Beatocello widmete sein Leben den Kindern Beat Richner ist gestorben

25 Jahre lang setzte er sich für die medizinische Versorgung von Kindern in Kambodscha ein, gründete und leitete die Kantha Bopha Kinderspitäler vor Ort und sammelte als Beatocello in der Schweiz unermüdlich Spenden für sein Lebenswerk. Nun hat das gute Herz von Dr. Beat Richner nach langer Krankheit für immer aufgehört zu schlagen.

Beat Richner ist tot. Er starb nach schwerer Krankheit in der Nacht auf heute Sonntag, wie der Stiftungsrat des Kinderspitals Kantha Bopha am Sonntagmorgen bekannt gab. «Professor Dr. med. Dr. h.c.mult. Beat Richner hinterlässt ein grosses, einzigartiges, erfolgreiches und sehr nachhaltiges Lebenswerk, das grösste Bewunderung verdient», schreibt der Stiftungsrat in seiner Mitteilung.

Bereits im März 2017 musste Beat Richner die Leitung der Kantha Bopha Kinderspitäler in Kambodscha abgeben und krankheitsbedingt in die Schweiz zurückkehren. Richner litt an einer seltenen und unheilbaren Hirnerkrankung mit zunehmendem Funktions- und Gedächtnisverlust. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz schritt die Krankheit schnell voran.

Im Gespräch mit der «Schweizer Illustrierten» sagte Beat Richners ältere Schwester Anna-Regula im November 2017: «Fast immer, wenn ich Beat sehe, fehlt ein weiteres Puzzlestück von ihm.» Mal sei es eine Erinnerung, mal eine motorische Fähigkeit. Man wisse nie, was einen erwartet. «Das ist schwer zu ertragen.» Einziger Trost: Dr. Beat Richner litt nicht. Es gehe ihm gut, versicherte er 2017. Er haderte nicht, wenn ihm Namen und Wörter nicht einfielen, lebte in seiner Welt, war milde und ruhig, wie er es als rastloser Macher und «Polteri» zuvor nicht immer war.

Medizin und Musik waren seine Leidenschaft

Beat Richner kam am 13. März 1947 in Zürich zur Welt. Später studierte er Medizin, finanzierte sich sein Studium unter anderem als Zeitungsverträger und Nachtwächter. Nach Abschluss des Medizinstudiums 1973 spezialisierte er sich am Kinderspital Zürich auf die Kinderheilkunde, kurz darauf schickte ihn das Schweizerische Rote Kreuz zum ersten Mal an das Kantha Bopha Kinderspital in Phnom Penh. Ein Einsatz, den er 1975 abbrechen musste, als in Kambodscha die Rote Khmer an die Macht kam.

Beat Richner
© Philippe Dutoit

1992 baute Beat Richner das Kantha Bopha Kinderspital in Kambotscha wieder auf. Der Grundstein für sein Lebenswerk.

Beat Richner kehrte in die Schweiz zurück, arbeitete zuerst wieder am Kinderspital Zürich, führte später seine eigene Praxis in Zürich. In dieser Zeit erschuf er auch seine Rolle als Musikclown Beatocello. Die Musik war seine zweite Leidenschaft, er galt als Virtuose am Cello, eroberte als Beatocello in den 80er-Jahren die Kleinbühnen in der Schweiz und im Ausland, begeisterte mit seinen poetischen, witzigen, musikalischen Programmen. Angesprochen darauf, ob er den Entscheid, Medizin anstatt Musik zu studieren, jemals betreut habe, sagte er 2009 gegenüber der «Schweizer Illustrierten» jedoch: «Ich würde auch in meinem nächsten Leben wieder als Kinderarzt arbeiten.» Ihn fasziniere die Medizin und die Suche nach der Diagnose. Und: «Es ist bedeutend, den Leidensdruck von Mutter und Kind zu lindern sowie weiteres Ungemach zu verhindern.»

«Kantha Bopha ist kein Wunder»

1991 bat die kambodschanische Regierung um Richners Rückkehr ins Land und den Wiederaufbau des Kinderspitals Kantha Bopha. Ein Jahr später nahm dieses unter seiner Leitung den Betrieb wieder auf. In den nächsten 25 Jahren baute Dr. Beat Richner Kantha Bopha Schritt für Schritt aus. Heute gibt es insgesamt fünf Kantha Bopha Kinderspitäler in Kambodscha, mit Maternité, Chirurgie, Hörsälen, 2300 Betten und 2400 kambodschanischen Mitarbeitenden.

«Kantha Bopha ist kein Wunder. Es ist das Werk eines Mannes, der immer zuerst an die Patienten dachte - und es gewagt hat, fast alles anders zu machen als die anderen», sagte der König von Kambodscha, Norodom Sihamoni, in einer Ansprache zum 25-Jahre-Jubiläum 2017. Tatsächlich half Dr. Beat Richner mit seinem Einsatz Millionen von Kindern, wurde dafür in Kambodscha vergöttert und deshalb oft «Dr. God» genannt. «In meinen Spitälern bin ich der Hüttenwart, der für Disziplin und Hygiene sorgt. Und der Polizist, der gegen die Korruption kämpft», sagte er einmal in einem Gespräch mit der «Schweizer Illustrierten». Natürlich nicht ohne den Verdienst der Mitarbeitenden vor Ort zu unterstreichen.

Beat Richner Siem Reap Beatocello krank Gesundheit
© Monika Flückiger

Mit seinen Spitälern half Beat Richner Millionen von Kindern mit kostenlosen Behandlungen.

Im unermüdlichen Einsatz

Dr. Beat Richner stand aber nicht nur in Kambodscha, sondern auch in der Schweiz im Einsatz für sein Lebenswerk. «Weisst Du noch, wie Du uns 1991 angekündigt hast, Du werdest bald nach Kambodscha ziehen, um dort das Kinderspital Kantha Bopha wieder aufzubauen?», erinnerte sich Peter Rothenbühler, ehemaliger Chefredaktor der «Schweizer Illustrierten», in einem offenen Brief im Jahr 2017. «Da kam meiner Frau die Idee, die ‹Schweizer Illustrierte› könnte für das Kinderspital sammeln. Und das klappte. Schon bald konntest Du mit einem Check nach Phnom Penh fliegen.»

Fortan unterstützte die «Schweizer Illustrierte» Dr. Beat Richner und sein Projekt. Dieser kam auch selbst regelmässig in die Schweiz zurück, um Spenden zu sammeln. Mit dabei immer sein Cello. «Das Cello fliegt stets auf dem Sitz neben mir. Das nimmt einem das Gefühl der Einsamkeit des Reisenden, sozusagen eine Schwester nicht der Land-, sondern der Luftstrasse», schrieb Beat Richner in seinem 2009 erschienenem Buch «Ambassador. Zwischen Leben und Überleben».

Beat Richner Siem Reap Beatocello krank Gesundheit
© Monika Flückiger

Regelmässig gab Beat Richner als Beatocello Konzerte um Spenden zu sammeln, unter anderem im Rahmen einer alljährlichen Spendengala im Zirkus Knie.

Als Beatocello gab er in der Schweiz Konzerte und machte Werbung für seine Spitäler und die Stiftung Kantha Bopha. Mit Erfolg. Das rund 42 Millionen Franken grosse Jahresbudget kann nebst Staatsbeiträgen zur Hälfte durch Spenden finanziert werden, zu einem grossen Teil aus der Schweiz. Das sein Heimatland Beatocello als Künstler und Beat Richner als unermüdlichen Wohltäter im Einsatz der Kinder liebte, zeigt aber auch seine Wahl zum Schweizer des Jahres 2002 im Rahmen der «Swiss Award»-Gala.

«Eine ganze Generation verdankt ihr Leben dem Swiss Doctor»

Bereits die Nachricht 2017 von der Erkrankung von Beat Richner war ein Schock für viele, aber nicht das Ende der Kantha Bopha Kinderspitäler. Deren Leitung hat inzwischen Dr. Peter Studer übernommen, der zuvor lange Vizepräsident des Stiftungsrates war. Und engster Vertrauter von Beat Richner. «And the Beat goes on», formulierte es eine Kantha-Bopha-Stiftungsrätin in Anlehnung an den gleichnamigen Dok-Film über Richner bei den 25-Jahre-Feierlichkeiten treffend: Der «Spirit» des Gründers wird übernommen, sein Hilfswerk in seinem Sinne weitergeführt – mit kostenlosen Behandlungen, modernster Medizin und ohne Korruption.

Einweihung Beat Richners «Information Centre» Kanthabopha in Phnom Penh
© Omar Havana

Feierlicher Akt: Stiftungsratspräsident René Schwarzenbach (l.) und Richners Nachfolger Dr. Peter Studer weihen Mitte November 2017 in Phnom Penh mit dem König von Kambodscha, Norodom Sihamoniden, aus Anlass des 25. Jubiläums das Beat Richner Informations Center ein. Beat Richner konnte bei den Feierlichkeiten bereits nicht mehr teilnehmen.

Beat Richners Lebenswerk lebt also weiter, auch nach dessen Tod. Und auch das Andenken an einen grossen Schweizer bleibt bestehen. 2017 schrieb Peter Rothenbühler: «Eine ganze Generation verdankt ihr Leben dem Swiss Doctor. Für die Kambodschaner bist Du heute eine Art Heiliger. Für uns bleibst Du Beatocello, der Cellist mit Humor, der innovative Kinderarzt, der hartnäckige Spitalbauer, vielleicht der beste Ambassador für die humanitäre Schweiz seit Henry Dunant. Danke!»
 

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