Klaus Merz «Schreiben lernt man nur durch Lesen»

Der poetische Bestseller «Der Argentinier» entstand in fünf Monaten. Bücher in­spi­rieren Klaus Merz – wie man in ­seinem Arbeitszimmer in Unterkulm AG sieht.
Katharina Tanner macht alle Korrekturen mit Bleistift.
Katharina Tanner macht alle Korrekturen mit Bleistift.

Der Aargauer Klaus Merz, 64, zählt zu den Erfolgreichsten seiner Zunft. Auch mit dem zwanzigsten Roman «Der Argentinier» trifft er den Nerv der Zeit. «Es wundert mich ein wenig, dass diese Novelle so gut ankommt», gesteht der Erzähler und Lyriker («Adams Kostüm», «Jakob schläft»).

Das mit zarter Ironie verfasste Meisterwerk führt seit Wochen die Bestseller­listen an. Mit unaufgeregter, klarer Sprache zeichnet Merz aus der Perspektive einer Enkelin das Leben ihres wunderbar eigensinnigen Grossvaters nach. Erst nach seinem Tod lüftet sich so manches Geheimnis.

Erster Satz: «Im Laufe seiner schlimmsten Nacht auf hoher See biss Grossvater ins Bild seiner Liebsten, die er in Europa zurückgelassen hatte, und erfuhr Linderung dadurch.»

Die erste, wichtigste Version entstand im Künstlerhaus in Rheinland-Pfalz (D). Merz arbeitete dort 2008 fünf ungestörte Monate lang. Vorlage für den Roman war eine sieben Jahre alte Notiz über einen versponnenen Fabrikanten. «Es war ein Zufall und auch wieder nicht, dass ich mich ausgerechnet an diesem Stoff festbiss.»

Jeder Satz ist ein Kampf. Den ersten schrieb Klaus Merz ganz zu Beginn, so wie er im Buch zu lesen ist. «Ein Freund hatte Angst, dass ich das hohe Tempo nicht beibehalten kann», sagt er und gibt Einblick in seinen Arbeitsalltag.

«Ich warte viel. Wir Aargauer nennen das ‹lauere›. Einzelne Kapitel sind für sich entstanden. Ich schreibe nur, was mich packt, grabsche nicht nach Worthülsen. Die Sätze dürfen nicht zu modelliert sein, müssen frisch wirken. Trotzdem feile ich lange herum. Früher dachte ich, die Nacht gehöre dazu. Heute schreibe ich bei Tageslicht – mit klarem Kopf.»

An seine ersten Schreibversuche erinnert sich Klaus Merz noch ganz genau. «Mit sechzehn stand mein Berufswunsch bereits fest.» Sein Gedichtsband «Mit gesammelter Blindheit» erschien 1967. Mit 28 Jahren hängte Merz seinen Job als Sekundar-lehrer an den Nagel. Bis vor fünf Jahren unterrichtete er an einer Erwachsenen-Berufsschule die Fächer Sprache und Kunst.

Eindrücklich ist sein Bibliothekszimmer in Unterkulm, wo der Blick vom Arbeitsplatz ins Grüne schweift. In den Gestellen sind die Klassiker und wichtigsten Autoren der Gegenwart vertreten. «Man lernt nur Schreiben durchs Lesen», ist der Vater zweier Kinder überzeugt. Ist man während des Prozesses einsam? «Die Sprache ist das Bindeglied zur Aussenwelt, sie lässt einen nie allein.»

Im November reist der mit Preisen überhäufte Autor mit seiner Frau, einer Psychotherapeutin, und «wichtigsten Lektorin» zum ersten Mal nach Argentinien. Eine Vorstellung, was ihn dort erwartet, hat Klaus Merz bereits im Kopf und im Herzen.


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