Ludwig Hasler über Roger Federer Roger, der Klasse-Mann

Es sah schon aus, als wäre der Tennis-Gott Mensch geworden. Der Überflieger war gelandet, Weltrang zwei, feudal noch immer. Doch das Traumwandlerische war weg, der Nimbus des Unschlagbaren dahin. Zitterpartien in Serie.

Am Sonntag stieg Roger Federer auf zum Tennis-Olymp. French Open gewonnen, Grand-Slam-Kollektion vervollständigt. Bester Spieler aller Zeiten. War das die Krönung – oder die Wiedergeburt des Tennis-Gottes?

So oder so, Federer ist nicht mehr derselbe. Rissen ihn Nadal, Djokovic und Co. aus dem Schlafwandel seiner instinktiven Sicherheit? Ist er einfach erwachsen geworden? Zivilstand neu: verheiratet. Demnächst: ein Kind.

Als Familienvater riskiert er keine Zitterpartie. So grundanständig, wie er ist, so ordentlich, so unverwüstlich natürlich, nicht die Spur von Auf­geblasenheit. Andere machen auf flegelhaft oder exaltiert, brüllen umher, tragen Designerbärtchen, wenigstens die Mütze verkehrt herum. Roger Federer braucht keine Ego-Allüren, er ist Ich genug, mit einer Selbstverständlichkeit, die andere schon neben dem Platz leicht pubertär aussehen lässt.

Als Privatmann lebt er bieder, ein sympathischer Kumpel, er mag Rösti, feierabends jasst er am liebsten, auf die Frage nach seinem Lieblingsbuch antwortet er: «Ich lese eigentlich nichts, gern Heftli, über Autos und so.» Einen normaleren Schweizer Mann als Federer gibt es nicht. Dass er in den steuergünstigen Kanton Schwyz gezogen ist, gehört zur CH-Normalität. Dass er seit Jahren mit Mirka lebt, keiner Model-Tussi, sondern einer Frau, die währschaft kochen kann, das mutet schon fast abnormal normal an.

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Sein Aufstieg zum Weltstar war ihm selber nie ganz geheuer. Andere macht Erfolg arrogant. Federer bewahrt seine kindliche Seele. Ihn stimmt ein Sieg vergnügt, nie überheblich. Ganz naiv freut er sich, mehr nach innen als nach aussen, wundert sich, «was alles mit mir passiert ist», halb stolz, halb verlegen. Als wäre ihm, was er leistet, eher widerfahren. Gegen Abgebrühtheit scheint er immun. Zu sehr geniesst er sein Schicksal.

Fand er darum kein Mittel gegen Nadal? Weil er schon während seiner Überfliegerjahre nicht genau wusste, was seine Überlegenheit ausmachte? Weil er sich weniger als der grosse Zampano sieht, eher als das begabte Medium des Tennis? Man musste ihn sehen, gegen Tommy Haas etwa, als er die beiden ersten Sätze verlor. Wie ein Kummerbube sah er aus, der Zweifel nagte an seinem Gesicht, er wusste sich nicht zu helfen, wartete darauf, dass die Instinkte es richteten. Bis die befreiende Rückhand «kam» – und von da an nahm er den Match in seine Hand.

So funktioniert ein Genie. Es spielt seine göttlichen Fähigkeiten aus, ist aber nie ganz Herr über sie. Wie es auch nie ganz Herr über seine Skrupel wird. Genies leben riskant.

Heiratete Federer am Ende darum? Als Familienvater muss er kein Genie sein, da reicht sein Normal-Ich. Sogar seine weitere Karriere bindet er ans Kind, es soll ihn leibhaftig Tennis spielen sehen. Ein bisschen nach Papa sieht er bereits aus. Neben den jüngeren Kampfmaschinen wirkt er gesetzt, fast ein bisschen behäbig. Der Schein täuscht, er ist wieselflink. Und doch irgendwie der Alte. Stilistisch ein Fossil. Die Gegenwart gehört den Haudraufs, Kraftmeiern, Kriegern. Nadal ist Dynamit, Federer Eleganz. Monfils ist Rap, Federer Klassik.

Klassik heisst: Schönheit vor Kraft. In dieser Sparte bleibt Federer einsame Klasse. Ein Tänzer, kein Gladiator. Ein Künstler, kein Power-Athlet. Ein Virtuose, kein Stöhnroboter. Eben darum störanfällig. Kunst gegen Kraft, das läuft leicht schief. Auch wenn der Künstler alles vortrefflich beherrscht, Volley, Halbvolley, Stoppball. Manchmal streichelt er den Ball lieber, lässt ihn in spitzen Winkeln übers Netz zischen.

Dafür mögen ihn alle. Sogar seine Konkurrenten. «Ich würde ihn gern hassen», sagt Andy Roddick, «aber er ist so ein netter Kerl. Alles, was er macht, hat Klasse.» Ein Mann mit Klasse ist bewundernswerter als ein ewiger Klassen-Erster.

Ludwig Hasler ist Publizist und Philosoph. Er lebt in Zollikon ZH.


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