Künstlerin Chantal Michel Schlossherrin auf Zeit

Sie küsste Schloss Kiesen aus dem Dornröschenschlaf und verwandelte es in ein Gesamtkunstwerk: Chantal Michel.

Ihre Haltung ist die einer Tänzerin. Wenn sie geht, scheint sie zu schweben: Eine geradezu feenhafte Aura umgibt die Künstlerin Chantal Michel, 41. Seit sie Schloss Kiesen wach geküsst hat, hat sich das Leben der Bernerin verändert. «Ich bin hier erstmals ich selbst – es stimmt einfach alles. Früher floh ich vor den Menschen, jetzt stecke ich mittendrin im Geschehen.»

Seit Anfang Jahr arbeitet Chantal Michel nicht nur hier, sie lebt auch im Schloss. Bekocht die Gäste mit Pasta und Gemüse aus dem eigenen Garten. Stilvoll gekleidetes Personal serviert selbst gebackenen Kuchen. Indem Kunstschaffen und Privates derart miteinander verschmelzen, öffnet die international ausgezeichnete Medienkünstlerin auch eine Türe in ihre eigene Welt.

Leer stehende Häuser faszinieren Chantal Michel. Sie liebt es, etwas zu ihrem Eigenen zu machen, das niemand mehr will. Man schrieb das Jahr 1983, als die letzte Schlossherrin von Kiesen, Annie Elisabeth Dollfus von Volckersberg, das Zeitliche segnete. Der Glanz vergangener Tage war längst verblasst, als Chantal Michel von der Atmosphäre des Herrenhauses in Bann gezogen wurde. 

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Zuerst richtete sie ihr Atelier ein, arbeitete Tag und Nacht, inszenierte, renovierte, verwandelte schliesslich das ganze Haus in ein Gesamtkunstwerk. Aus Brocken­stuben und einem alten Hotel karrte sie Teppiche, Tapeten, Sessel und Lampen heran. Brachte mit grosser Sensibilität die entwichene Eleganz in zwanzig ver­waiste Gemächer zurück.

In ihrer zweiten Schau mit Fotografien und Videoinstallationen hat die Künstlerin eine Welt geschaffen, die eigentlich auf dem Kopf steht: Draussen ist es warm und hell, drinnen dunkel und kühl. Ein Fantasiereich, das beim ersten Schritt durch die Pforte Weihnachten vortäuscht. Poetisch, geheimnisvoll, sinnlich, irritierend und mit subtilem Witz.

«Ich inszenierte eine Märchenwelt, die ohne Worte auskommt, in der man träumen kann und Kindlichkeit eine grosse Rolle spielt.» Jeder Raum birgt eine eigene Geschichte, einen anderen «Bewohner». Da gibt es ein Schlafzimmer mit einem Bett, das zum «Vogelnest» geworden ist. Ein «Boudoir» mit traumhaften Roben und Perücken und ein Bad mit einer Hommage an «Die Kleine Meerjungfrau».

Beim Flanieren verirrt sich der Besucher unerwartet in Räume, hört Grillen zirpen, atmet fremde Düfte. Draussen im Park steht «Georges» – ein altes Militärfahrzeug. Sein bizarres Innenleben regt zum Fabulieren an: Irgendjemand muss hier hausen. «Ich will die Leute mit Kunst zur Kunst verführen», sagt Chantal Michel und ist selbst Teil ihres Meisterwerks.

Schloss Kiesen BE
Bis 18. Oktober
Sa/So 11–18 Uhr, jeden Samstag Diner mit der Künstlerin
Reservation Tel./Fax 031 - 311 21 90


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