Anna Rossinelli im grossen Interview «Respektlosigkeit regt mich extrem auf»

Die Basler Sängerin Anna Rossinelli im Interview mit «SI Gruen» über den Charme alter Gegenstände, das neue Album ihrer Band und Dinge, die sie ärgern. Zum Beispiel fehlende Solidarität. 

SI Gruen: Anna Rossinelli, es heisst, kein Flohmarkt und kein Brocki sei vor Ihnen sicher. Stimmt das?
Anna Rossinelli: Ja, es ist grauenhaft, ich kanns nicht lassen - immer nehme ich etwas nach Hause! Und wenns nur ein Schälchen oder ein schöner Stein ist. In letzter Zeit musste ich mich allerdings beherrschen: Ich mag luftige Räume, und meine Zweizimmerwohnung in Basel ist mittlerweile zu vollgestopft. Da ich ein sehr ordnungsfanatischer Mensch bin, gehts einigermassen. Aber das Limit ist erreicht.

Sie könnten einige Sachen weiterverkaufen…
Das mache ich ständig, vor allem Kleider. Auf dem Basler Petersplatz-Flohmarkt hab ich regelmässig einen Stand. Es kommt vor, dass Leute mich ansprechen und erzählen, dass sie Sachen von mir besitzen - und noch immer tragen.

Ihre liebste Secondhand-Trouvaille?
Da gibt es viele. Ich hab zu fast jedem Gegenstand, den ich besitze, eine Beziehung. Nicht aus materialistischen Gründen, sondern weil oft eine Geschichte dahintersteht. Eine Holzbank, die ich auf dem Weg zu einem Konzert fand. Oder das wunderschöne Wallholz, das ich vor ein paar Wochen auf unserer Amerika-Reise in einem Brocki entdeckt hab. Das Ding ist aus Porzellan, hellblau, mit handgemalten Verzierungen. Ich hab mich sofort verliebt! Und musste es kaufen. Meine Bandjungs haben aufgestöhnt und gemeint, das könne ich doch überhaupt nicht brauchen (lacht).

Sie sind zwei Monate durch die USA gereist, haben dort zusammen mit lokalen Musikern verschiedene Songs aufgenommen und dann in New York Ihr neues Album eingespielt. Was waren die Highlights dieser Reise?
Sicher die wahnsinnig tollen Menschen, die wir kennenlernen durften. Plötzlich sind wir zum Beispiel bei einem Typen gelandet, der Joe Cocker managt. In Dallas hat uns für das Lied «Broken Hearted» ein ganzer Gospelchor unterstützt. Ich liebe diese Offenheit und Vorurteilslosigkeit der Amerikaner: Sie fragen nicht lange, wer du bist und woher du kommst. Wenn sie Lust und Zeit haben, machen sie bei deinem Projekt mit. Und wenn mal was schiefläuft, ist das nicht schlimm: Man steht auf und macht weiter. Nicht wie bei uns in der Schweiz, wo Scheitern oft verurteilt wird.

Haben Sie Angst, die Leute könnten das neue Album nicht mögen?
Ja, diese Angst hat man immer. Für dieses Album haben wir zwei Jahre gearbeitet, so viel Energie da reingesteckt. Ich hoffe vor allem, dass sich die Leute das Album richtig anhören. Das nervt mich heutzutage: Kaum jemand ist noch in der Lage, still zuzuhören und erst dann ein Urteil abzugeben.

Die Amerika-Reise haben Sie teilweise mit Crowdfunding finanziert. Dafür gabs Kritik. Hat Sie das getroffen?
Im Nachhinein kann man sagen: Schlechte Publicity ist besser als keine Publicity. Die Kritik hat das Crowdfunding vermutlich angekurbelt. Aber die Schlagzeile «Anna Rossinelli will Geld von ihren Fans» war eher unglücklich. Es war ja auch nicht so, dass es sich um eine «Inspirationsreise» handelte, auf der man das Meer anschaut und ein bisschen auf der Gitarre rumschrummt. Dem Projekt ging eine intensive Planung voraus, unterwegs haben wir täglich Songs eingespielt und Filmaufnahmen gemacht.

Ist es legitim, als bereits etablierte Künstler Crowdfunding zu nutzen?
Ich finde schon. Viele etablierte Künstler tun das. Und wir haben ja zusätzlich auch eigenes Geld in dieses Projekt gesteckt. Crowdfunding basiert auf Freiwilligkeit, und die Spender bekommen etwas zurück. Die Idee, dass jeder einen kleinen Beitrag leistet und daraus etwas Grosses, Rundes entsteht, ist doch fantastisch. Das entspricht auch der Philosophie unseres Albums mit dem Titel «Takes Two To Tango»: Der Reiz liegt darin, dass Musiker, die wir unterwegs getroffen haben, etwas zu unseren Songs beitragen.

Gab es auf der Reise auch Pannen?
Kaum! Nur unser Übernachtungsbudget von neunzig Franken war eher knapp. Wir mussten öfter mal alle zusammen in einem Zimmer übernachten - ich, meine zwei Bandjungs, der Filmer und der Tönler.

Sind Sie es gewohnt, einfach zu reisen?
Ja. In unseren ersten gemeinsamen Ferien waren mein Freund Georg und ich zum Beispiel in Apulien, haben unter freiem Himmel übernachtet und auf dem Dorfplatz geduscht. Ich bin nicht der All-inclusive-Typ, lieber miete ich eine Airbnb-Wohnung, das ist günstig und hat eine persönliche Note.

Leben Sie ökologisch?
lch recycle, kaufe oft lokale Produkte auf dem Markt, esse wenig Fleisch und schaue, woher meine Kleider kommen. Aber ich bin kein Übermensch: Ich rauche, werfe auch mal einen Zigi-Stummel auf die Strasse und nehme an kalten Wintertagen gern ein Bad.

Fahren Sie Auto?
Zu Konzerten, ja. Allerdings sitze ich nie am Steuer: Ich und der Strassenverkehr, wir sind keine guten Freunde. Ich kann zwar fahren, hab aber nicht die Nerven dafür.

Sie können ziemlich impulsiv sein. Worüber haben Sie sich zuletzt aufgeregt?
Über eine alte Dame, die mich angefaucht hat, weil ich mit dem Velo auf dem Trottoir fuhr. Eigentlich hatte sie ja recht, aber ich habe sie überhaupt nicht gestört. In der Schweiz beschweren sich viel zu viele über Dinge, die sie überhaupt nicht betreffen. Ich kann zum Beispiel nicht nachvollziehen, wie man hier im Jahr 2015 noch etwas gegen die Homo-Ehe haben kann. Respektlosigkeit regt mich extrem auf. Und fehlende Solidarität. Die Flüchtlingsdiskussion bringt mich in Rage.

Inwiefern?
Wir diskutieren nur über das Wohin-mit-den-Flüchtlingen. Es wird kaum darüber geredet, wie man verhindern kann, dass so viele eine schreckliche Flucht durchleben müssen und dabei sterben. Wir hätten doch die Mittel, so etwas zu verhindern! Und es gibt immer noch zu wenig Integrationsprojekte, die dafür sorgen, dass diese Menschen eine Aufgabe haben und sich selbst helfen können, anstatt in einem überfüllten Zimmer zu sitzen und auf bessere Zeiten zu hoffen.

Wer hat Ihnen Solidarität vermittelt?
Meine Eltern. Ich bin sehr frei denkend, hippiemässig aufgewachsen. Und sehr bescheiden. In einer Wohnung mit Sitzbadewanne in der Küche und mit WC auf dem Gang. Mein Vater war Künstler und Möbelrestaurateur. Er starb, als ich sechs war. Meine Mutter hat alles dafür getan, mir und meinem Bruder vieles zu ermöglichen.

Wie hat sie reagiert, als Sie mit sechzehn die Diplommittelschule schmissen?
Sie hat mich unterstützt. Ich fühlte mich reif für die Welt, hab dann eine Lehre als Fachfrau Betreuung im Behindertenbereich gemacht und sechs Jahre in einem heilpädagogischen Kindergarten gearbeitet. Eine tolle Erfahrung. Die Leistung solcher Institutionen wird oft unterschätzt, und nicht selten werden die Betreuenden ganz schlecht bezahlt. Auch etwas, das sich unbedingt ändern muss! Sonst sterben die sozialen Berufe irgendwann aus.

War die Lehre als Betreuerin eine Vernunftlösung?
Nein. Damals hätte ich nie gedacht, dass ich von der Musik leben könnte. Bis zur Teilnahme am Eurovision Song Contest war Singen mein Hobby.

Stört es Sie, immer noch «die vom Eurovision Song Contest» zu sein?
Nein. Aber natürlich haben ich und meine Band uns längst weiterentwickelt. Wir standen mit «Marylou» auf Platz 1 der Hitparade, ich hab ein Duett mit James Morrison gesungen, und das neue Album ist, glaube ich, auch vielversprechend. Ich hoffe, jene, die mich künftig ankündigen, lassen sich mal was Neues einfallen (lacht).

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