Ansgar Gmür Jetzt vertritt er das Haus Gottes

Als Direktor vom Hauseigentümerverband Schweiz verhandelt er knallhart irdische Interessen. Nach seiner Pensionierung will Ansgar Gmür, 64, für Gott lobbyieren – er wird Pfarrer. Die Bibel ist seine neue Hausordnung.
Ansgar Gmür wird Pfarrer
© Geri Born

Halleluja! Das Krippenspiel im Grossmünster Zürich erwärmt Ansgar Gmürs Herz: «Der Glaube an Gott gibt mir Sicherheit.»

Da steht er in Hemd und Blazer, das weisse Haar zurückgekämmt, und man fragt sich: Was will der noble Geschäftsherr an der theologischen Fakultät der Uni Zürich? Da, wo die meisten Studenten Wollpullover in Erdtönen tragen und kaum einer über dreissig ist?

Ansgar Gmür, seit 17 Jahren Direktor des Hauseigentümerverbands Schweiz, wird nächsten September pensioniert. Dann könnte er mit Hündin Gioia lange Spaziergänge machen. Oder Cordons bleus braten, sein Lieblingsessen. Aber Gmür hat hehre Pläne: Er will Pfarrer werden.

Seit drei Semestern studiert er an der Universität Zürich evangelisch-reformierte Theologie. Althebräisch hat er schon abgeschlossen. Was treibt einen, der selbst noch im Bett die besten Anlagemöglichkeiten berechnet, zu diesem Schritt? Es sind die Gebote – die des Lebens und die des Himmels.

Ansgar Gmür an der Uni Zürich
© Geri Born

Beflissen: In der theologischen Fakultät der Uni Zürich büffelt Ansgar Gmür Altgriechisch – «ein Riesenkrampf».

Seine Kindheit war kein Zuckerschlecken

Du sollst hart arbeiten. Gmür zieht ein Skript aus seiner Tasche: Altgriechisch. «Ein Riesenkrampf!» Er habe es nicht so mit der Sprache. Dafür könne er «krampfen wie ein Löli». Als zweitjüngstes von acht Kindern in einer armen Bergbauernfamilie in Amden SG aufgewachsen, lernt er früh, dass einem nichts geschenkt wird. Zum Znacht gibt es Brot und Konfi, einmal im Jahr wird im Scheiterhaus eingeheizt und gebadet – fürs Christkind will man sauber sein. Die Mutter stirbt, als er elf ist, der Vater erzieht streng und erzkatholisch.

«Im Advent gingen wir jeden Tag in die Kirche», erinnert sich Gmür. Das sei an und für sich nichts Schlechtes gewesen. «Aber damals machte die Religion mit ihren vielen Vorschriften vor allem Angst.» Doch Gmür lässt sich davon nicht beugen. Im Gegenteil: «Dass ich nichts zu sagen hatte, stachelte meinen Ehrgeiz an.»

Gmür gab Mitte 20 den Kirchenaustritt

Du sollst neugierig bleiben. Gmür will erfahren, wie die Welt ausserhalb des elterlichen Heimetlis funktioniert. In Basel macht er eine Lehre als Chemielaborant, später holt er die Matura nach, studiert Betriebswissenschaft und Recht. Nebenbei arbeitet er als Taxifahrer. Für den Glauben bleibt kein Platz, nicht mal auf dem Rücksitz. Gmür tritt aus der Kirche aus. Dafür trifft er «auf der besten und teuersten Fahrt meines Lebens» seine Frau Sandra, eine Tessinerin, sechs Jahre jünger als er. Inzwischen sind die beiden seit 37 Jahren ein Paar – 34 davon verheiratet.

Du sollst ein guter Vater den Kindern sein. Heute leben die Gmürs in einem Zehnzimmerhaus in Affoltern am Albis ZH. Zwei der drei Töchter wohnen ebenfalls noch hier – «trotz mir», scherzt Gmür. Martina, 31, Angelina, 30, und Carina, 28, sind seine «Herzli». Seine Frau ruft er «Mama» – das ist sein Humor.

Ansgar Gmür in seinem Zuhause
© Geri Born
Eingespielt: Sandra und Ansgar Gmür mit Hund Gioia. Das Paar trägt stets dieselben Socken (Marke Hauseigentümerverband).

«Meine Frau schreibt mir jeden Tag eine Liebesnachricht»

Du sollst deine Frau lieben. Gmür holt sein Handy aus dem Hosensack, zeigt den Chat mit seiner Frau: lauter rote Herz-Emojis. «Meine Frau schreibt mir seit 37 Jahren jeden Tag eine Liebesnachricht», sagt er stolz. «Und ich antworte.» Macht er denn nie den ersten Schritt? «Darüber haben wir auch schon diskutiert.»

Die Ehe, sagt Ansgar Gmür, sei ein «Kampffeld». «Aber meine Frau zwingt mich, über alles zu reden.» Als Ökonom war er einst überzeugt: «Warum Probleme wälzen, Zeit ist Geld!» Dann habe er gemerkt, dass Worte Nähe schaffen. Und nach und nach findet er auch wieder zu Gott.

Du sollst beten und die Bibel lesen. «Heute ist Gott wie ein guter Freund für mich», sagt er, «und Freundschaften muss man pflegen.» Nach dem Aufstehen liest Gmür als Erstes eine Bibelstelle – auf dem Handy. Er betet und besucht Gottesdienste. «Weil ich will, nicht weil ich muss.»

Ansgar Gmür im Grossmünster
© Geri Born

Predigtstuhl: Ansgar Gmür auf der Kanzel im Grossmünster: «Ich möchte aber lieber auf Augenhöhe predigen.»

Du sollst in der Sache freundlich hartnäckig sein. Und nun also Pfarrer – nachdem er 18 Jahre lang einen der grössten Verbände der Schweiz geführt hat. Gmür lebt nach dem Grundsatz: «Du erntest, was du säst.» Und als er vor ein paar Jahren Bilanz zieht, stellt er fest, dass er bei Gott noch im Minus ist. Kurzerhand beschliesst er, seine Talente – «ich kann gut verkaufen und unterhalten» – nach der Pensionierung in den Dienst Gottes zu stellen.

Seine Frau ist begeistert von seinen Pfarrer-Plänen

«Das passt perfekt, die Menschen verstehen seine Sprache – und er hat Humor», sagt seine Frau. Nächstes Jahr tritt Gmür der reformierten Kirche bei, ein Katholik mit einer Familie kann nicht Pfarrer werden.

Du sollst dankbar geniessen. Ansgar Gmür schaut auf die Uhr: «Ich muss gehen, Griechisch fängt gleich an.» Dieser Mann ist ein Getriebener. «Geduld kann ich üben, wenn ich tot bin», sagt er. Studenten rauschen an ihm vorbei, «tschau, Ansgar». «Ihr armen Menschen habt alles noch vor euch», habe er ihnen mal in einer Pause gesagt. Er sei froh, die berufliche Karriere bald hinter sich zu haben. Nun könne er ohne Existenzängste studieren.

Jeden Abend nach dem Znacht setzt sich Gmür an den Stubentisch mit freiem Blick auf die Alpen und büffelt Griechisch. Ihm gegenüber sitzt seine Frau und lernt ebenfalls: Sandra studiert Psychologie im Master. Später möchte sie in die Seelsorge.

An Weihnachten lädt Gmür einsame Menschen ein

Du darfst das gute Essen nicht vergessen. An Weihnachten laden die Gmürs seit vielen Jahren Gäste ein, die einsam sind oder sich ein richtiges Fest nicht leisten können. Dieses Jahr versammelten sich 32 Leute, ein neuer Rekord! Es gab kiloweise Filet (nicht im Teig) und teuren Wein. «Ich war in meinen jüngeren Jahren häufig alleine über die Festtage», sagt Gmür, «das will ich anderen ersparen.»

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