Nachruf auf den Berner Stadtpräsidenten Alex Tschäppät: «Ich bin ja noch nicht gestorben»

SI Co-Chefredaktor Werner De Schepper kannte Alexander Tschäppät gut. In seinem Nachruf erinnert sich der ehemalige Chefredaktor von «Telebärn» an den verstorbenen Berner Stapi, der Politik und Menschlichkeit auf eindrückliche Weise vereinte. 
Alexander Tschäppät
© Dukas

Alexander Tschäppät ist am 4. Mai an seinem Krebsleiden gestorben. Der ehemalige Berner Stadtpräsident wurde 66 Jahre alt.

«Hallo Alex, wie geht es Dir?» - «Besser als letzte Woche.» - «Das hör ich, letzte Woche verstand ich Dich fast nicht. Deine Stimme war so unhörbar leise. Ich bin nächste Woche in Bern, gehen wir auf ein Bier? Sorry, trinkst Du überhaupt noch Bier?» - «Hey, was soll das! Ich bin ja noch nicht gestorben.»

Trotzdem kam es nicht mehr zu diesem letzten Bier. Aber mein letztes Telefon mit Alex war so typisch Tschäppät. Dieser Galgenhumor. Denn Humor hatte er immer. Fast zuviel für einige.

Alexander Tschäppät
© Dukas

Sein Charisma, seine Anziehungskraft holte Tschäppät aus seiner Lebensfreude.

Grosser Sprücheklopfer und Menschenfreund

So habe ich ihn auch kennen gelernt in meiner Zeit bei «Telebärn». Der Berner Stapi Tschäppät hatte in einer Comedy-Show mit ein paar derben, umgangssprachlichen Sprüchen die in der Schweiz lebenden Italiener hoch genommen, dabei sogar das Wort «Tschingg» verwendet. Das war zuviel des Guten, nicht für die Italiener, sondern für einen politisch korrekten Schweizer Journalisten der Stadt-Zeitung «Der Bund». 

Wer mich kennt, weiss, dass ich hinten und vorn nicht fremdenfeindlich bin. Aber ich habe immer ein loses Mundwerk.

Tschäppät verstand die Welt nicht mehr. Humorlosigkeit verstand er nie. Um mir zu erklären, wie er tickt und warum ihn diese Anschuldigung so trifft, lud er mich zu einem Bier ins «Luna Llena» im Breitsch-Quartier ein. «Verstehst Du», sagte er, «ich stehe zu meiner Geschichte. Hier habe ich bei einem Konzert mal gegrölt Motherfucker Blocher.» Ja, dazu stand er.

Und er erklärte mir auch, dass er das mit Blocher persönlich beredet und erledigt hatte. Aber diese Anschuldigung – todernst vorgetragen von einer Zeitung, das konnte er nicht wegstecken. «Wer mich kennt, weiss, dass ich hinten und vorn nicht fremdenfeindlich bin. Aber ich habe immer ein loses Mundwerk. Und bereue jeden Spruch, den ich nicht platziert habe.»

Der Sprücheklopfer war die eine Seite von Tschäppät. Ich liebte sie. Die andere war seine hohe Anteilnahme am Schicksal der Menschen in seiner Stadt. Meinen Vater hat er nur einmal getroffen, als die Belgische Botschaft der Stadt Bern einen flämischen Blumenteppich auf dem Münsterplatz schenkte.

Sofort ging Tschäppät zu meinem Vater, der nur leidlich Schweizerdeutsch sprach, und wollte wissen, wie er in die Schweiz gekommen sei. Und später erkundigte sich Tschäppät jedes Mal, wenn ich ihn traf, nach dem Wohlbefinden meines Vaters.

Alexander Tschäppät
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Der Stapi nahm hohe Anteilnahme am Schicksal der Menschen in seiner Stadt. 

Eine Begegnung, die alles erklärt

Tschäppät hatte ein unglaubliches Charisma durch seine Lebensfreude. Eine Begegnung werde ich nie mehr vergessen. Sie erklärte mir die ganze politische Arithmetik in der damaligen Berner Exekutive. Stapi Tschäppät und die anderen Mitglieder des Berner Gemeinderates hatten alle Medienschaffenden zu einem Glas Wein in den Erlacherhof eingeladen.

Es war ein wundersames Schauspiel: Draussen auf der Terrasse stand Alex, umringt von allen Chefredaktoren des Kantons Bern. Er hielt richtiggehend Hof, machte Sprüche, verkaufte seine Politik mit Witz und Verstand. In gebührendem Abstand, etwas ausserhalb des Kreises, stand Ursulas Wyss, seine SP-Kollegin. Obwohl er sie mehrmals aufforderte hinzuzutreten, blieb sie immer leicht ausserhalb des Kreises, überliess ihm das Wort.

So war er, der Alex Tschäppät meiner Erinnerungen: Ausgelassen im Kreis der Gleichgesinnten, interessiert gegenüber Andersdenken – aber immer voller Herzlichkeit und Humor. 

Einen Tisch daneben stand der junge Gemeinderat der FDP und schielte immer zur heiteren Runde, getraute sich aber nicht dazu zu kommen. Der farblose Mann wurde später sang- und klanglos abgwählt. Einzig der CVP-ler Reto Nause, der sich zuerst noch am Tisch des FDPler gelangweilt hatte, merkte, wo die Post abging und trat selbstbewusst in Tschäppäts Runde. Die beiden verstanden sich auch sonst gut, man spürte es sofort.

Nur die grüne Gemeinderätin Franziska Teuscher, liess sich vom Geschehen auf der Terrasse überhaupt nicht beeindrucken. Sie blieb im Erlacherhof drinnen und diskutierte den ganzen Abend lang mit einem NZZ-Journalisten. Tschäppät hat sie immer sehr geschätzt. So war er, der Alex Tschäppät meiner Erinnerungen: Ausgelassen im Kreis der Gleichgesinnten, interessiert gegenüber Andersdenken – aber immer voller Herzlichkeit und Humor.

Sein Charisma, seine Anziehungskraft holte er aus seiner Lebensfreude. Sein Herz hat aufgehört zu schlagen, aber an seine Herzlichkeit werden wir uns noch lange erinnern. Sie ermahnen uns, dass Politik und Menschlichkeit sich nie ausschliessen sollten. Danke Alex.

Sehen Sie hier das Leben von Alexander Tschäppät in Bildern: 

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