Weltklasse-Turnerin Ariella Kaeslin Ariella im Hoch!

Ihr Weltklasse-Sprung ins Glück! Ariella Kaeslin, 22, gewinnt in London WM-Silber im Pferdsprung. Für die SI führte die beste Schweizer Kunstturnerin aller Zeiten exklusiv Tagebuch.

MONTAG, 12. OKTOBER
Tagwacht um 7.30 Uhr. Gestern hatte ich Geburtstag, aber feiern und spät ins Bett gehen lagen nicht drin. Es war trotzdem ein schöner Tag: Mein Team sang am Frühstückstisch im Hotel «Happy Birthday» für mich – und die anderen Dele­ga­tionen stimmten spontan ein. Das war mir dann fast ein wenig peinlich. Ein unbekannter Verehrer hatte mir eine rote Rose geschickt. Würde zu gern wissen, wer er ist …

Am Vormittag trainieren wir in der David Beckham Aca­demy. Der Superstar selber zeigt sich natürlich nicht – ich hätte ihn gerne mal live gesehen. Anschliessend gehts in ein Shoppingcenter. Unser Trainer Zoltan Jordanov ist klug: Er weiss genau, wie er seine Mädchen bei Laune halten kann. Bei Zara kaufe ich mir ein Jäckchen.Am Abend trainieren wir zum ersten Mal in der O2-Arena, wo die Wettkämpfe stattfinden werden. Die Halle ist riesig und wird am Wochenende mit
20 000 Leuten gefüllt sein. Nervös macht mich das nicht. Im Gegenteil: Das gibt Power!

DIENSTAG, 13. OKTOBER
Zum Frühstück gibts wie immer ein Crunchy-Müesli vom Reformhaus, das ich jeweils von zu Hause mitnehme. Das ist eines meiner Rituale. Irgendwie ist es witzig, in die O2-Arena ins Training zu gehen. Das ist ja nicht nur ein Sport-Stadion, sondern ein Event-Tempel mit Discos, Restaurants und Bars. Ich habe eher das Gefühl, an einen Apéro zu gehen statt ins Training. Hier hats auch ein «Starbucks»! Für mich als «Kafi-Tante» optimal. Ich komme auf etwa fünf Tassen pro Tag.

Am Nachmittag macht unser Team eine Flussfahrt auf der Themse. Schöne Bilder sollen wir aufladen, hat der Trainer gesagt. Vom Schiff aus sieht man unglaublich coole ­Wohnungen, die ich mir aber wohl kaum je leisten kann – schade! Im Hotelzimmer lasse ich mir die Bilder nochmals durch den Kopf gehen. Erstens, weil es schön war, und zweitens, weil ich eh keinen gescheiten TV-Kanal empfange.
Morgen findet die Qualifikation statt. Etwas angespannt bin ich natürlich schon, aber Einschlafprobleme habe ich nie. Ich freue mich mega auf den Wettkampf – und das ist meistens ein gutes Zeichen. Jetzt muss ich es nur noch bringen.

MITTWOCH, 14. OKTOBER
Mein Gefühl für den Tag: Das kommt gut! Ich bin ziemlich locker. Am Vormittag wecke ich bei einem kurzen Training den Körper, dann gehts zurück ins Hotel für eine Siesta. Nun beginnt die direkte Wettkampf-Vorbereitung: Ich mache ­meine Frisur und schminke mich, schliesslich möchte ich mich von meiner besten Seite zeigen. Im Shuttle-Bus zur Arena höre ich Musik – ein weiteres Ritual von mir. Die Musik von House-DJ David Guetta bringt mich in die richtige Stimmung. Beim Einturnen wirds stressig. Zoltan muss mehrere Athletinnen betreuen, und langsam werde ich nervös. Aber irgendwann lege ich den Schalter um und sage mir: «Los, der Wettkampf ist ein Spass. Dafür habe ich doch trainiert!»

Und dann läuft alles super, der erste Schritt Richtung Medaille ist gemacht. «Weiter so!», sage ich zu mir. Danach gibts endlich etwas zu essen. Ich lade immer viel Eiweiss in den Körper, das tut mir gut. Es gibt Lachs und Salat, natürlich ohne Toastbrot und Butter. Das wäre zwar lecker, aber das gönne ich mir dann nächste Woche. Ins Bett komme ich erst um 2 Uhr, weil ich noch zur Physiotherapeutin muss, um den Körper aufzupäppeln. Das ist normal nach einem Wettkampf-Tag. Und im Bett habe ich dann trotzdem Mühe, einzuschlafen, weil mir der Tag im Kopf herumschwirrt.

DONNERSTAG, 15. OKTOBER
Shopping-Tag! Heute ist trainings- und wettkampffrei, deshalb gehe ich mit meinem Bruder Fabio ins Harrods in der Oxford Street. So kann ich am besten den Kopf durchlüften und entspannen. Zwischendurch trinke ich natürlich ab und zu einen Kaffee. Später gehen wir noch Sushi essen. Ich realisiere erst im Nachhinein, dass das vielleicht etwas riskant war. Aber zum Glück bleibt der Fischgenuss ohne Folgen.

Ein Highlight folgt am Nachmittag: Ich darf in der O2-Halle zu Longines und bekomme vom «Grand Chef» Walter von Känel eine wunderschöne Uhr und einen Drei-Jahres-Sponsoring-Vertrag. Dass Longines mich als Testimonial für die WM gewählt hat, wusste ich. Dass jedoch überall mit meinem Foto für die WM geworben wird, hat mich schon überrascht und geehrt. Ganz stolz schaue ich mir danach mit meiner neuen Uhr am Handgelenk den Wettkampf der Männer an und drücke den Schweizer Kollegen die Daumen.  Bevor ich ins Bett gehe, verstaue ich meine neue Uhr in ihrer Schachtel. Ich finde sie megacool und sehr elegant.

FREITAG, 16. OKTOBER
Mehrkampf-Final. Es läuft wie am Schnürchen, wie ich es mir erträumt hatte. Der achte Rang, ein Diplom im Feld mit all den Chinesinnen und Russinnen – einfach genial! Am Abend esse ich mit meinen Turn-Kolleginnen im Hotel. Dabei kann man sich gut entspannen und quatschen. Unsere Physiotherapeutin Dorothee päppelt mich danach noch etwas auf. Morgen gehts um alles. Ich freue mich darauf!


SAMSTAG, 17. OKTOBER
Beim Aufwachen habe ich ein gutes Gefühl. Etwas kribbelig bin ich und leicht angespannt. Aber ich fühle mich recht fit und vor allem: Ich freue mich! Das Einturnen läuft gut. Ich bin als Zweite dran. Die Sprünge gelingen mir wie gewünscht. Dann das lange Warten, bis alle durch sind. Das ist krass: Ich kann es kaum erwarten, tigere in der Halle umher. Mein Trainer Zoltan beruhigt mich immer wieder und sagt, das werde schon reichen. Das ist herzig! Und als es dann klar ist, dass ich Silber gewonnen habe, brechen die Emotionen heraus. Ich realisiere es noch immer nicht ganz, ich bin noch so aufgewühlt und habe Tränen in den Augen. Ganz viele Glückwunsch-SMS kommen. Jedes einzelne freut mich sehr!

Bundesrat Ueli Maurers Anruf überwältigt mich jedoch. Ich weiss noch nicht mal mehr, ob er mich geduzt oder gesiezt hat. Er gratuliert mir persönlich zu meiner «super Leistung» und sagt, er sei sehr stolz auf mich. Was für eine Riesenehre!

Der schönste Moment ist während der Siegerehrung auf dem Podest. Während ich da oben stehe – als Schweizerin, an der WM! –, geht mir meine ganze Karriere noch einmal durch den Kopf. Ich sehe mich als kleines Mädchen. Erinnere mich daran, was ich alles tun musste, bis ich hier oben stehen darf. Wie viele Trainingsstunden und Opfer dahinterstecken. Hühnerhaut pur! Vor allem denke ich aber an mein Umfeld. Dieses WM-Silber ist nicht nur mein Verdienst. Deshalb werde ich von der WM-Prämie des Schweizerischen Turnverbandes alle meine Leute zum Essen einladen, anstatt mir etwas Grosses zu leisten. Und das schönste Geschenk habe ich ja schon: die Medaille! Sie erhält daheim einen Ehrenplatz.

Heute Abend wird gefeiert. Nach dem Delegationsessen geht es sicher noch weiter, denn alle Schweizer Einsätze sind abgeschlossen. Morgen freue ich mich auf die Final Night Party, das ist immer ein Super-Event. Meistens geht man danach noch irgendwo «shaken». Gas geben – das muss auch mal sein! Am Montagmorgen fliegen wir um 8 Uhr zurück. Ich denke, ich werde ohne zu schlafen zum Flughafen fahren.

Wollen Sie mehr über Ariella Kaeslin lesen? - Besuchen Sie Ariellas VIP-Profil in unserem VIP-Lexikon.

Auch interessant