erarbeiten mussten, hört man.
Man hört viel. Ich bin aber nie so zum Erfolg gequält worden, wie erzählt wird. Schon gar nicht von meinen Eltern Natalia und Gadji. Ich hatte eine glückliche Kindheit in Wolgograd. Das Leben im Osten war keine Qual. Dass ich vor einigen Jahren nach Monaco gezogen bin, hat menschliche Gründe, über die ich nicht reden will. Es ging einfach darum, weg vom alten Trainingsumfeld neu anzufangen.

Der Neuanfang hat sich gelohnt. Jelena Isinbajewa ist heute die berühmteste und erfolgreichste Leichtathletin der Welt. Und die bestverdienende. Eben hat sie mit dem chinesischen Sportbekleidungs-Hersteller Li Ning einen Fünfjahres-Vertrag unterzeichnet. Wert: 10 Millionen Dollar. 

**WERBUNG**

Jelena Superstar! Ins Fotostudio kommt aber eine fast scheue junge Frau. Am Ende bedankt sie sich herzlich bei allen Mitwirkenden. Und als sie sich ein Kleid aus dem Shooting zum Mitnehmen aussuchen darf, klatscht sie wie ein Kind freudig in die Hände.

Eine Kindheit im sozialistischen Arbeiterviertel, jetzt ein Leben im Luxus. Keine Probleme bei der Umstellung?
Doch, am Anfang hatte ich viel mehr Mühe im Westen als erwartet. Ich fühlte mich einsam. Zum Glück hat mir Daniel (ihr schwedischer Manager Daniel Wessfeldt, mit dem sie seit dem Umzug zusammenarbeitet) sehr geholfen, mich zurechtzufinden. Heute kann ich mit den neuen Möglichkeiten gut umgehen. Privaten Luxus spare ich mir für die Zeit nach der Sportkarriere auf. Heute ist es mein Luxus, meinen Eltern und meiner Schwester Inna Wohnungen zu kaufen oder ein Auto.

Wen verwöhnen Sie sonst? Eine Frau wie Sie muss die Männer nur so anziehen.
Klar, es gibt da schon einen Freund in Russland. (Manager Wessfeldt lacht: «Das erzählt sie. Aber sie ist so extrem fokussiert auf ihre Karriere, lebt so konsequent für den Sport, dass da eine feste Beziehung gar keinen Platz hat.») Irgendwann will ich wirklich einen Mann und Kinder, ich liebe Kinder!

Ein Leben wie das Ihrer Schwester Inna, die mit einem Trapezkünstler im russischen Nationalzirkus verheiratet ist?
Ich bin in ihr zweijähriges Baby völlig vernarrt! Ehrlich, manchmal beneide ich sie so um ihr Leben. Dann ist es Inna, die zu mir sagt: «Lena, du hast so viel Zeit; nimms gelassen.» Dabei ist sie doch ein Jahr jünger als ich …

Jelena Isinbajewa ist strahlend schön. Und wirkt in natura noch viel charmanter, zugänglicher. Fast mädchenhaft. Im Shooting aber posiert sie wie ein Profi. Die Kamera, ihr Freund.

«Ich kann meine Finger einfach nicht von Schoko-
lade lassen»

Sie lieben es, zu posieren?
Ich liebe es sehr. Leichtathletinnen müssen wohl ein bisschen exhibitionistisch sein. Obwohl … (sie zeigt auf ihren sexy Bauch): viel zu fett im Moment! Ich stehe im Aufbautraining. Und: Hilfe! - Ich kann meine Finger einfach nicht von Schokolade lassen!

Was gefällt Ihnen am besten an sich?
Meine Beine. Aber am liebsten zeige ich mein Gesicht. Ich glaube, ich habe schöne Augen.

Erst Stabsprung, dann Laufsteg?
Ich weiss nicht so recht. Alles mache ich nicht mit. Topless werde ich mich garantiert nie fotografieren lassen. Da würde ich mich schämen. Und auch für Unterwäsche zu modeln, kann ich mir nicht vorstellen. («Daniel, darf ich meinen Bauchnabel so zeigen?», fragt sie Manager Wessfeldt, während sie ein bauchfreies Top fürs nächste Sujet probiert.) Aber elegante Kleider sind schon meine Leidenschaft. Obwohl ich in der Freizeit am liebsten in Jeans rumlaufe. In Roms Boutiquen muss ich mich gegen den Kaufrausch wehren.

Gegen die Verehrung durch das Publikum wehren Sie sich aber nicht.
Ich gebs gern zu: Der Moment, auch jeweils bei Weltklasse Zürich im Letzigrund, wenn ich als letzte Athletin noch im Wettkampf bin und alle Augen auf mich gerichtet sind, ist der beste überhaupt. Dann bin ich ein paar Minuten lang ein Popstar!


Auch interessant