Beat Feuz im Interview «Die Natur weist uns die Richtung»

Abfahrtsweltmeister Beat Feuz erlebt sowohl die Schönheit der Berge als auch die Auswirkungen des Klimawandels hautnah. Bergliebe, Skispass und Umweltbewusstsein – wie passt das zusammen? Der Skirennfahrer über Kunstschnee, Kindheitserlebnisse und kuriose Pistenbegegnungen.
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© Fabienne Bühler

Als Weltmeister wird Feuz in der Olympiasaison der Gejagte sein. Die Mission Olympia-Gold in Südkorea läuft.

Ein Wummern nähert sich. Abfahrtsweltmeister Beat Feuz, 30, springt aus dem knapp über dem Boden schwebenden Helikopter auf den Fels, der Mantel weht im Wind der Rotoren. «Ich mag das Gefühl des Fliegens, bin gern in der Luft, besonders mitten in den Bergen. Und es ist cool, einmal auf dieser Seite des Tals zu stehen», sagt Feuz. Auf diese Stelle oberhalb des Gornergletschers blickt er sonst aus der Gondel zum Klein Matterhorn.

Der beste Abfahrer der Welt läuft ein paar Schritte über das schroffe Geröll und springt mühelos über die grauen Felsbrocken. Wüsste man nichts von seinen elf Knieoperationen, man würde nichts ahnen. Der 30-Jährige begutachtet die Monte-Rosa-Hütte, ein futuristisches Hightech-Gebäude mit Solarfassade. Die silbern glitzernde Berghütte in der Abgeschiedenheit lädt sich zum grossen Teil selber mit Energie auf. Das gleiche erlebt Beat Feuz. Auch ihm gibt die Natur Kraft. Er blickt in die Ferne und atmet tief – als wolle er die gesamte Stärke der Berge in sich aufnehmen.

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© Fabienne Bühler

Sportlich ist Beat Feuz wieder ganz oben. Auch im Wallis gehts hoch hinauf: Mit dem Helikopter der Air Zermatt zur Monte-Rosa-Hütte.

SI: Als Profi-Skirennfahrer gehören die schönsten Pisten und Panoramen seit Jahren zu Ihrem Alltag. Haben Sie dafür überhaupt noch ein Auge?
Beat Feuz: Ja, ich nehme das sogar sehr bewusst wahr. Auch nach all den Jahren ist es noch faszinierend und wird nicht zur Gewohnheit. Hier in Zermatt sind wir x-mal jedes Jahr. Aber ich glaube, ich mache jedes Jahr Anfang Saison wieder ein Foto des Matterhorns.

Was ist für Sie der schönste Moment am Berg? Welche Tageszeit, welches Wetter?
Ich habe am liebsten Sonne und klare Sicht. Wir sind ja sehr oft bereits sehr früh draussen. In Saas-Fee beispielsweise schon um sechs Uhr morgens auf 3500 Meter. Mit dieser Aussicht einen Sonnenaufgang zu erleben ist sehr eindrücklich. Auch davon habe ich so einige Bilder – auf meinem Handy und im Kopf.

Trotzdem ist der Berg für Sie auch ein Ort, wo Sie an die Grenzen gehen, sich im Training bis zur Erschöpfung quälen.
Ja, sicher auch. Aber ich sehe mehr die schönen Dinge. Sobald ich an einem Berg bin, gehts für mich nicht in erster Linie um harte Arbeit. Die habe ich den ganzen Sommer lang im Kraftraum gemacht. Auf der Piste kommt das, was ich gern mache, die Leidenschaft, das Skifahren.

Was sind Ihre prägendsten Kindheitserinnerungen in der Natur?
Wir waren mit den Eltern oft wandern, auf kleinere Hügel oder grössere Berge. Aus dem Alltag herauszukommen und ein Stück der Welt zu entdecken, hat mir gefallen.

Und im Schnee?
Wir haben tagelang im Schnee gespielt. Und als ich dann Skifahren konnte, war ich jeden Nachmittag auf den Ski. Als die Lifte nicht mehr liefen, habe ich die Ski halt ausgezogen und noch lange weiter im Schnee herumgespielt. Wir haben Schneemänner oder Bobbahnen gebaut, uns Schneeballschlachten geliefert – im Schnee war ich unermüdlich.

Wäre es für einen Bergliebhaber wie Sie denkbar, im Flachland zu wohnen?
Nein, das wäre gar nichts für mich. Ich brauche die Berge um mich. Ich schaue lieber zum Fenster raus und sehe einen Berg als ein Hochhaus. So bin ich aufgewachsen. Die Berge bedeuten für mich Heimat und lösen dieses Heimatgefühl aus.

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© Fabienne Bühler

Beat Feuz bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Weder auf noch neben der Skipiste. «Das ist wirklich so. Meine Freundin fragt mich auch jeweils, wie ich das mache.»

Sie hatten in Ihrer Heimat Schangnau im Emmental den Skilift ja vor der Haustür, Ihr Vater hat den Lift betrieben. Waren Sie trotzdem einmal in den Skiferien?
Nein, Skiferien gab es für mich und auch für meine Schulkollegen nicht. Wir gingen an jedem freien Tag, in jeder freien Minute zum Dorf-Skilift und sind dort gefahren.

Für fast jeden ist das Schleppliftfahren am Anfang schwierig. Sind Sie auch einmal aus dem Skilift gefallen?
Daran kann ich mich nicht erinnern. Aber ich habe ein ähnliches Erlebnis mit einer Schanze. Da ich relativ früh recht gut Skifahren konnte, war ich immer mit den älteren Schülern unterwegs. Da war Schanzenspringen gerade im Trend. Meine Kollegen und ich haben eine riesige Schanze gebaut. Ich wollte natürlich unbedingt drüber. Schliesslich habe ich es drei Mal versucht, und es hat mich drei Mal umgehauen. Erst dann habe ich eingesehen, dass das wohl noch nicht geht. Zum Glück wurde ich Rennfahrer und nicht Skispringer.

Wo würden Sie – falls Sie einmal Kinder haben – mit der Familie in die Skiferien?
Natürlich in meine Heimat Schangnau. Ich hoffe, dass es dann noch genügend Schnee hat. Und sicher nach Wengen, dort gefällt mir das Panorama extrem gut.

Sie sprechen den Schneemangel an. Als Skirennfahrer sind Sie direkt mit den ökologischen Folgen unserer Lebensweise konfrontiert.
Ja, ich sehe mit eigenen Augen, wie der Gletscher zurückgeht und es immer weniger Schnee gibt. Dafür wird immer mehr Kunstschnee produziert. Es sind Dinge, die ich als Wintersportler und Skifahrer natürlich nicht gern sehe. Die Natur weist uns momentan die Richtung. Wir Menschen sind sicher mitschuldig, dass es so weit gekommen ist. Und wir sollten versuchen, dem entgegenzuwirken. Auch wenn wir es wohl nicht aufhalten können.

Tut Ihnen das Herz weh, wenn Sie heute nur noch auf einem Streifen Schnee neben Wiese und Dreck fahren können?
Sicher habe ich es lieber schön verschneit. Zum Glück gibt es das auch noch ab und zu im Winter. Aber gerade Anfang Saison hat es nur ein Schneeband, daneben ist alles noch grün. Das ist fürs Auge nicht schön, aber man gewöhnt sich daran. Für mich ist es nichts mehr, was mich erstaunt. Es ist der Lauf der Zeit.

Ist das ein Diskussionsthema auch unter Skifahrern?
Es gibt immer wieder Situationen, wo das zum Thema wird. Vor allem mit den älteren Fahrern, die seit zwanzig Jahren dabei sind und wissen, wie es damals war. Ich weiss genau, wo in Zermatt der Gletscher vor zwanzig Jahren war und wo er heute ist. Da diskutiert man schon einmal darüber, aber nicht tagtäglich.

Die Natur liegt Ihnen am Herzen. Gibt es Momente, in denen Sie im Konflikt sind und Sie Gewissensbisse plagen?
Sicher. Wir wissen, das wir alle mitschuldig sind. Immerhin ist die Schweiz in Sachen Klimaschutz recht fortschrittlich.

Für die Rennen in Kitzbühel wurde bereits mehr als einmal Schnee eingeflogen. Ergibt das überhaupt Sinn?
Es ist immer schwierig, Grenzen zu ziehen. Kitzbühel ist für uns das grösste Rennen des Winters, mit dem grössten Budget. Wenn dieses Rennen nicht durchgeführt werden kann, geht sehr viel Geld verloren, und auch für uns Fahrer wäre es ein immenser Verlust. Unter diesen Voraussetzungen verstehe ich die Entscheidung, so weit zu gehen und Schnee einzufliegen. Wir Fahrer wollen ja auch ein Rennen! Aber man kann die Entscheidung durchaus hinterfragen.

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© Fabienne Bühler

«Die schönen Panoramen werden nie zur Gewohnheit. Jedes Jahr mache ich wieder ein Foto des Matterhorns.»

Können Sie den Laien unter uns den Unterschied zwischen Kunstschnee und normalem Schnee erklären?
Kunstschnee ist härter. Für uns Profis ist es schöner, auf Kunstschnee zu fahren. Der Tourist hat meistens weniger Freude, da die Pisten schnell eisig werden und schwieriger zu fahren sind. Naturschnee ist feiner und pulveriger. Wir Profis könnten mit unseren heutigen Ski aber gar nicht mehr auf natürlichen Pisten fahren – ausser sie würden mit Wasser präpariert.

Was halten Sie von Trainings in Skihallen?
Als Juniorenfahrer habe ich das schon auch gemacht. Damals war das in Mode. Sogar Europacuprennen wurden in der Halle durchgeführt, zum Beispiel in Landgraaf in Holland. Aber seit zehn Jahren war ich nicht mehr in einer Halle. Für Slalomfahrer macht es halbwegs Sinn, aber nicht für uns Speedfahrer. Denn kaum haben wir Schwung, müssen wir schon wieder bremsen, es ist einfach zu kurz und zu flach. Zudem geht die Verbindung zur Natur komplett verloren.

In anderen Ländern wird vermehrt in der Nacht trainiert, weil es nicht mehr genügend Pisten hat für Profi- und Hobbyskifahrer. Wäre das in der Schweiz auch eine Möglichkeit?
Es geht bereits heute in die Richtung. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass es so weitergeht. Es gibt zudem mehr Rennen in der Nacht. Für die TV-Stationen ist das sicher sinnvoll. Ein Rennen unter der Woche ist für die Zuschauer sicher attraktiver am Abend als am Nachmittag. Im Slalom und Riesenslalom gibts ja schon einzelne Nacht-Events. Es wird auch in den Speed-Disziplinen kommen. Dafür müssen längere Pisten ausgeleuchtet werden. Die Formel 1 machts vor: Vor ein paar Jahren war das noch tabu, mittlerweile finden zwei grosse Rennen in der Nacht statt.

Wie steht es um die Akzeptanz von Profis auf den Pisten?
Das ist sehr unterschiedlich von Region zu Region. Es gibt Gebiete, wo sie uns gernhaben. Da sperren sie für uns komplette Pisten ab und präparieren sie.

Wo zum Beispiel?
Das sieht man mehr in Österreich als in der Schweiz. Dort sind sie in dem Bereich sehr weit. Vor allem in kleinen Skigebieten haben wir optimale Bedingungen. In Hinterreit in Saalfelden etwa betreibt ein Bergbauer auf privater Initiative einen Lift für uns Rennfahrer und kümmert sich eigens um die Piste.

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© Fabienne Bühler

Beat Feuz auf dem Monte-Rosa-Massiv auf 2883 m ü. M. Dort, wo er am liebsten ist: Umgeben von Bergen.

Wie ist es in der Schweiz?
Hier ist es tatsächlich etwas heikel. Aber auch bei uns gibt es Regionen, etwa in Davos, wo grosse Verbesserungen gemacht wurden für uns Profis und Pisten exklusiv zur Verfügung stehen. Wenn wir die Pisten mit den Touristen und Hobbyfahrern teilen, müssen wir halt früher aufstehen, damit wir schon fertig sind, wenn sie kommen. Denn ich verstehe auch: Wenn man 100 Franken ausgibt für eine Tageskarte, will man auch auf allen Pisten fahren.

Sie leben in Österreich. Was können die Schweizer in den Skigebieten sonst noch von den Österreichern lernen?
Mit ihren Wintersportgebieten sind die Österreicher voraus. Pisten, Hotels und Anlagen sind im Durchschnitt auf einem höheren Level. Es gibt auch in der Schweiz Top-Angebote. Aber in Österreich sehe ich eigentlich nirgends veraltete Anlagen. Das hängt damit zusammen, dass der Staat die Gebiete und den Sport fördert.

Auch hierzulande gibt es Neuerungen wie etwa Skilifte mit Sitzheizung und Hauben. Unnötig?
Ich sage nicht nein dazu, aber ich brauche solchen Luxus nicht. Wenn es mehr Touristen anzieht, die deswegen eher auf die Ski gehen, dann ist es natürlich gut.

Im Kampf um die immer weniger werdenden Skitouristen werden – zum Beispiel in Andermatt – riesige Resorts mit Wohnanlagen und Infrastruktur aus dem Boden gestampft. Wie stehen Sie dazu?
Es ist nicht schlecht, dass so viel Geld in den Schweizer Wintertourismus gesteckt wird, das kurbelt die Wirtschaft an. Ob es immer grösser und gigantischer sein muss, sei dahingestellt.

Sie verbringen Ihr Leben auf den Skipisten dieser Welt. Was ist das Ungewöhnlichste, dass Sie dort je angetroffen haben?
In Kanada habe ich ein Viech gesehen, ich konnte nicht genau erkennen, was es war. Irgendetwas zwischen Hirsch und Bär.

Ein Interview aus SI Sport

Titel Sport 43 2017

 

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