Mirjam Ballmer und Aline Trede Die lustvollen Kämpferinnen der Grünen

Der Grünen Partei fehlt es an Wählern. Nicht aber an jungen Frauen, die alles daransetzen, die Welt ein bisschen zu verbessern. «SI Gruen» im Interview mit Mirjam Ballmer und Aline Trede. 

Noch nie gaben die Schweizerinnen und Schweizer so viel Geld für Bio-Produkte aus. Grün sein ist hipp. Trotzdem gehören die Grünen bei den kantonalen Wahlen zu den Verlierern. Die Partei steckt in einem Formtief. Und das, obwohl eine Gruppe junger dynamischer Frauen gerade dabei ist, das Klischee von den wollsockentragenden Spassbremsen gehörig auf den Kopf zu stellen. Aline Trede und Mirjam Ballmer sind zwei davon, beide gut ausgebildet, knapp über dreissig und schon seit mehr als zehn Jahren in der Politik. Trede sitzt für den Kanton Bern im Nationalrat und kämpft dafür, dass das so bleibt. Ballmer, aktuell Grossrätin im Kanton Basel-Stadt, will ebenfalls dort-hin. Die beiden kennen sich seit Jahren, gehören zu jenen Grünen, die es auch mal bunt treiben: Sie laden öffentlich zum «Bier mit mir», lachen darüber, wenn sie nach einem TV-Auftritt gesagt bekommen, dass sie «für eine dieser Ökos» verdammt gut angezogen waren. Und haben eine klare Vision, wohin sie die Schweiz führen möchten. Wenn man sie denn lässt.

SI GRUEN: Wer in die Politik einsteigt, will etwas verändern. Wie gross ist der Frust, wenn man als junge Frau merkt, dass das so einfach nicht geht?
Aline Trede, 31: Ich bin ganz froh, dass ich im Berner Stadtparlament angefangen habe - da konnte man wenigstens mal gewinnen! Der Start im Nationalrat war nicht einfach. Im Bundeshaus ist «frau» ziemlich alleine in einer grauen männlichen Masse und muss erst mal eine Session lang fighten, um ernst genommen zu werden. So à la «aha, du bist gar nicht die Sekretärin von Schneider-Ammann». Einer jungen Frau wird weniger Respekt entgegengebracht als den Herren. Das hätte ich nie so krass erwartet.
Mirjam Ballmer, 32: Ich glaube, man muss sehr viel Lust am Politisieren mitbringen und akzeptieren, dass das System sehr träge ist. Eigene Erfolge sieht man oft erst nach langer Zeit, das braucht Geduld. Zum Glück macht man Politik nicht nur im Parlament. Dann lanciert man halt mal wieder eine Aktion und malt Velostreifen dahin, wo man findet, es brauche welche. Solche Sachen machen Spass - und gehören für mich auch zur Politik.
Trede: Stimmt. Wenns «zäme fägt», gibt das extrem Energie.

Es ist schwierig, qualifizierte Frauen zu finden, wenn man nur unter Männern sucht

Dann sind Sie für eine Frauenquote.
Trede: Ich war immer dagegen. Aber wir haben das jetzt lange genug auf freiwilliger Basis probiert - das gilt übrigens auch für die Lohngleichheitsdiskussion.
Ballmer: Es ist noch viel zu wenig passiert. Ich dachte auch, wir Frauen schaffen das selbst. Aber sobald man in die Politik oder Wirtschaft reinkommt, merkt man, dass es teilweise diese gläserne Decke gibt. Kürzlich habe ich in Basel eine Motion eingereicht, damit VR-Mandate von Staatsbetrieben ausgeschrieben werden. Frauen, die nicht in gewissen Kreisen verkehren, wissen nämlich oft nicht mal, dass ein Sitz zu vergeben ist.
Trede: Oder wie es die Journalistin Andrea Bleicher ausgedrückt hat: Es ist schwierig, qualifizierte Frauen zu finden, wenn man nur unter Männern sucht. Deshalb braucht es eine Frauenquote - zumindest temporär.

Wäre die Wirtschaft mit mehr Frauen in Führungspositionen ökologischer?
Ballmer: Sicher nachhaltiger und transparenter. Dafür müssen aber auch die Rahmenbedingungen gegeben sein. Trede: Eine Frau als Chefin reicht nicht, es braucht einen Systemwechsel - damit sich diese Frauen entfalten können.
Ballmer: Dazu gehören auch neue Arbeits- und Kinderbetreuungsmodelle.
Trede: ...und Kreativität. Man könnte Jobsharern andere Arbeitszeiten als von 8 bis 17 Uhr anbieten - das würde auch die Pendlerströme entlasten. Dafür brauchts flexible Kitas. Ich zum Beispiel kann mit den wechselnden Kommissionstagen meinen Sohn nicht in eine Kita geben. Zum Glück gibts Grosseltern.

In welchen Bereichen hinkt die Schweiz punkto Nachhaltigkeit hinterher?
Ballmer: Im Asylwesen sind wir rückständig und völlig unsolidarisch, im Sinne von «die Italiener sollen doch selber schauen, was sie mit den Flüchtlingsströmen machen». Ein gefährlicher Fehler ist auch, dass wir die ältesten AKWs Europas haben und sie nicht abstellen.
Trede: Ebenso fahrlässig wäre es, bei der alternativen Energiegewinnung auf Erdgas-Fördermethoden wie Fracking zu setzen.
Ballmer: Beim Naturschutz, das weiss ich aus beruflicher Erfahrung, hinken wir stark hinterher. Andere Länder haben seit Jahren einen Aktionsplan Biodiversität, unserer ist immer noch nicht da.

Aber da gelten wir im Ausland doch als so vorbildlich!
Trede: Viele unterschätzen das. Die Postkartenschweiz bleibt kein Idyll, wenn man nichts tut. Das gilt für viele Dinge, auch für den Verkehr, unser Strassennetz, das jährlich 12'000 Stutz pro Person kostet - das ist abartig!

Sind wir denn auch in etwas gut?
Ballmer: In der Bildung, bei gewissen Sozialsystemen wie der Krankenkasse...
Trede: ...Wasserkraft. Da haben wir Schwein gehabt! Dann natürlich im Steuerdumping, Grosse-Firmen-Reinholen, Diktatorengelder-Horten... (lacht.)

Ehrlich gesagt habe ich verdammt viele Kleider und verdammt viele Schuhe!

Wo sündigen Sie denn selbst?
Trede: Ich fahre viel Zug und Bus. Und ich esse Fleisch - vom Bio-Hof.
Ballmer: Ich auch im Bereich Konsum. Ich kaufe mehr Kleider, als ich brauche.
Trede: Ehrlich gesagt habe ich verdammt viele Kleider und verdammt viele Schuhe! Ich schaue, wo und wie meine Lieblingslabels produziert werden. Aber ich kaufe nicht irgendwelche unförmigen Bio-Kleider, darin sehe ich scheisse aus.

Wie sieht es mit Reisen aus?
Trede: Ich fliege nicht. Als Kind bin ich mal geflogen, aber ich erinnere mich nicht. Fliegen ist legitim, und ich schliesse nicht aus, dass ich zum Beispiel irgendwann mal Bekannte in Indonesien besuchen werde. Aber ich finde, hier in Europa kann man so viele tolle Sachen sehen, die mit dem Zug gut erreichbar sind. Ich verstehe wirklich nicht, dass die Leute für ein Shoppingweekend mal eben durch die Welt jetten.
Ballmer: Mein Freund und ich haben uns öfter überlegt, ob wir für drei, vier Wochen in die Ferne fliegen sollen. Am Ende entschieden wir uns jeweils doch für Europa - ohne Flugzeug. Ich bin seit über zehn Jahren nicht geflogen, auch weil ich es furchtbar anstrengend finde.

Es heisst immer, die Grünen hätten von Katastrophen wie Fukushima profitiert. Ist das tatsächlich so?
Ballmer: Grundsätzlich kann es nicht sein, dass es erst einen Super-GAU braucht, damit unsere Themen auf die Agenda kommen.
Trede: Natürlich profitieren wir davon, wenn eine Bundesrätin wie Atom-Doris nach Fukushima plötzlich sagt, wir bauen keine neuen AKWs mehr. Aber wir konnten Ereignisse wie dieses nicht unbedingt umsetzen in Wählerstimmen. Momentan gelingt es uns vor allem mit - für uns sehr aufwendigen - Initiativen, gewisse Themen ins Gespräch zu bringen.

Ihre Themen sind populär, bei den kantonalen Wahlen können Sie dieses Potenzial aber nicht ausschöpfen. Weshalb?
Ballmer: Das ist schwer zu sagen. Es wäre zu einfach, den starken Franken als einzigen Grund zu nennen. Leider nimmt man uns aber noch immer nicht ab, dass auch wir Wirtschaftskompetenz haben, und setzt auf das bisherige System und die FDP. Wir müssen da sicher an uns arbeiten. Vielleicht hat auch die «Bad Press» über gewisse Einzelpersonen unserer Partei negative Auswirkungen.

Also Geri Müller und Jolanda Spiess-Hegglin...
Trede: Oder auch die Diskussionen um Jo Lang oder Jürg Wiedemanns Parteiaustritt in Basel. Ich glaube aber, das darf man nicht überbewerten. Solche, die mal vom Weg abweichen, eine andere Meinung haben, die gibt es überall. Klar, es lenkt von den Inhalten ab. Aber anstatt parteiintern über Einzelpersonen zu lamentieren, sollten wir lieber unser Profil schärfen, mehr Selbstbewusstsein entwickeln, lockerer werden. Bei uns wirkt alles zuweilen etwas streng und spassfrei. Da hoffe ich auch auf die junge Generation!

Bleibt das Problem, Ihre Wähler zu mobilisieren: Fast 40 Prozent der Bevölkerung könnten sich vorstellen, grün zu wählen. In Zürich gabs an der Urne jedoch nur noch 7 Prozent Stimmanteil.
Trede: Eine Wahlbeteiligung von nur 30 Prozent nenne ich Wohlstandsverwahrlosung. Uns geht es zu gut. Wenn mans nicht schafft, viermal jährlich an die Urne zu gehen, ist das schon sehr lahm. Aber Wahlen sind national nur einmal in vier Jahren. Das sollte doch zu schaffen sein.
Ballmer: Da bin ich auch etwas ratlos. Wir haben Knochenarbeit geleistet, damit die grünen Themen so hip und trendy werden konnten. Jetzt müssen wir wohl zeigen, dass es uns weiterhin braucht. Weil zum Beispiel weder die Energiewende noch der Atomausstieg beschlossen, geschweige denn umgesetzt sind.
Trede: Vielleicht mobilisiert es auch, dass wir so verloren haben. Wir sollten jetzt einfach keine Panik schieben und weiterkämpfen.

Schaffen wir doch die Armee ab und führen dafür den Vaterschaftsurlaub ein

Wenn Sie einen Tag Königin wären und etwas in der Schweiz ändern könnten ohne Abstimmung. Was wäre das?
Trede: Schaffen wir doch die Armee ab (lacht).
Ballmer: ...und führen dafür den Vaterschaftsurlaub ein.
Trede: Genau. Wir investieren das Armee-Budget von jährlich fünf Milliarden in die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. So machen wirs!

Und, zum Schluss: Wo steht die Schweiz in zwanzig Jahren?
Ballmer: Ich bin grundsätzlich ein positiver Mensch. Deshalb male ich kein düsteres Bild, auch wenn wir bei gewissen Themen am Scheideweg stehen...
Trede: Also ich freue mich erst mal auf viele weitere Fights, zum Beispiel mit der FDP bei der Energiestrategie 2050. Das Schlimmste ist doch, wenn man keine Gegner hat. Dann kann man nicht argumentieren. Und wenn man als grüne Politikerin nicht kämpfen mag, kann man sowieso einpacken.

Das Interview finden Sie auch in der aktuellen Ausgabe von «SI Grün» vom 1. Juni:

Knackeboul SI Gruen
© Cover SI Grü
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