Fabrice Gygi Rebellischer Performer

Wer die Schweiz an der Kunstbiennale von Venedig vertritt, ist top. Fabrice Gygi aus Genf funktioniert die Kirche San Stae am Canal Grande zum Hilfsdepot um. Auch am Start: Silvia Bächli, die stille Zeichnerin aus Basel.

Dieser Mann ein bedeutender Kunst-Crack? Fabrice Gygi wirkt eher wie ein Rockstar, der zu lange gefeiert hat. Die Sonnebrille tief im Gesicht, die Arme (und nicht nur die!) von oben bis unten tätowiert. Eine Haltung, die sagt: «Fuck you, ich will meine Ruhe.»

Der erste Eindruck täuscht. Auch wenn der Genfer mit seinen irritierenden Installationen und Performances zu den Enfants terribles der Schweizer Kunstszene zählt, ist er eher ein schüchterner Kerl. Fotos von ihm gibt es kaum. Ihm bei der Arbeit über die Schulter zu schauen, kommt nicht infrage. «Grossen Rummel um meine Person und um das, was ich mache, mag ich nicht.» Trotzdem konzentriert sich ab dem 7. Juni die Kunstwelt auf ihn. Dann öffnet die 53. Biennale di Venezia ihre Tore, und Millionen Fans pilgern in die Lagunenstadt.

77 Nationen sind an der grössten Kunstschau unter der Leitung von Daniel Birnbaum vertreten. Motto 2009: «Fare Mondi - Making Worlds - Welten machen». Fabrice Gygi und Silvia Bächli vertreten die Schweiz. Der Genfer zeigt seine jüngste Installation in der prachtvollen Barockkirche San Stae. Die Baslerin stellt Zeichnungen im Pavillon auf dem Gelände der Giardini aus. Beide wurden auf Vorschlag der Eidgenössischen Kunstkommission gewählt - ein Ritterschlag unter Kulturschaffenden.

«Mein erstes Kunstwerk waren die Tattoos auf meinen Armen. Ich war vierzehn» Fabrice Gygi

Wir treffen Fabrice Gygi, 44, in seiner Galerie Darse in Genf. Er kommt mit dem Fahrrad, zündet sich erst mal eine Zigarette an. «Darse» bedeutet auf Arabisch Atelier. Hier stellt Gygi Werke junger Kollegen aus, die er als Dozent an der Lausanner Kunstakademie Ecal entdeckt (zurzeit Fabien Piccand). Im oberen Stock befindet sich sein Atelier, erreichbar durch eine steile Treppe. Atelier? Hier steht ja bloss ein Computer. Wo werden seine raumfüllenden, aufwendigen Installationen denn hergestellt? «Das meiste entwerfe ich am Bildschirm und gebe die Umsetzung dann in Auftrag», sagt er. «Manchmal habe ich fünf Minuten für ein Werk. Manchmal ist es ein äusserst langwieriger Prozess, wie jetzt für die Biennale. Das Ganze war eine echte Herausforderung für mich.»

Gygis ersten beiden Vorschläge für San Stae am Canal Grande wurden abgelehnt. Erst beim dritten Anlauf klappte es. Ein sensibles Thema: 2005 wurde die Kirche während der Biennale geschlossen. Pipilotti Rists Video «Homo sapiens sapiens» galt als zu freizügig. 2007 sorgten Ugo Rondinone und Urs Fischer für Unmut, weil sie den historischen Gräbern im Innern zu wenig Beachtung schenkten. Jetzt wurde nicht nur ein Vertreter des Vatikans beigezogen, sondern auch das Bauamt von Venedig. Fabrice Gygi: «Ich muss das Schlamassel jetzt ausbaden. Zum Glück bin ich Biennale-erprobt. 2002 vertrat ich die Schweiz in São Paulo.»

Das Gotteshaus San Stae bespielt Fabrice Gygi mit einer Grossinstallation. Sie erinnert daran, dass Kirchen in Krisenzeiten dafür bestimmt sind, geistige wie auch materielle Werte zu schützen. Mitten im Raum stehen zweieinhalb Meter hohe Eisenregale. Sie sind leer. Treffen die Hilfsgüter erst ein? Oder ist das Unglück bereits vorbei, und wurde der Inhalt des Depots an Notleidende verteilt? Das Fantasie-Experiment kann beginnen.

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Gygis Ansatz ist immer gesellschaftskritisch. Seine Arbeiten thematisieren die Formen der Macht und die Dualität eines Systems, das schützt und überwacht, angreift und bestraft. Der formale Minimalismus konzentriert sich auf Form und Farbe. Grau bedeutet für ihn absolute Konzentration. «Ich reduziere mit Grau die Welt, um zur Ruhe zu gelangen.» Ein Jahr hat der Vater eines Sohnes für die Kunstschau von Venedig gearbeitet. Hergestellt wurden die riesigen offenen Gestelle in Frankreich. An der Biennale war Gygi noch nie, obwohl er seit zehn Jahren im Kunstbetrieb Massstäbe setzt.

Sein erstes Kunstwerk probierte er an sich aus. «Ich war vierzehn Jahre alt, als ich mir die Tattoos selber stach.» Es folgte eine Lehre als Goldschmied. Er klaute ein Goldarmband und flog raus. Auch als Physiotherapeut scheiterte er später. Waren seine tätowierten Pranken schuld? Als Graveur für Schmuck leckte er erstmals Blut. «Es gefiel mir. Die Kunst entdeckte ich langsam, obwohl sie immer in mir schlummerte.»

Seit 1999 zählt Fabrice Gygi zu den Top-Shots der Schweizer Gegenwartskünstler. Dass durch die Biennale sein Bekanntheitsgrad über Nacht weitersteigt, ist ihm egal. «Erst mal ein Bierchen trinken», sagt Gygi und schliesst die Türe seiner Genfer Galerie hinter sich zu.


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