Marc Rosset über Roger Federer «Roger ist ein Mann geworden»

Tennis-Olympiasieger Marc Rosset, 38, über den Grand-Slam-Thriller von Melbourne, die Emotionen und die Zukunft seines ehemaligen Davis-Cup-Teampartners Roger Federer.
Roger Federer, 27, nach dem denkwürdigen Final am Australian Open 2009.
Roger Federer, 27, nach dem denkwürdigen Final am Australian Open 2009.

Herr Rosset, was hat letztlich den Ausschlag gegen Roger Federer gegeben?
Nadal war taktisch einfach besser. Roger hat mich aber auch ein bisschen enttäuscht. Es war wieder eine Niederlage auf die gleiche Art! Rafa spielte bei jedem seiner Siege gleich. Aber Roger reagiert nicht drauf, obwohl er langsam die Mittel kennen müsste. Kein Serve and Volley, kaum Netzangriffe. Das zeigt mir: Roger braucht definitiv einen Coach!

Spielt nicht auch das Alter eine Rolle?
Federer ist 27. Ist das alt?! Natürlich hat ein 22-Jähriger mehr Möglichkeiten, sich zu verbessern. Roger dagegen kann nur noch in Nuancen Fortschritte machen. Trotzdem hat er noch vier, fünf Jahre an der Spitze vor sich, wenn er von Verletzungen verschont bleibt. Und ich bin sicher, er wird Sampras’ Rekord von 14 Grand-Slam-Titeln verbessern! 

Viele sagen, Federer habe seinen Zenit überschritten. Nervt ihn das?
Ich glaube schon. Doch es stachelt ihn wohl enorm an. Ich habe ihn zum Beispiel am US Open live gesehen. Er ist viel emotionaler geworden, auch gegenüber den Medien kämpferischer und kommunikativer. Ein Roger Federer gibt sich nie zufrieden mit der Nummer zwei. Er zweifelt nicht daran, dass er wieder der Beste sein kann.

Wie hat sich denn Rogers Persönlichkeit in den Jahren an der Weltspitze verändert?
Er ist ein Mann geworden! Aber mich erstaunt, dass er von seiner Art her genau der Gleiche geblieben ist. Er ist noch immer ein unglaublich netter Mensch. Und das ist extrem schwierig, wenn alle etwas von dir wollen. Ich bin ihm 2008 einige Male begegnet. Er ist aufmerksam geblieben wie eh und je. Er vergisst niemanden, mit dem er einmal zu tun hatte. Es gab noch nie eine Welt-Nummer eins, die so sympathisch und auch der Öffentlichkeit gegenüber so offen geblieben ist.

Federer bezeichnet Olympia 2012 mit dem Tennisturnier in Wimbledon als Fernziel. Was brauchts, dass er vorher sagt: Genug, ich höre auf?
Mit seinem klugen, kräfteschonenden Spiel kann ers tatsächlich schaffen, so lange top zu sein. Hört er vorher auf, gibts für mich zwei mögliche Gründe: Entweder sieht er keine realistische Chance mehr, Grand Slams zu gewinnen, oder er siegt in Paris, holt 15 Grand Slams und wird mit der Schweiz Davis-Cup-Sieger. Dann könnte es sein, dass ihm plötzlich die Motivation fehlt.

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