Der Mann, der YB siegen lehrte YB-Fan Pedro Lenz trifft Meistermacher Adi Hütter

Bern feiert. Die Young Boys sind nach 32 Jahren wieder Schweizer Meister! Autor und YB-Fan Pedro Lenz hat Meistermacher Adi Hütter im Stade de Suisse getroffen und mit ihm über Fussball, Autorität und den Mentalitätswandel bei YB gesprochen.
Adi Hütter Trainer von YB SI Shooting Ausgabe 18/2018 Pedro Lenz
© Remo Neuhaus

YB macht wieder glücklich: Der Langenthaler Pedro Lenz, 53, trifft den Voralberger Adi Hütter (l.) wenige Tage nach dem entscheidenden 2:1-Sieg im Stade de Suisse gegen Luzern.

Wir hatten uns nach dem Gespräch und dem Fotoshooting schon verabschiedet, als ein Handwerker, der im Stade de Suisse ein Tor reparierte, auf Adi Hütter zulief, um sich bei ihm für den Meistertitel zu bedanken. «Darf ich Sie um eine Autogramm auf meinem YB-Leibchen bitten?» Der YB-Meistertrainer erfüllt ihm den Wunsch und bedankt sich seinerseits, dann muss er zügig weiter.

In diesen Tagen kommt es häufig vor, dass Unbekannte ihm gratulieren und sich bedanken. Adi Hütter ist zurzeit ein sehr gefragter Mann. Der gebürtige Vorarlberger hat in Bern Sportgeschichte geschrieben. 32 Jahre nach Aleksander Mandziara gewinnt er mit den Berner Young Boys den Schweizer Meistertitel.

YB SI Ausgabe 18/2018
© Thomas Hodel

Magische Nacht: Tausende von YB-Fans feiern am Samstag stundenlang im Stade de Suisse den lang ersehnten Meistertitel.

Dass ein solcher Erfolg mit Mehrarbeit verbunden ist, nimmt Adi Hütter gern in Kauf. «Presse- und Fototermine gehören dazu, aber jetzt muss ich wirklich zur Mannschaft», sagt er, bevor er im Innern des Stadions verschwindet.

Die Fans wollen noch mehr

Die Fussballmeisterschaft dauert noch vier Runden, anschliessend folgt der Cupfinal. YB ist zwar Meister, doch in Bern träumen Spieler und Fans jetzt vom Double. Adi Hütter will die Konzentration und die Spannung hoch halten. Seit dem märchenhaften Sieg am 28. April im Heimspiel gegen den FC Luzern sind erst wenige Tage vergangen. Mannschaft und Fans haben den Erfolg gebührend gefeiert. Aber jetzt ist der Fokus wieder nach vorne gerichtet.

YB SI Ausgabe 18/2018
© Thomas Hodel

Emotionen pur: Marco Wölfli (l.) ist Symbol für YBs harzigen Weg zum Titel: Der ewige Zweite wird in der Rückrunde vom Ersatzgoalie zum grossen Rückhalt und Penaltyhelden.

Unvergesslich bleibt für Adi Hütter der Augenblick, in dem am Samstag kurz vor 21 Uhr das Spiel gegen Luzern abgepfiffen wurde und der YB-Meistertitel rechnerisch feststand. Auf einmal brachen alle Dämme. Zu Tausenden rannten Fans aufs Spielfeld. 

Hütters Tochter war beim grossen Moment dabei

Spieler lagen sich heulend oder jubelnd in den Armen, und Adi Hütters Tochter Celina umarmte am Spielfeldrand ihren Vater. Die 19-Jährige war mit ihrer Mutter Sabine extra für das Spiel aus Salzburg angereist. Denn als Hütter 2015 seine Trainerstelle im Bern antrat, war Celina daheim in Österreich noch Gymnasiastin. Um sie nicht aus dem gewohnten Umfeld zu reissen, beschloss die Familie, dass Vater Adi allein nach Bern zieht.

Inzwischen hat die Tochter ihre Matura bestanden. Aber auch Vater Adi hat eine ganz besondere Reifeprüfung abgelegt: Er gewann einen Titel, auf den manche Bernerinnen und Berner nicht mehr zu hoffen wagten. Über drei Jahrzehnte nach der legendären Truppe um Prytz, Lunde, Weber, Zuffi und Bregy hat die Bundesstadt wieder eine Meistermannschaft.

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© Thomas Hodel

Endlich! So feiert YB am Samstagabend in der Kabine (mit Goalie Marco Wölfli und den Torschützen Guillaume Hoarau und Jean-Pierre Nsame, v. l.) den Titel.

Hütter erklärt, es habe einen Mentalitätswandel gebraucht, um diesen Titel möglich zu machen: «Als ich vor bald drei Jahren bei YB das Traineramt übernahm, schienen viele im Umfeld des Vereins zufrieden zu sein mit dem, was sie hatten. Gewann YB einmal vier oder fünf Spiele in Folge, klopfte man sich schon gegenseitig auf die Schultern, und fast alle waren glücklich.»

Adi Hütter selbst wollte mehr als das, mehr als ein paar gewonnene Spiele nacheinander, mehr als einen Spitzenplatz hinter dem FC Basel und mehr als ein Team, in dem es allen wohl ist. Auch wenn er die Bedeutung der Kameradschaft unterstreicht, erinnert Hütter gern daran, dass es im Leistungssport um den Erfolg geht.

«Meine Ambition ist es, jeden Tag besser zu werden»

«Ich mag es nicht, wenn ich den Eindruck habe, die Spieler seien selbstzufrieden und hätten sich in der Komfortzone eingerichtet. Meine Ambition ist es, jeden Tag besser zu werden, jeden einzelnen Spieler zu einem besseren Spieler zu machen und dadurch auch die Mannschaft täglich voranzubringen.»

Adi Hütter Trainer von YB SI Shooting Ausgabe 18/2018 Pedro Lenz
© Remo Neuhaus

Vier Tage danach: Der Kunstrasen im Stade de Suisse wird bei der Meisterfeier in Mitleidenschaft gezogen. Adi Hütter (l.) und Pedro Lenz packen zum Spass mit an.

Hütter sieht den Menschen hinter dem Spieler

Dass diese Zielsetzung im heutigen Spitzenfussball nicht mehr mit autoritärem Führungsstil und eiserner Disziplin durchgesetzt werden kann, liegt für Hütter auf der Hand. Autoritäre Forderungen, betont der Österreicher, werden von der jetzigen Spielergeneration nur erfüllt, wenn sie sie verstehen. «Der Trainer kann keine Autorität verordnen, er muss sie verkörpern. Die jungen Spieler wollen Antworten auf ihre Fragen. Ich kann sie nicht einfach zur Arbeit zwingen, ohne ihnen den Sinn der einzelnen Übungen oder Massnahmen zu erklären.» Er sehe in den einzelnen Spielern nicht in erster Linie den Innenverteidiger oder den Stürmer, sondern immer den Menschen. 

Ausserdem betont Hütter, dass ein Erfolg wie dieser Schweizer Meistertitel immer ein Verdienst eines ganzen Teams ist. «Man kann nicht sagen, ich oder der und jener habe den Titel errungen. Für den Erfolg braucht es immer funktionierende Gruppen, sei es in der Vereinsleitung, im Staff oder in der Mannschaft», sagt Hütter. «Wir haben diesen Gemeinschaftsgeist bei YB, ohne ihn wäre es unmöglich gewesen, eine derart erfolgreiche Saison zu spielen.»

Hütter kennt den Fussball auch aus Sicht des Spielers. In seiner Zeit als Profi feiert er spektakuläre Erfolge. Mit Austria Salzburg gewinnt er als Mittelfeldstratege drei Meistertitel und zieht 1993 in den Final des Uefa-Cups ein. Und mit dem Grazer AK holt er den österreichischen Cup. 

Angefangen hat alles im heimischen Altach, wo Adi Hütter die Juniorenabteilungen des dortigen Fussballclubs SCRA durchlief. Seinen Einstand als Profi gibt er mit 18 beim Grazer AK. Von dort wechselt Hütter im Jahr darauf zu LASK Linz, wo er, Ironie des Schicksals, ausgerechnet von Aleksander Mandziara, seinem Vorgänger als YB-Meistertrainer, betreut wird. «Mandziara hat mich in meiner Anfangszeit stark gefördert. Als ich 2015 bei YB anfing und mir bewusst wurde, dass er den letzten Titel nach Bern geholt hatte, träumte ich davon, dereinst in die Fussstapfen meines ehemaligen Förderers zu treten.»

Wenige Wochen nach Hütters Einstand bei YB stirbt Mandziara im Alter von 75 Jahren. «Jetzt hat mir sein Sohn zum Titel gratuliert, das hat mich berührt.»

Adi Hütter Trainer von YB SI Shooting Ausgabe 18/2018 Pedro Lenz
© Remo Neuhaus

YB macht wieder glücklich: Der Langenthaler Pedro Lenz, 53, trifft den Voralberger Adi Hütter (l.) wenige Tage nach dem entscheidenden 2:1-Sieg im Stade de Suisse gegen Luzern.

Während der Meistertrainer noch in Gedanken an seinen Vorgänger zum Team läuft, holt ihn ein Fan in die Gegenwart zurück: «Adi Hütter! Merci vielmals für diese super Saison! Darf ich Sie um ein Autogramm auf meinem YB-Leibchen bitten?» Aber davon hatten wir es schon.

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