Leo Wundergut Auf einen Likör mit dem Tenor

Er singt für Papst, Pudel und Publikum - unter dem Künstlernamen Leo Wundergut. Ende November tritt er mit seinen Jetset-Singers zum ersten Mal in Zürich auf. Seiner Stadt, die er bis heute gemieden hat. Die «Schweizer Illustrierte» hat Christian Jott Jenny zu Hause in Erlenbach besucht.

Ein Leo Wundergut entspannt nicht einfach, er pflegt die hohe Kunst des Nichtstuns. Der Gesellschaftstenor streckt sich auf seiner Chaiselongue, in der Rechten ein Glas Cynar, auf dem Schoss eine Partitur. Zu Füssen liegt ihm Königspudel Ari. Zum Brokatmantel trägt Wundergut Frotteefinken. Wo immer er absteigt, lässt er sie mitgehen. «Unter uns gesagt: Die vom ‹Badrutt’s Palace› in St. Moritz sind die flauschigsten.»

Es ist Nachmittag, der Himmel über dem Zürisee ist verhangen. Wunderguts Dachwohnung ist in Nebel gehüllt. Schmetterte die Callas auf dem Plattenspieler nicht ausgerechnet «Tosca», Hund und Herrchen würden wohl in ein leichtes Schnarchen sinken. Aber die Dame verliert gerade beinahe die Contenance, sodass Wundergut die Augen weitet. Und meint: «Für einen, der das Stück nicht kennt, mag das reichlich wild klingen, nicht?»

Ein Leo Wundergut singt nicht für Dieter Bohlen, sondern für den Papst. Seine Zuhörer sind älter als das Castingshow-Publikum. Und seine Bühnen spektakulärer als das Privatfernsehen. Nach dem Konzert im Vatikan 2009 trat er im atomaren Zwischenlager in Würenlingen auf. «Wir haben strahlend hohe C gesungen.» Für das Konzert auf der Milliardenbaustelle des neuen Wasserkraftwerks im Glarnerland wurde sein Flügel zwei Kilometer weit in den Stollen transportiert. Er machte sich Sorgen, ob das Riesending denn Platz habe. Und staunte, als der Lastwagen mit dem sensiblen Inhalt von einem Kran gepackt und in Position gebracht wurde. Zwischendurch ist es ihm auch ganz recht, an denkbareren Orten aufzutreten. So bleibt der Anzug weiss. Und hinter echten Bühnen findet sich meist Cynar. «Mein Lampenfieberwässerchen. Ist sogar gesund, weil aus Artischocke.» Das braucht er gerade nötiger denn je: Ende November tritt er mit seinen Jetset-Singers zum ersten Mal in Zürich auf. Seiner Stadt, die er bis heute gemieden hat. «Aus einer gewissen Hemmung, sicher», gibt er zu.

Ein Leo Wundergut haust nicht, er residiert. Das Gespür dafür, sich mit schönem Ambiente zu umgeben, hat er von seiner Grossmutter geerbt. Den Akt von Hodler auch, genauso wie den Koffer von Louis Vuitton. «Sie ist damit 1942 auf dem Schiff nach Amerika gereist.» In Zürich heisst seine Nachbarin Lys Assia, in Berlin wohnt Max Raabe nebenan. Lys kommt seltener vorbei, seit der grosse Ari ihrem kleinen Hündchen gezeigt hat, wo Bartli den Most holt. Mit Bariton Max Raabe gibts generell wenig Parallelen. Nicht nur wegen der Stimmlage: «Ich verwehre mich dem modernen Leben etwas weniger. Ein Leo Wundergut kann auch mit einem iPad umgehen, wenn er denn wollte. Aber er will keins!»

Leo Wundergut ist eine Erfindung. An der Klingel steht ein anderer Name: Christian Jott Jenny. Organisator des Festival da Jazz in St. Moritz. Tenor mit Mastertitel. «Als Beamtenmusiker aber nur bedingt geeignet, weil ich alle verrückt mache und sie mich», sagt er. Deshalb wechselt der 34-Jährige gern zwischen ernster Musik und unterhaltender. Kaum setzt er die Brille auf, ist er wieder Wundergut. Unverheiratet und überzeichnet. Die Stimme ist immer dieselbe, Wundergut ist einfach der Katalysator eines Kreativen. Sein Alter Ego, das sich Gouvernante und Königspudel leistet.

Nächste Auftritte Zürich, Baden, Pontresina, Winterthur (www.wundergut.ch). Mit Königspudel Ari ist Jenny in «Der kleine schwarze Niederdorf-Hecht» zu sehen (www.theaterhechtplatz.ch)

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