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  4. Skicrack Beat Feuz startet in die Saison: Das Genie mit dem Gefühl

Die Schweizer Ski-Hoffnung im Porträt

Beat Feuz fährt mit so viel Gefühl wie keiner sonst

Welche Rolle spielt das Material, wenn man wie Beat Feuz ein Genie auf Schnee ist? Wie fühlt sich die falsche Abstimmung an, wenn man wie kein Zweiter das Gespür für die Piste hat? Ein Einblick in die Welt zwischen Materialschlacht und Gefühl.

beat feuz

Beat Feuz' Blick geht nach oben: Dort will der bescheidene Emmentaler auch diese Saison wieder hin.

Fabienne Bühler

So gut und fit fühlt er sich am Start, dass Beat Feuz weiss: Heute kann es so weit sein mit dem Kitzbühel-Sieg. So gut fährt er, dass er führt. So gut, dass er bei der Hausbergkante denkt: Das ist eine Kurve wie jede andere. Bis sie ihm zeigt, dass sie keine ist wie jede andere und Feuz im Sicherheitsnetz landet statt auf dem Siegerpodest.

Zu gut gefühlt, zu viel gewollt. «In Kitzbühel darfst du den Respekt vor der Piste nicht verlieren. Sonst hats dich», sagt Feuz. Es passiert ihm selten, dass er sich verschätzt. Etwa einmal pro Jahr, glaubt er. Wie kaum ein anderer hat er das Gespür für die Kräfte, die beim jeweiligen Tempo wirken, und wie er wann mit ihnen umgehen muss. Deshalb wirkt sein Fahrstil ruhig und geschmeidig. «Er fährt einfach über die Wellen, ich weiss nicht, wie er das macht», sagt Daniel Albrecht, auch einer, der mit viel Gefühl fuhr. «Er kann sich irrsinnig gut einschätzen», sagt Sepp Brunner, sein langjähriger Trainer. «Er ist eine Einheit mit der Natur und der Piste», sagt Altmeister Karl Frehsner. 

Die Suche nach dem perfekten Millimeter

Beat Feuz, das Genie. Noch zwölf Jahre nach seinem Weltcup-Debüt schafft er es, die Menschen um sich herum zu verblüffen. Mit der simplen Tatsache, wie er fährt, wie er auf dem Ski steht. Wie er von einer Verletzung zurückkommt und ohne grosses Training wieder vorn reinfährt. Doch der Skisport ist nicht nur Gefühlssache und Talent, sondern auch eine Materialschlacht. Jedes Jahr, wenn die Saison zu Ende ist, kommen die Skifirmen mit neuem, verändertem, verbessertem Material, und die Suche nach der passenden Zusammenstellung beginnt von vorn. Manche Fahrer verbringen Nächte im Keller des Servicemanns, tüfteln und schrauben, probieren und verwerfen, bis sie das Gefühl haben, perfekt ausgerüstet und abgestimmt zu sein. Die Besten der Welt spüren, wenn am Schuh oder einer Kante nur ein Millimeter verändert wird. Und jede Piste, jede Wetterlage stellt andere Anforderungen an das Material. Es ist ein ewiges Suchen. 

Beat Feuz

Abgestimmt: Will Beat Feuz die Kurve perfekt auf Zug fahren, muss das Material bis in jedes Detail stimmen. Ansonsten fühlt er sich wie ein Passagier auf seinen Ski.

Christoph Köstlin

Beat Feuz hat seinen Weg im Dschungel der Möglichkeiten gefunden: Er reduziert. Anstatt pro Kategorie – Ski, Bindung, Schuhe – zehn unterschiedliche Produkte zu testen, arbeitet er nur mit je zwei oder drei. «Wenn ich zehn Sachen probiere, merke ich nichts», sagt der 31-Jährige, «das fühlt sich für mich alles etwa gleich an.» Konzentriert er sich hingegen auf jene Exemplare, die ihm von Anfang an zusagen, hat er mehr Zeit, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Dann bleibt er dabei, anstatt sich von anderen Fahrern aus der Ruhe bringen zu lassen, die von diesem und jenem schwärmen. Angst, dabei die optimale Lösung zu verpassen, hat er keine. «Beat ist sich bewusst, dass er die Hauptperson ist. Dass das Material stimmen muss, aber er nicht von etwas abhängig ist», so Frehsner. 

Feuz passt sich dem Material an, anstatt zu versuchen, das Material sich anzupassen. Auch sein Weg kann aber zeitintensiv sein. Vor ein paar Jahren entwickelt sein aktueller Ausrüster Head den Feuz-Skischuh. Genauso, wie es das Jansrud-Modell oder das Svindal-Modell gibt. 

Feuz probiert also das Feuz-Modell – und kommt damit nicht zurecht. Zwei Jahre lang fährt er stattdessen mit dem Cuche-Schuh weiter, der viel härter ist, weil Didier Cuche ein Fahrer war, der mit mehr Kraft fuhr, als Feuz es tut. Der Cuche-Schuh ist wie ein Schraubstock, so wie man sich das vorstellt bei einem Rennschuh, es ist ihm wohl darin; der Feuz-Schuh hingegen fühlt sich für seinen Namensgeber wie ein Wanderschuh an, weicher und beweglicher. 

Probieren, bis es passt

Da die Saisons dennoch nur mässig erfolgreich verlaufen, reisst sich Feuz zusammen und versucht es nochmals mit dem eigens für ihn entwickelten Schuh. «Ich hatte bei jeder Trainingsfahrt das Gefühl, es sei nicht stabil, es bewegte sich immer.» So lässt sich kein Gefühl zur Kurve aufbauen. «Irgendwo steht ja ein Tor, und das Ziel wäre es, dass der Radius, den man fährt, möglichst nahe beim Tor vorbeiführt.» Mit diesem Schuh jedoch hat er das Gespür nicht, wo er den Schwung ziehen muss. Manchmal ist er einen Meter vom Tor weg. Und trotzdem schnell. Also fährt er wieder und wieder, noch immer fühlt es sich schlecht an, ist aber immer schneller. «Und dann probierst du halt so lange, bis dieses Wohlfühlen irgendwann kommt.» Mittlerweile funktioniert es mit Feuz in Feuz wunderbar. Wenn sich die Gegner im Ziel über die vielen Schläge auf der Piste beschweren, hat er davon viel weniger gespürt; früher war es umgekehrt.

Beat Feuz

Konzentration: Feuz reduziert bei den Materialtests die Möglichkeiten. Anstatt zehn verschiedene Schuhe nimmt er nur zwei oder drei zum Testen mit.

Christoph Köstlin

Mit den Ski ist ihm das nie passiert, dass er sich lange bemühen musste, bis er mit einem schnellen Exemplar zurechtkam. Aber auch dort ist es ein Suchen und Finden. Fühlt er sich auf einem Ski wohl, ist damit aber immer langsam, kommt er weg. Ist er schnell, gewöhnt er sich an ihn. Und viele bleiben jahrelang Weggefährten. Ein Modell wird Beat Feuz in Erinnerung bleiben. Mit diesem Ski – er bekommt vom Servicemann bloss eine Nummer, Feuz gibt ihm keinen Spitznamen – stürzt er 2017 in Kitzbühel auf dem Weg zum Sieg. Die Latten überstehen den Crash, und so stehen sie ein paar Wochen später wieder bereit, als es um die WM-Abfahrt in St. Moritz geht. Feuz diskutiert mit seinem Servicemann noch am Renntag, ob sie ihn nehmen sollen; er sieht am Start ja, welcher es ist, hat das Gefühl vom Sturz noch präsent. «Aber dann sagten wir: Ist wurscht, das passt schon, der war schnell, den nehmen wir. Den Rest muss man eben ausblenden», sagt Feuz. Und wird Weltmeister. 

Wie ein Passagier auf den Ski

Die Voraussetzung für Feuz’ Umgang mit dem Material ist sein grosses Vertrauen in den Servicemann – «sonst könnte ich in der Hinsicht nicht so locker sein, müsste selber mehr machen». Feuz’ Mann im Hintergrund ist Sepp Kuppelwieser, ein Südtiroler, der 14 Jahre lang für den vierfachen Olympiasieger und fünffachen Weltmeister Kjetil André Aamodt die Ski präparierte. Er kennt Feuz und seine Fahrweise genau; wenn der Emmentaler nach der Saison seinem Körper Erholung verschafft, anstatt wie viele andere Fahrer noch zu testen, geht Kuppelwieser selber ein paar Tage mit der Skifirma mit und holt jenes Material, das er für Feuz passend findet. Er ist gut befreundet mit dem Servicemann von Matthias Mayer, dem Doppel-Olympiasieger.

Ich war schon früher nicht der, der jedes Schräubchen auseinandergenommen hat

Austausch findet vor allem zwischen Serviceleuten von ähnlichen Fahrertypen statt, neben Mayer ist das zum Beispiel der Schweizer Gilles Roulin – was ein Aksel Lund Svindal fährt, der 16 Zentimeter grösser und 15 Kilo schwerer ist, würde überhaupt nichts nützen. Die gesammelten Feedbacks übermitteln die Nationen dann der Skifirma. Feuz ist keiner, der im Training nach jedem Lauf eine Rückmeldung gibt, sagt Kuppelwieser. Erst wenn ihm wirklich etwas Entscheidendes auffällt. «Ich war schon früher nicht der, der jedes Schräubchen auseinandergenommen hat», sagt der zehnfache Weltcupsieger. 

Beat Feuz

Balance: Was Beat Feuz (hier in Val-d'-Isère) wie kaum ein anderer kann: zentral auf den Ski stehen und das Gelände lesen.

Christoph Köstlin

Er sieht das Gelände an und hat das im Gefühl: In dem Moment muss er drücken, in jenem gibt er nach

Dafür spürt er selbst rasch, was er korrigieren muss. Sein grösster Trumpf: Er steht so zentral auf den Ski wie kaum einer. Während sich andere während der Fahrt ständig aus zu viel Rück- oder Vorlage wieder in die richtige Position kämpfen müssen, steht er einfach richtig drauf. Und dies in Links- und Rechtskurven. Solche Typen gebe es selten, sagt Frehsner, Peter Lüscher oder Joël Gaspoz etwa seien so gewesen. Pirmin Zurbriggen habe das beherrscht, dazu aber viel mehr beitragen müssen, «weil er von Natur aus gar nicht die Eigenschaften hatte, zentral über dem Ski zu stehen wie Feuz.» Er brauche dadurch viel weniger Kraft. «Er sieht das Gelände an und hat das im Gefühl: In dem Moment muss er drücken, in jenem gibt er nach. Wie eine Kugel, die über das Gelände hinunterrollt.» 

Beat Feuz

Über den Wolken: Beat Feuz ist wieder auf der Jagd nach neuen Erfolgen.

Christoph Köstlin

Was passiert denn, wenn ein Genie wie er einmal nicht das richtige Material an den Füssen hat? Kann er sich dann retten? Nein. «Es fühlt sich an, wie wenn man Passagier auf den eigenen Ski ist», sagt Feuz. Grundsätzlich lässt er seine Einstellungen gleich, aber wenn es zum Beispiel von einem Rennen auf griffigem Schnee auf eine eisige Piste geht, kommt es vor, dass Kuppelwieser etwas ändert. Den Schuh mal mit einem Millimeter unterlegt. Feuz erinnert sich an ein Abfahrtstraining in Kitzbühel, wo die beiden etwas ausprobieren. Schon beim ersten Tor spürt Feuz, dass es nicht funktioniert. Er gibt Druck und rutscht gleich weg. «Das fühlt sich an, als hättest du keinen Grip.» So muss er während der ganzen Fahrt darauf achten, dass ihm das nicht mehr passiert; angreifen und auf Zug fahren geht so nicht.

Der Junior provoziert

Doch wenn das Material passt, ist Feuz souverän. Das fällt früh auf. Es ist 2005 am südlichsten Zipfel von Argentinien, in Ushuaia, als Trainer Sepp Brunner glaubt, die Zeitmessung habe versagt. Der 19-jährige Junior Feuz, der im Trainingslager kurzfristig einen verletzten Kollegen ersetzen darf, hängt auf den flachen Teilen der Riesenslalom-Kurse regelmässig alle ab. Unter anderem Daniel Albrecht und Marc Berthod, die im Winter darauf gemeinsam fünf WM-Medaillen gewinnen sollten. Albrecht weiss noch, wie ihn der Junge herausforderte. Ihn erinnerte der Fahrstil von Feuz an Sonja Nef, fein und eben weniger kraftvoll als bei den Männern üblich. «Er muss noch viel lernen», hätten sie damals gesagt, «aber wir mussten ihn ja hochnehmen, da er immer der Schnellste war im Flachen.» 

Wir mussten ihn ja hochnehmen, da er immer der Schnellste war im Flachen

Wegen seinen vielen Verletzungen sollte es sechs Jahre dauern, bis Feuz die Besten der Welt erstmals im Rennen bezwingt. Nur in Kitzbühel hats bisher mit dem Sieg nicht geklappt. Der WM-Ski ist auch diese Saison wieder im Rennen. Vielleicht trägt ihn ja der zum ersehnten Triumph beim Klassiker. 

Eine Story aus SI Sport vom 23. November 2018:

Von Eva Breitenstein am 24.11.2018