Ariella Kaeslin Rüüdig stark

WM-Silber, eigene Wohnung, sexy Aussehen; unsere Luzerner Turnkönigin Ariella Kaeslin, 22, reitet auf der Welle des Glücks. Jetzt zeigt sie, wie alles begann, und verrät ihre Träume.

Ariella Kaeslin, wann gabs zuletzt Tränen, die keine Freudentränen waren?
Gerade gestern im Training, aus Erschöpfung. Es wurde alles ein bisschen viel nach der WM-Medaille, die Feiern, die Medien, das Interesse der Leute …

Aber Sie geniessen die neue Berühmtheit?
Bin ich berühmt? Ich kann mich einfach nicht an den Gedanken gewöhnen. Vielleicht ist das Kunstturnerinnen-Mentalität. Wer nimmt uns schon wahr? Möglicherweise unterschätze ich das tatsächlich, aber für mich ist es noch immer eine Ehre, so gross in der Schweizer Illustrierten zu kommen.

Keine Angst, jedermanns Schätzchen zu werden, öffentliches Gut?
Überhaupt nicht. Aber es ist schon komisch, auch meine Turnkolleginnen haben mich darauf angesprochen. Bin ich da naiv? Ich war diese Woche an einer Vorstellung von Marco Rima. Und es haben mich sehr viele Leute be­grüsst. Das war schön. Aber Angst, öffentliches Gut zu werden? Ich bin ja nicht Michael Jackson.

Und die Männer? Keine Anträge?
(Lacht.) Noch lassen mich die Stalker in Ruhe! Klar, ich bekomme jetzt vermehrt Briefe oder Mails von männlichen Verehrern. Doch auf schriftlichem Weg lässt sich das noch recht einfach höflich beantworten.

Sie sind noch die gleiche Ariella wie am Anfang Ihrer Turnkarriere?
Hoffentlich nicht – ich habe ja mit etwa vier Jahren begonnen, wett­kampfmässig zu turnen?… Im Ernst: Meinen Grundcharakter habe ich sicher behalten, meinen sturen Kopf, wenn es darum geht, etwas bis zum Ende durchzuziehen, was ich mir vorgenommen habe. Ohne das wäre ich heute nicht da, wo ich bin.

Ganz oben auf dem Turn-Olymp nämlich. Und der Weg dahin war nie in Gefahr?
O doch. Vor allem als ich mit 13 Jahren von zu Hause nach Magglingen zog und grausam Heimweh hatte. Das hatte mich fast kaputtgemacht. Oder dann als die Pubertät so richtig losging und ich das normale Leben einer Jugendlichen entdeckte.

Da brauchte es den elterlichen Schub zum Weitermachen?
Keinen Schub, aber viel Verständnis. Den Schub gab ich mir immer selber. Das ist eben mein Charakter. Ich kann einfach nicht aufgeben. Meine Eltern machten zu keinem Zeitpunkt meiner nun bald 20-jährigen Turnkarriere Druck. Sie gaben mir aber immer Kraft. Mein Mami wollte mich sogar nach Hause holen, als ich in Magglingen am Anfang so unglücklich war. Und als ich dann in der Pubertät einigen «Scheiss» machte, gab sie mir die nötige Portion Rückhalt.

Wie denn das?
Sie liess mich gewähren, als ich anfing, rebellisch zu werden. Sie wusste genau, dass es mich weiterbringt, wenn ich die Konsequenzen zu tragen hatte. Als ich etwa ohne Erlaubnis ausbüxte und in den Ausgang ging, erhielt ich Trainingsverbot. Und das war dann wirklich lehrreich. Ich habe wieder gemerkt, dass Turnen das ist, was ich wirklich will und für das ich auf alles andere gerne verzichte.

Sie haben aber selbst gesagt, bei der Siegerehrung in London seien Ihnen alle Entbehrungen auf dem langen Weg nach oben in den Sinn gekommen. Welche?
Eben, mit Freunden ausgehen, wenn mir der Sinn danach stand, herum­liegen statt trainieren, wenn ich müde war, essen, was immer ich wollte, auf lange Ferienreisen gehen.

Nachholbedarf?
Jetzt nicht mehr. Ich habe mit den Jahren gelernt, dass es möglich ist, ein normales Leben neben dem Spitzensport zu führen und trotzdem Erfolg zu haben. Klar, träume ich schon davon, nach der Karriere auf Reisen zu gehen. Klar, stelle ich es mir spannend vor, mal ein richtiges Studentenleben zu führen. Und klar, freue ich mich drauf, aus der Speisekarte aus­zuwählen, wonach mir der Sinn steht – ohne immer auf die Kalorien zu achten. Allerdings werde ich auch nach dem Spitzensport irgendwie trainieren müssen. Sonst werde ich schnell eine Kugel …

Und in Liebesdingen?
Kinder, Familie – irgendwann wird das sicher auch mal ein Thema. Aber das dauert noch. Ich bin doch irgendwie selber noch ein Riesenkind. Im Turnumfeld behält man automatisch den kindlichen Teil seines Gemüts.

Gab es nie einen Freund, bei dem Sie zwischen ihm und der Karriere entscheiden mussten?
Nein. Diese Frage hat sich für mich nie wirklich gestellt. Das Turnen hatte in jeder Phase meines Lebens Vorrang. Natürlich kam ich in der Pubertät auch da auf andere Gedanken. Aber ich habe heute in dieser Hinsicht nicht das Gefühl, dass ich unerträgliche Opfer hätte bringen müssen.

Sie sind aber ausgesprochen feminin und legen offensichtlich Wert darauf.
Das ist so, ja. Und es könnte schon sein, dass ich da etwas kompensiere. Als kleines Kind wollte ich nie wie ein Mädchen sein und aussehen. Ich wollte kurze Haare, spielte viel lieber mit den Buben, schaute ihren Kämpfen auf dem Schulhof zu. Mit der Pubertät änderte sich das. Und als ich allmählich zur Frau wurde, war das ein schmerzhafter Prozess. Es gefällt dir irgendwie, aber du bist innerlich verzweifelt, weil du dich fürs Turnen gegen die Natur wehren musst. So mit 16, 17 Jahren akzeptierte ich dann endlich meine weiblichen Formen.

Sie gefallen sich heute?
Ich würde sagen schon, ja. Vielleicht bin ich etwas muskulös für eine Frau. Aber nicht hässlich muskulös. Und meine Fingernägel sind ein wenig das Opfer von Magnesium und Nervosität. Aber alles in allem bin ich zufrieden.

Seit Kurzem wohnen Sie erstmals allein.
Ich habe erst diesen Sommer meine eigene Wohnung in der Altstadt von Biel bezogen. Meine bisherige Wohnpartnerin und Turnkollegin Danielle Englert ist ja zurückgetreten und hat ein Studium begonnen. Aber ich geniesse das Alleinsein extrem. Irgendwie ist es ein ganz anderes Gefühl, allein die Verantwortung für einen Haushalt zu haben. Auch das Einrichten der Wohnung ausschliesslich nach meinem Geschmack war lehrreich. Ich denke, das Alleinwohnen ist ein weiterer Schritt in meiner Entwicklung. Und habe ich mal das Bedürfnis, gemütlich zu «schnäderen», lade ich eine meiner Turnkolleginnen zu mir ein oder gehe auswärts essen.

Sie verdienen jetzt Ihr Leben mit Turnen?
Seit diesem Jahr komme ich gut über die Runden. Zuvor habe ich kaum Geld verdient. Natürlich sehe ich andere Sportler in meinem Alter, die mit weniger Erfolg und weniger Aufwand üppig Geld ver­dienen. Aber sind die glücklicher als ich? Nein, nein, ich sage das nicht einfach so: Ich bin ebenfalls längst reich. Reich an unersetzlichen Erfahrungen, die mich im Leben weitergebracht haben.

Macht Erfolg einsam?
Mich bisher noch nicht. Ich habe lieber wenige Freunde, aber solche, auf die ich mich verlassen kann, durch dick und dünn. Es gab auch schon andere, ent­täuschende Erfahrungen. Ich bemühe mich aber auch, jene Kontakte zu pflegen, die mir etwas bedeuten.

Ihr schönster Moment auf dem Weg an die Weltspitze im Turnen?
Hmm?… mir fällt kein bestimmter, einzelner Moment ein. Natürlich gehören zu den Höhepunkten die Emotionen beim EM-Titel, bei der WM-Siegerehrung, als ich die Silbermedaille umgehängt bekam, bei Olympia. Aber es kommen mir auch meine Kindheitstage in Luzern in den Sinn, die Reisen mit den Eltern und meinem Bruder in die USA, Ferienreisen mit Freundinnen. Eigentlich bin ich meistens glücklich. Ja, ich kann mit Überzeugung sagen: Ich bin ein zufriedener, ausgeglichener Mensch. Der Weg hat sich gelohnt.

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