Adolf Ogi in Moldawien «Kinder sind die Leader unserer Zukunft»

In Moldawien hilft alt Bundesrat Adolf Ogi mit der Stiftung Swisscor kranken Kindern. Besuch in einem Heim, wo nur die Suppe warm ist. Und doch Freude herrscht.
Adolf Ogi Moldawien Swisscor
© Dominic Nahr

Im Kinderheim in Hincesti trifft Adolf Ogi (l.) «Schnügel» Andrei Rotaru, der 2014 Gast in der Schweiz war.

Mit Wundern ist das so eine Sache. Sie passen nicht recht in unsere aufgeklärte Welt. Und trotzdem gibt es Momente, die so unwirklich sind, dass selbst ein bodenständiger Bergler wie Adolf Ogi, 75, nur noch sagen kann: «Gopf, das gibts doch nicht!»

Im Kinderheim im moldawischen Hincesti beobachtet der alt Bundesrat, wie der 12-jährige Andrei Rotaru mit zwei Holzstöcken durch die Gänge hüpft, flink wie ein Eichhörnchen. Dazu muss man wissen: Der Bub kam mit einem offenen Rücken zur Welt, sein rechtes Bein ist drei Zentimeter länger als das linke, seine Füsse sind taub.

«Der wird nie im Leben gehen können», dachte sich Ogi, als er Andrei 2014 kennenlernt. Der Bub verbringt gemeinsam mit 80 anderen moldawischen Kindern zwei Wochen in einem Ferienlager in Mels SG. «Ich erinnere mich noch genau an ihn», sagt Ogi und zieht den Reissverschluss seiner Daunenjacke hoch. «Er sass im Rollstuhl, war scheu, aber er hat alles um sich herum aufgesogen wie ein trockener Lumpen, die Kuhglocken, das Matterhorn.» Ogi schnäuzt sich die Nase. «Was für eine Genugtuung, ihn heute so zu sehen!»

Adolf Ogi Moldawien Swisscor
© Dominic Nahr
Die Heimkinder sprechen Rumänisch, Ogi Berndeutsch. Aber Suppe, Poulet und Polenta verbinden.

Die Schweiz sei nicht ganz unschuldig an seinem Fortschritt. Hier habe Andrei realisiert: Es gibt noch ein Leben ennet der grauen Plattenbauten. Hier sind Menschen, die ihm helfen, mit Spezialschuhen etwa oder Physiotherapie. «Das hat seinen Willen bestimmt gestärkt.»

Der Gedanke kam Ogi im Jahr 2000

Die Idee mit den medizinischen Ferienlagern für Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten hatte Ogi, als er noch Bundespräsident war. Wir schreiben das Jahr 2000, in Jugoslawien ist Krieg.

Notfallmässig beruft Ogi in den Osterferien eine Telefonkonferenz mit dem Bundesrat ein (im Pyjama im Hotel Walliserhof in Zermatt): «Wir müssen etwas tun!» Er möchte 100 kriegsversehrte Kinder für zwei Wochen in die Schweiz holen und medizinisch versorgen: mit Brillen, Hörgeräten, Beinschienen oder Rollstühlen – «was man in der kurzen Zeit halt so machen kann». Und er möchte sie auf andere Gedanken bringen.

Adolf Ogi Moldawien Swisscor
© Dominic Nahr
Liuba Verdes, 11, hat eine halbseitige Lähmung. Die Schiene aus der Schweiz hilft ihr beim Gehen.

Seine Regierungskollegen sind dagegen. Doch Ogi sagt: «Der erste Super-Puma ist bereits im Kosovo, schöne Ostern noch allerseits.» Gesagt, getan. Das Ferienlager findet statt – und es bleibt nicht bei einem.

Swisscor übernimmt das Projekt

Die private Stiftung Swisscor erklärt sich bereit, die Lager unter dem Patronat von Adolf Ogi weiterzuführen. Bis 2011 kommen die Kinder vorwiegend aus dem Balkan, danach aus Moldawien – mittlerweile das ärmste Land Europas.

Ende 2015 entscheidet die Stiftung, auf Nachhaltigkeit zu setzen: keine Camps mehr, sondern Hilfe vor Ort. Seither schickt sie ihre Ärzte zweimal jährlich nach Moldawien. Diese kontrollieren in Heimen und Institutionen, ob die Kinder, die einst in der Schweiz waren, Fortschritte gemacht haben. Aber vor allem fördert Swisscor die Hilfe zur Selbsthilfe, indem sie Wissen in Orthopädietechnik weitergibt und Kurse in Physiotherapie anbietet.

Adolf Ogi Moldawien Swisscor
© Dominic Nahr
Das Kinderheim in Hincesti ist 30 Kilometer von der Hauptstadt Kischinau entfernt, umgeben von Feld und Hügel.

«Ich bin stolz auf dich, Andrei», sagt Ogi, der in Moldawien die Arbeit der Stiftung begutachtet. Andrei strahlt. Er zeigt dem alt Bundesrat sein Zimmer: ein zwölf Quadratmeter grosser Raum mit zwei Betten. Es riecht nach alten Wolldecken und Eintopf, die Heizung ist auf null gedreht.

Wenige wollen in Moldawien bleiben

Moldawien war einst eine der reichsten Sowjetrepubliken. Durch die 1991 erlangte Unabhängigkeit verschwand zuerst der Wohlstand, dann verschwanden die Menschen. Weil Moldawien seine rund vier Millionen Einwohner nicht mehr ernähren kann, flüchtet fast ein Viertel ins Ausland: nach Italien zum Putzen, Pflegen und Babysitten, nach Spanien zur Feldarbeit, nach Russland auf den Bau. Wer bleibt, sind die Kinder. Manchmal in der Obhut überforderter Verwandter. Oft sich selbst überlassen. 

Adolf Ogi Moldawien Swisscor
© Dominic Nahr

Trickfilmschauen lieben die Siebtklässler, die alle entweder körperlich oder geistig behindert sind.

Andreis Mutter lebt noch in Moldawien, nicht weit von Hincesti. Als er sechs war, gab sie ihn ins Heim. «Sie schämte sich, weil er behindert ist», sagt Andreis Lehrerin im Heim – und bricht das Gespräch abrupt ab, als sie merkt, dass der Bub seine Ohren spitzt. Andrei zieht seine Mundwinkel hoch. Man kann ihm fast alles nehmen, aber nicht die Freiheit, seiner Geschichte mit einem Lachen zu begegnen. Lachen stärkt die seelische Widerstandskraft, heisst es – Andrei ist der lebende Beweis. Er denkt nicht, was in zehn Jahren ist. Er freut sich auf das Wochenende, dann darf er zu seiner Grossmutter.

Adolf Ogi Moldawien Swisscor
© Dominic Nahr
«Wenn ich in Andreis glänzende Augen gugge, kann ich nicht aufhören mit meinem Engagement», sagt Ogi.

Später Nachmittag, die Herbstsonne scheint golden in den Therapieraum des Kinderheims. Auf einer Schaumstoffmatte kniet Andreas Reinhard, 56 – zweimal im Jahr reist der Berner Orthopädie-Techniker für Swisscor nach Moldawien. Dort berät er seinen moldawischen Berufskollegen Alexandru Pinzaru bei der Arbeit.

Adolf Ogi Moldawien Swisscor
© Dominic Nahr

Der Berner Orthopädie-Techniker Andreas Reinhard prüft Andreis Hüftbeweglichkeit – er ist zufrieden.

Viele Heimkinder benötigen orthopädische Schuhe

Über zehn Heimkinder haben die beiden heute untersucht. Andrei ist der letzte. «Wir werden ihm Schuhe mit hohem Schaft besorgen, damit er dereinst selbständiger durchs Leben gehen kann.» Adolf Ogi nickt. Er wünscht sich, dass Andrei in ein paar Jahren einen Beruf erlernen kann. «Kinder sind die Leader unserer Zukunft», sagt er, «darum dürfen wir nicht aufhören, ihnen eine sichere, sorgenfreie Welt zu bauen.»

Andrei möchte auf die Bühne, wenn er gross ist. Wie Adrian Ursu, der im moldawischen Fernsehen die Show «Ich wünsche mir ein Wunder» moderiert. «Da! – Ja!», sagt Andrei, er wäre sehr gerne Gast in der Sendung. Und sein Wunderwunsch? «Eine Überraschung für meine Grossmutter!»

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