Ausstellung in der Fondation Beyeler Balthus' Witwe zeigt das Zuhause des grossen Künstlers

Balthus lebte im grössten Chalet der Schweiz. Die Fondation Beyeler in Riehen BS zeigt das zeitlose Werk des rätselhaften Bilder-Botschafters, der 2001 in den Armen seiner Frau Setsuko starb.

Das alpine Juwel erinnert an einen hölzernen Tempel. Als «Schloss mit Schildkrötenpanzer» wurde es 1750 erstmals in der Dorfchronik erwähnt. Vier Jahre dauerte die Bauzeit, 200 Tannen wurden gefällt. 40 Tage nahmen allein die 2800 Buchstaben für die Inschriften an der Fassade in Anspruch. Wie eine Vision steht das Grand Chalet im Herzen von Rossinière und strahlt vom kleinen Waadtländer Dorf hinaus in die Welt.

In Balthus' Reich

Kein Ort wäre für einen der rätselhaftesten Künstler des 20. Jahrhunderts passender gewesen! 24 Jahre lebte Balthus mit seiner Familie in der noblen Residenz, wo er 2001 mit 93 Jahren starb. Alles scheint einem Gemälde entsprungen – auch der Auftritt der Hausherrin. Im himmelfarbenen Kimono steht Samurai-Gräfin Setsuko Klossowska de Rola, 75, im Türrahmen und winkt mit gütigem Blick herein in die gute Stube. Bloss in welche?

113 Fenster und 30 Zimmer gibt es in Balthus’ Reich. Wir folgen der Frau, die uns in japanischen Strohsandalen mit winzigen Schritten zum Salon im ersten Stock führt. Historische Möbel, edles Dekor, viele Bilder begeistern das Auge. Das exotische Stofftier auf dem Sofa möchte man am liebsten knuddeln. Bis der Mini-Leopard seine bernsteinfarbenen Augen öffnet und einem direkt in die Seele blickt. «Darf ich vorstellen? Kofi, unsere Savannah-Katze», sagt Setsuko lächelnd. «Sie ist nach Kofi Annan benannt, den wir sehr schätzten. Auf dem Rücken trägt Kofi einen GPS-Sender, falls er sich im Dorf einmal verläuft.»

Prominente Gäste

«La Famille Balthus» war nicht nur mit dem kürzlich verstorbenen Uno-Generalsekretär befreundet. Auch der Dalai Lama, Richard Gere, David Bowie, Mick Jagger und Bono von U2 waren hier zu Gast und sind von Balthus’ Œvre verzaubert. Seit 2. September präsentiert die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel die grösste Retrospektive seit zehn Jahren in Europa – mit 40 Werken aus allen Schaffensperioden. Darunter Balthus’ monumentales Meisterwerk «Passage du Commerce-Saint-André». Und das Tableau «Thérèse träumt».

Der lasziv-erotische Seelenstriptease eines Mädchens entstand 1938. 2013 brachte es das Blut der Balthus-Gegner im Metropolitan Museum in New York in Wallung. Nichts Neues für Balthus, der für seine intimen Kunst-Fantasien sein Leben lang infrage gestellt wurde. Der Vorwurf der Gegner reichte von Pädophilie bis Pornografie. Die Befürworter warnen: Verbannt man die «träumende Thérèse» und ihre Atelier-Geschwister aus den Museen, beraubt man sich der ehrlichsten Motive, die das 20. Jahrhundert in der Kunst zum Thema Sexualität hervorgebracht hat.

Früh das Talent erkannt

Balthus, 1908 als Balthasar Klossowski de Rola in Paris geboren, verbrachte seine Kindheit in Bern und auf dem Beatenberg. Seine Mama Baladine war die Geliebte des Dichters Rainer Maria Rilke. Dieser erkannte das Talent des Buben und gab ihm den Kosenamen Balthusz. Der schrieb als 14-Jähriger: «Gott weiss, wie glücklich ich wäre, immer Kind bleiben zu dürfen.» Die kindliche Haltung bewahrte sich der «König der Katzen» mit den katzenhaften Gesichtszügen und der besonderen Aura bis ins hohe Alter. Raffiniert und irritierend: sein Spiel mit Vertrautem und Unheimlichem, Wirklichkeit und Traum, Jugend und Unschuld.

Gott weiss, wie glücklich ich wäre, immer Kind bleiben zu dürfen.

Setsuko Klossowska de Rola hält den Schlüssel zum Allerheiligsten in Händen – Balthus’ Atelier! Der Anhänger, ein Löwenkopf, stammt aus einem Tempel in Kyoto, wo sie dem 35 Jahre älteren Balthus 1962 als 19-Jährige begegnete. Die Eltern hatten ihre hübsche Tochter bereits einem anderen versprochen. «Es war ein Wunder, was mit mir passierte.» Mit Zartgefühl schildert Setsuko im Licht einer Lampe die Annäherung, die in einer aussergewöhnlichen Liebesgeschichte endete. Man kann nur erahnen, wie viel Kraft und Entschlossenheit in dieser zierlichen Person stecken! Das Paar lebte in Paris und Rom, bevor es 1977 ins Grand Chalet zog, bekam zwei Kinder. Sohn Fumio starb mit zwei. Tochter Harumi, 45, hat ebenfalls zwei Kinder und ist eine erfolgreiche Schmuckdesignerin. Wie ihre Mutter gehört sie zum internationalen Kunstadel.

In Balthus' Schaffensraum

Die Malerwerkstatt ihres Mannes besichtigt Setsuko nur selten, zu sehr bewegen ihr Herz die Erinnerungen. Dass Fremde den Raum betreten dürfen, ist ein Privileg. Stumm sitzt sie da, mit geschlossenen Augen, die Haare streng nach hinten geknotet. Wir atmen den Geruch von Farbe und Terpentin. Im Aschenbecher liegen Zigarettenstummel. Man fühlt sich aus der Zeit gefallen – als ob der Künstler nur kurz in den Garten ging, um frische Luft zu schnappen. Balthus’ Bilderschatz umfasst 350 Gemälde. Die Familie besitzt davon fünf. Sie sind Millionen wert. Bis zu zehn Jahre brauchte er für ein Werk. Und selbst dann kam es vor, dass es ihm nicht genügte – und er es in letzter Minute übermalte. Setsuko erinnert sich: «Als Galerist Pierre Matisse extra aus New York nach Rom reiste, rief ihn Balthus am Flughafen an und sagte: Tut mir leid, ich musste nochmals die Komposition ändern. Matisse verstand.»

Schlichtheit und Reinheit ist die Essenz, aus der sich alles erschliesst: Das Schöne ebenso wie das Grausame.

Im düsteren Ambiente des Ateliers verbrachte Balthus die letzten Lebensstunden. Setsuko und Harumi blieben bei ihm. «Er lag auf einer einfachen Holzpritsche, wir sprachen kaum. Es war der bewegendste Moment meines Lebens.» Ein berührender Dokumentarfilm über das Leben des Jahrhundertkünstlers ist im Museum in der Chapelle Balthus mitten im Dorf zu sehen. Bis 9. September zeigt das Musée Cantonal des Beaux-Arts de Lausanne die Ausstellung «Robert Wilson – Balthus Unfinished». Das schlichte Grab des Malers liegt unter schattigen Bäumen neben der Kapelle in Rossinière. «Schlichtheit und Reinheit», sagte Balthus, «ist die Essenz, aus der sich alles erschliesst: Das Schöne ebenso wie das Grausame.»

Auf die Frage, ob Setsuko Klossowska de Rola der einschneidende Verlust noch immer schmerzt, antwortet die Künstlerin und Unesco-Botschafterin erfrischend offen: «Nein, ich begann ein neues Leben. Ich bin glücklich.» Die Buddhistin konvertierte noch in Balthus’ Todesnacht zum Katholizismus. Und legte das Gelübde ab, nie wieder einen anderen Mann zu heiraten.

«Balthus» in der Fondation Beyeler in Riehen BS, bis 1. Januar 2019

Auch interessant