Die Wahl-Stafette: Trede befragt Rickli «Ob ich die Erste oder Zweite bin, ist nicht wichtig»

In der letzten Wahlstafette kommt es zum Duell zwischen links und rechts. Aline Trede von den Grünen konfrontiert SVPlerin Natalie Rickli mit der Ausländerpolitik der SVP, dem tiefen Frauenanteil in ihrer Partei und Wahlprognosen.
Wahlen 2015 Aline Trede Grüne Natalie Rickli SVP Twitter
© Geri Born

«Wir sind am Ziel!» Die letzte Stafettenübergabe von Aline Trede (l). und Natalie Rickli im Zürcher Platzspitzpark.

Eine Packung Sonnenblumenkerne. Das schenkt die Grüne Aline Trede, 32, ihrer SVP-Ratskollegin Natalie Rickli, 38, zur Begrüssung. «Etwas Nachhaltiges, falls ich nicht mehr gewählt werde.» Rickli bedankt sich: «Ich habe zwar keinen grünen Daumen. Falls Sie aber künftig nicht mehr im Parlament sind, würde ich mich natürlich um die Sonnenblume kümmern.»

Natalie Rickli, sind Sie überhaupt noch nervös vor dem kommenden Sonntag? Mit Ihrem ersten Listenplatz sind Sie ja praktisch gewählt.
Nervös bin ich nicht. Mir sagen viele Leute: «Du machst das locker.» Wenn sie aber so denken, schreiben Sie meinen Namen vielleicht kein zweites Mal auf die Liste. Allenfalls überholt mich jemand, aber ob ich die Erste oder Zweite bin, ist nicht so wichtig.

Ich will nicht, dass die Leute über meinen Ausschnitt reden, sondern über meine Politik

Im TV kommen Sie sehr kompetent rüber. Allerdings wirken Sie oft etwas reserviert. Was ich mich jeweils frage: Gibt es eine öffentliche und eine private Natalie Rickli?
Ich verstelle mich nicht. Ich gebe öffentlich aber wenig Privates preis und trete politisch bewusst seriös auf. Sie sind ja in der «Wahlfahrt»-Sendung auf SRF barfuss rumgelaufen (lacht)!

Die haben mich zu Hause abgeholt, und ich musste noch die Schuhe anziehen. Viel mehr Privates gibts von mir auch nicht - aber man sieht mich schon mal ein Bier trinken.
Genau solche Dinge überlege ich mir. Ich war vergangene Woche am SVP-Oktoberfest. Mit dem Bier in der Hand hat man mich dort nicht gesehen. Auch trug ich bewusst kein Dirndl. Ich will nicht, dass die Leute über meinen Ausschnitt reden, sondern über meine Politik. Aber reserviert bin ich nicht, eher kontrolliert. Darum finden manche wohl, ich sei nicht so lustig.

Ich meine nicht, dass Sie lustig sein müssen. Aber Sie sind auch nie dabei, wenn wir Jung-Parlamentarier abends noch ausgehen.
Dann bin ich oftmals schon im Bett. Eine Nacht durchtanzen - das mache ich privat mit meinen Freunden.

Sie sind auf Facebook und Twitter aktiv. Machen Sie dort alles selber, oder haben Sie seit Ihrem Burnout jemanden, der Ihnen hilft?
Ich mache das selber. Kommentare beantworte ich bewusst selten, dazu habe ich keine Zeit. Ich habe über 20'000 Fans und teilweise Hunderte von Kommentaren.

Würden Sie mich denn wählen, wenn sie könnten?

Gibt es nie Dinge, die Sie löschen? Etwa rassistische Äusserungen?
Ich setze auf Meinungsfreiheit und lösche praktisch nichts. Aber ich weise die Leute zwischendurch darauf hin, anständig miteinander umzugehen.

Sie haben nicht für den Ständerat kandidiert. Hatten Sie Angst davor, zu verlieren, oder waren es private Gründe? Ich habe gelesen, Ihrer Mutter ging es nicht gut.
Das ist richtig. Zudem stimmte für mich das Engagement im Nationalrat und in meinem Beruf. Künftig kann ich mir eine Kandidatur für den Ständerat aber vorstellen.

Mehr Junge würden dem Ständerat definitiv guttun.
Würden Sie mich denn wählen, wenn sie könnten?

(Denkt lange nach.) Bei Ihnen wüsste ich wenigstens, woran ich bin. Aber ob ich Ihren Namen wirklich hinschreiben könnte …? Apropos andere Parteien: Sie waren schon im Rat, als es zur Abspaltung der BDP gekommen ist. Wie ist ihr Verhältnis zu den BDPlern heute?
Auf der persönlichen Ebene sind die Konflikte bereinigt. Aber ich gebe zu: Es war eine schwierige Zeit. Ich war neu im Rat, dann wurde Christoph Blocher abgewählt. Ich hatte grosse Mühe mit denen, die von der SVP profitiert und dann die Partei gewechselt haben.

Haben Sie eigentlich ausländische Freunde?
Ja, habe ich.

Finden diese die Asylpolitik der SVP gut?
Zum grössten Teil, ja! Studien zeigen: Leute mit Migrationshintergrund wählen oft SVP. Ich kenne eingebürgerte Schweizer, die jetzt das erste Mal wählen können. Die sind wahnsinnig stolz.

Ein Argument dafür, dass man Zweitgenerationen schneller einbürgern sollte!
Nein, die Hürden für eine Einbürgerung sind so schon tief genug.

Im Gegenteil. Die Einbürgerungen wurden gar noch verschärft. Etwa  bei der Aufenthaltsdauer von Jugendlichen, die nur noch bis 15 und nicht mehr bis 20 doppelt gezählt werden.
Ich finde das genau richtig.

Reden wir über die Menschen, die zurzeit nach Europa flüchten. Gerade die Syrer sind teilweise gut ausgebildet und würden der Schweiz wirtschaftlich viel bringen!
Erstens kommen wenig Syrer, und zweitens ist das Ziel, dass sie eines Tages wieder nach Hause gehen können. Zudem belasten viele Flüchtlinge unser Sozialsystem, etwa weil sie ihre Familie nachkommen lassen.

Bei anerkannten Flüchtlingen sind es derzeit aber nur knapp fünf Prozent, die dank Familiennachzug in die Schweiz kommen.
Bei der Personenfreizügigkeit macht der Nachzug aber einen Drittel der Zuwanderung aus.

Das ist aber nicht dasselbe. Nehmen wir die Leute aus dem Kosovo: Auch dank ihrer Arbeit sind wir zu unserem Wohlstand gekommen.  
Uns ist es vorher schon gut gegangen. Zudem: Mehr Ausländer brauchen mehr Lehrer, mehr Verwaltungsbeamte, mehr Ärzte.

Dafür helfen sie uns, die Altersvorsorge zu stemmen.
Das stimmt nicht. Die Schweizer zahlen viel länger in die Sozialwerke ein als die Ausländer.

In letzter Konsequenz müssen wir bereit sein, die Bilateralen zu opfern

Weil diese nicht sofort arbeiten können!
Wenn wir Arbeitskräfte brauchen, sollen die Unternehmen selbstverständlich einen Ausländer anstellen dürfen. Heute haben wir aber oftmals eine Verdrängung auf dem Arbeitsmarkt: jüngere Deutsche zum Beispiel, die Leute aus dem ehemaligen Jugoslawien oder ältere Schweizer verdrängen. Deshalb braucht es einen Inländervorrang, und wir müssen endlich die Masseneinwanderungsinitiative umsetzen.

Die SVP will Kontingente für Ausländer. Haben Sie eine Zahl im Kopf, wie viele Ausländer jährlich kommen können?
Das ist schwer zu sagen, weil die Zahl flexibel sein soll, also nach Branche und saisonal zu berechnen ist. Klar ist: Die Schweiz muss die Bilateralen neu verhandeln und zwar hart.

Die bilateralen Verträge waren aber auch ein Volksentscheid! Würden Sie diese denn opfern?
In letzter Konsequenz müssen wir bereit sein, die Bilateralen zu opfern.

Kommen wir zum Geld: Warum legt die SVP nicht offen, wie viel sie für den Wahlkampf ausgibt?
Ich weiss nicht mal, wie viel das ist. Da müssten Sie unseren Präsidenten Toni Brunner fragen. Die Parteienfinanzierung in der Schweiz ist privat. Da ist es doch völlig normal, dass man die Wahlspenden nicht offenlegt.

Aber die Wähler haben doch ein Anrecht darauf, zu wissen, woher das viele Geld kommt!
Die Wähler wissen, wofür wir einstehen, das reicht. Was sagt das dem Wähler, wenn ich schreibe, XY aus Z habe mir 200 Franken gespendet?

Es geht auch nicht um 200 Franken, sondern um Millionen. Wenn grosse Unternehmen wie Economiesuisse mit ihrer Parteienfinanzierung Einfluss auf den politischen Prozess nehmen, ist das einfach nicht mehr privat!
Eine private Firma darf doch selber entscheiden, wem sie etwas spenden und was sie kommunizieren will.

Vielleicht haben die Firmen ja Angst, im Zusammenhang mit Euch erwähnt zu werden, weil die SVP laut Bilanz nicht mehr die wirtschaftsfreundlichste Partei ist.
(Lacht.) Das Schlimmste an diesen Wahlen waren nutzlose Ratings. Das Einzige, was zählt, sind die Ergebnisse am 18. Oktober.

Wenn wir gerade bei Zahlen sind: Die SVP hat im Parlament einen Frauenanteil von 13 Prozent. Finden Sie es gut, mit so vielen alten Männern in einer Partei zu sein?
Ich fühle mich wohl. Allerdings glaube ich, dass wir nach den Wahlen mehr Frauen sein werden.

Mit 19 Prozent kandidieren bei der SVP aber am wenigsten Frauen.
Dafür gute!

«Sind Sie auch froh, dass jetzt endlich die Wahlen kommen?», fragt Aline Trede ihre Ratskollegin nach dem Interview. Natalie Ricklis Antwort: «Und wie, ich bin froh, wenn sie vorbei sind! Dann können wir endlich wieder in Ruhe arbeiten.»

Im Dossier: Alle Interviews aus der Wahl-Stafette auf einen Blick

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