Mountainbike-Sport Phil Meier und Florian Golay: Legenden der Alpen

Die Walliser Berge sind ihr Terrain, das E-Bike ist ihre Berufung. Die Extremsportler Phil Meier und Florian Golay öffnen den Mountainbike-Sport einem neuen Publikum.
Phil Meier und Florian Golay Veloheft 2 2018
© Bernard van Dieredonck

Die Extremsportler Phil Meier und Florian Golay bei einer kurzen Pause.

Die Kulisse hat Ansichtskartenqualität: Im Hintergrund die verschneiten Berggipfel um den majestätischen Grand Combin, im Vordergrund der schroffe Felsvorsprung La Crevasse, zu unseren Füssen die lichten Lärchenwälder um den Col du Lein. Am Wegrand warnt eine Tafel vor weidenden Kühen – mit dem Zusatz: «Vous êtes responsable de votre véhicule!» Phil Meier, 41, und Florian Golay, 40, sind sich ihrer Verantwortung bewusst. Und sie beherrschen ihr Fahrzeug wie Zirkusartisten ihre Kapriolen am Trapez.

Es geht um die richtige Einschätzung des Geländes

Auf ihren E-Bikes schlängeln sie sich mit Leichtigkeit schmale Single-Trails hoch, um sich dann tollkühn den nächsten Abhang hinunterzustürzen. Dem Hobbyradfahrer stockt der Atem, doch die Profis haben die Lage im Griff: «Es geht um die richtige Einschätzung des Geländes», sagt Golay. Phil Meier fügt an: «Man muss seine Grenzen kennen.»

Phil Meier und Florian Golay Veloheft 2 2018
© Bernard van Dieredonck

«Beim Biken geht es um die richtige Einschätzung des Geländes», sagt Golay. Hier weist er Kollege Meier den Weg.

Hotspot für Biker

Ihr bevorzugtes Terrain sind die Berge und Hügel um Verbier. Die Region mit allen Facetten der alpinen Schönheit gilt als einer der Hotspots in der Schweizer Bike-Landschaft – mit allen Schwierigkeitsgraden und für Fahrer eines jeden Niveaus. Die ausgeschilderten Routen gehen vom einfachen Kurs über elf Kilometer bis zur «Grand Tour» über 38 Kilometer. «Hier findet jeder den für ihn richtigen Parcours», sagt Meier. Und dank den E-Mountainbikes können Fahrerinnen und Fahrer unterschiedlichsten Formstandes das grandiose Ambiente Rad an Rad geniessen: «Die E-Mountainbikes öffnen unseren Sport für eine neue Kundschaft. Selbst Leute, die zuvor Jahrzehnte auf keinem Velo mehr gesessen haben, finden sofort den Anschluss», sagt Golay.

Phil Meier und Florian Golay Veloheft 2 2018
© Bernard van Dieredonck

Zwei Grosse ganz klein. Phil Meier und Florian Golay auf dem spektakulären Felsen La Crevasse.

Golay und Meier sind auf den ersten Blick ein ungleiches Duo: Hier der fragil scheinende Romand aus Orbe VD, mit den clownesken Zügen im Gesicht, da der Genfer mit jamaikanischer Mutter und karibischem Flair, der auch perfekt Deutsch spricht. Sportlich kommen die beiden aus entgegengesetzten Richtungen: Golay gehörte zu den weltbesten Mountainbikern der Enduro-Klasse, Meier ist ein Pionier der Freestyle-Ski-Szene und hat mit waghalsigen Sprüngen im freien Gelände und spektakulären Filmaufnahmen neue Massstäbe gesetzt.

Es gibt Momente, da merkst du: Du machst keine Fortschritte mehr

Vor drei Jahren beendete der gelernte Buchhalter seine Profikarriere: «Nach 15 Jahren als Profi habe ich viel gesehen, viel erlebt und wundervolle Menschen kennengelernt. Es gibt Momente, da merkst du: Du machst keine Fortschritte mehr.»

Phil Meier und Florian Golay Veloheft 2 2018
© Bernard van Dieredonck

Schrauben und werken. Im eigenen Bike-Shop greift Meier zum Schraubenzieher: «Gutes Material ist die Grundlage unseres Sports.»

Technik und Tempo

Kennengelernt haben sich die beiden zufällig an einem Skianlass – und merkten bald, dass sie auf derselben Wellenlänge reiten. Meier ist seit jeher auch leidenschaftlicher Biker: «Wie im Ski geht es um Technik und Tempo und die Bewegung in der freien Natur. Im Sommer biken wir, im Winter fahren wir Ski», erzählt er.

Im Sommer biken wir, im Winter fahren wir Ski

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Seit sich Meier und Golay von der Bühne des Spitzensports verabschiedet haben, ist der gemeinsame Bike-Shop «Cross-Road-Cycles» in Martigny ihr beruflicher Lebensmittelpunkt. Hier wird geschraubt, montiert, gewerkelt. Die Auslage führt bei jedem Bike-Fan zu glänzenden Augen. Bikes aller Preisklassen und Anforderungsprofile machen den Ort zu einem Wunderland für Hobbypedaleure. Und überall sind Insignien der Erfolgskarrieren der beiden Protagonisten zu sehen. Über den Fenstern glänzen Pokale und Trophäen, an den Wänden hängen Helme mit dem schnaubenden Stier von Meiers Sponsor.

Man hat keine Chance. Man wird einfach mitgerissen von der rohen Gewalt des Schnees

Wer sich die Videos der Sportler anschaut, erhält eine Vorstellung, auf welch schmalem Grat sich die beiden in ihrer Aktivkarriere bewegten. Meier erlebte 2009 und 2011 zwei Lawinenniedergänge: «Man hat keine Chance. Man wird einfach mitgerissen von der rohen Gewalt des Schnees. Wenn du drin bist, ist es schon zu spät.» So fällt seine Antwort auf die Frage, wie man es in seinem Metier zu Legendenstatus bringt, nicht sonderlich überraschend aus: «Indem man überlebt.»

Phil Meier Veloheft 2 2018
© Bernard van Dieredonck

Sehr freundlich und ein bisschen verrückt. Phil Meier hat seine Grenzen ausgelotet. 

Florian Golay Veloheft 2 2018
© Bernard van Dieredonck

Florian Golay geht es als Familienvater heute ruhiger an.

Diese Zeiten sind Schnee von gestern. Heute sind Golay und Meier Familienväter und lassen es ruhiger angehen. Seit er Kinder habe, kalkuliere er das Risiko ganz genau, sagt Meier: «Früher war ich bereit, die Grenzen auszuloten. Heute bemühe ich mich, die Situation immer unter Kontrolle zu haben.» Doch Meier weiss, dass er auch dabei von äusseren Faktoren abhängt: «Die Natur lässt sich nie kontrollieren.»

Früher war ich bereit, die Grenzen auszuloten

An diesem Tag zeigt sich die Natur im Wallis von ihrer schönsten Seite. Man kann sich nicht vorstellen, dass es je anders sein könnte. Und wenn man am E-Bike den Hilfsmotor eine Stufe höher schaltet, werden selbst die steilsten Anstiege zum Vergnügen. Als würde man von einer unsichtbaren Hand gestossen.

Eine Geschichte aus «Velo»

titel velo
Auch interessant