Das grosse Interview vor seinem Tod Beat Richner: «Es ist ein Chrampf, ich bin unter Druck»

In der Nacht auf Sonntag starb Beat Richner nach langer Krankheit. Einige Jahre vor seinem Tod sprach er im grossen Interview mit SI-Co-Chefredaktor Stefan Regez offen über sein Engagement für die Kinder von Kambodscha. Aber auch über seine Sorgen, sein Heimweh und seine Verbitterung.
Beat Richner Siem Reap (Beatocello) krank Gesundheit
© Monika Flückiger

«Helfen ist arrogant!»: Dr. Beat Richner.

Herr Richner, reden wir über Ihr Leben und Ihr Lebenswerk, die Kinderspitäler Kantha Bopha in Kambodscha! Wobei: Kantha Bopha ist eigentlich Ihr Leben.
Ja, unfreiwillig. Der König von Kambodscha hat mich 1991 in Paris spontan gefragt, Kantha Bopha nach dem Krieg wieder aufzubauen. Und ich habe zugesagt! Noch am Tag der Abreise rechnete ich mir kaum eine Chance aus, dass es gelingen würde.

Aber es ist gelungen.
Dank der Hilfe der Schweizer Bevölkerung. Diese Spendenbereitschaft seit unserem Start 1992 hat mich sehr überrascht und zuversichtlich gestimmt. Dabei wäre die Finanzierung von Kantha Bopha eine staatliche Aufgabe, doch die kambodschanische Regierung zahlt heute nur 3 Millionen Franken, die Deza 4 Millionen Franken. Viel zu wenig! Den Rest des 40-Millionen-Budgets müssen wir mit Spenden hereinholen.

Sie sollten nicht diejenigen angreifen, von denen Sie Geld fordern!
Doch, die zahlen nur, wenn sie unter Druck gesetzt werden. Kambodschas Regierung würde ihr Gesicht verlieren, wenn sie Kantha Bopha nicht unterstützt. Das zeigt sich auf Facebook, wo wir bereits 160 000 Fans haben. Wäre Kantha Bopha eine Partei, würden wir die Wahlen gewinnen.

Was bedeutet Ihnen das?
Nüt, nüt, nüt! Ich bewege mich nur zwischen Spital, Restaurant und meinem Haus. Ich halte Distanz, aus Respekt, aber auch aus Selbstschutz. Letztlich müssen das die Kambodschaner selber machen.

Sie halten auch im Spital immer Distanz zu den Kindern.
Unbedingt! Ich mache auch nicht gerne Fotos mit Kindern auf dem Arm. Ein Kind gehört zur Mutter – und nicht zum helfenden Arzt. Das ist Kitsch, das ist arrogant. Helfen ist arrogant!

Wollten Sie nie etwas anderes tun?
Natürlich! Ich sehe Kambodscha nicht als meinen Lebensplatz, ich habe mir das nie gewünscht. Es ist ein Chrampf, ich bin unter Druck. Erst wenn die Finanzierung nachhaltig ist, kann ich guten Gewissens zurück in die Schweiz.

Ich sehe Kambodscha nicht als meinen Lebensplatz, ich habe mir das nie gewünscht

Nun zählt Kantha Bopha 2550 Mitarbeiter. 2013 wurden 120 000 Kinder stationär und eine Million ambulant behandelt, dazu kamen 18 000 Geburten und 30 000 Schwangeren-Kontrollen. Ist Ihnen bewusst, was Sie geschaffen haben?
Wahrscheinlich nicht ganz. Man ist im Moment verhaftet, im Tagesablauf der Spitäler, mit medizinischen Fragen, mit der Weiterentwicklung.

Sie sind Spitaldirektor, Chefarzt …
… und Hüttenwart, der das Personal einstellt. Es gibt Momente, in denen ich zwar da bin, aber nichts mache. Manchmal ist es besser, nichts zu tun als zu viel. Nur präsent muss man sein. Und dann platzt man wieder vor Ärger – wegen der Korruption im Land, wegen der internationalen Organisationen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO wirft Ihnen Luxusmedizin vor.
Die Haltung der WHO ist eine Mischung aus Arroganz, Ignoranz und Inkompetenz! Sie will die medizinische Versorgung der ökonomischen Realität des Landes anpassen. Das finde ich beschämend. Jedes Leben, ob in der Schweiz oder in Kambodscha, ist gleich viel wert. Und Tuberkulose zum Beispiel, das grösste Problem in Kambodscha, kann beim Kind nur mit Computertomografie diagnostiziert werden. Wir entdecken in Kantha Bopha auch sofort den Ausbruch von Cholera oder Vogelgrippe. Dafür braucht es aber eine gute Spital-Infrastruktur. Das zeigt sich nun auch bei der Ebola-Epidemie in Afrika.

Inwiefern?
Um Ebola-Patienten wirksam zu behandeln, ist eine gute, saubere, korruptionsfreie Spital-Infrastruktur die Grundvoraussetzung. Aber für die WHO ist es am wichtigsten, dass die Menschen in der Dritten Welt regelmässig ihre Hände waschen. Mit Verlaub: Bei Ebola oder Dengue-Fieber können Sie 24 Stunden lang die Hände waschen, es nützt nichts!

Galerie: Beat Richners Leben in Bildern

In Kantha Bopha ist die Behandlung für alle gratis. Warum?
Weil es anders nicht geht. 80 Prozent der Familien in Kambodscha sind arm, sie leben von einem Dollar am Tag, sie können die medizinische Versorgung nicht bezahlen. Die Mütter kommen mit ihren Kindern zu uns, weil sie Vertrauen in Kantha Bopha haben. In anderen Spitälern hingegen, wo man bezahlen muss, ist Korruption im Spiel. Dass die WHO das nicht einsieht, erbittert mich.

Sie wirken auch etwas verbittert.
Das stimmt, ich bin nicht glücklich. Meine Lebensqualität hier … Jeder Bergbauer hat eine höhere Lebensqualität, selbst wenn er keine Berghilfe bezieht (lacht). Aber ich habe wenigstens mein Cello. Ich spiele täglich 30 bis 40 Minuten – damit bleibe ich fit für mein Konzert jeden Samstag in Siem Reap. Wenn ich Cello spiele, geht es mir besser.

Ich bin nicht glücklich. Meine Lebensqualität hier...

Wie sieht ein Tag von Beat Richner aus?
Ich stehe um 5 Uhr auf, gehe in mein Büro, checke meine Mails. Dann informiere ich mich, was in der Welt passiert ist. Und ob Federer und Wawrinka gewonnen haben. Wenn möglich, schaue ich Federer live am TV, Wawrinka nur in der Zweitausstrahlung. Bei ihm habe ich immer Schiss, dass er verliert. Umso mehr gönne ich ihm den Davis-Cup-Triumph. Zum Schluss schaue ich jeweils, wie das Wetter in der Schweiz ist.

Warum?
Oft hadere ich, oft habe ich Heimweh. Und dann denke ich, die in der Schweiz haben es schon gut. Wenn dort aber das Wetter mies ist, gehts mir etwas besser (lacht). Um 6.15 Uhr esse ich in der Kantine Zmorge, immer zwei Spiegeleier, um 6.50 Uhr findet die grosse Konferenz mit allen Ärzten und Mitarbeitenden statt, danach gehe ich mit auf die ärztliche Visite und erledige all das Administrative. Vier Tage bin ich im Spital in Siem Reap, drei Tage in Phnom Penh.

Haben Sie keine Freizeit, keine Ferien?
Wenn ich in der Schweiz bin, habe ich meine Auftritte und sammle Geld. Ich schaue eher darauf, dass ich nicht zu lange bleibe. Jeder zusätzliche Tag kostet mich mehr Überwindung, wieder zurück nach Kambodscha zu fliegen.

Jeder zusätzliche Tag in der Schweiz kostet mich mehr Überwindung, wieder zurück nach Kambodscha zu fliegen.

Sie sind 67. Wie lange bleiben Sie hier?
Eben, bis die Finanzierung für die nächsten 15 Jahre gesichert ist. Wann das der Fall ist, weiss ich nicht.

Wie stellen Sie sich Ihren Lebensabend in der Schweiz vor?
Als Rentner in Zürich mit einem GA.

Es wäre Ihnen langweilig!
Hm, ich glaube nicht. Vor ein paar Jahren warnte mich ein älterer Kollege, dereinst nicht in ein Loch zu fallen, wenn ich dann aufhören würde. Ich sagte ihm, dass ich seit 1992 in einem Loch bin. Es kann nur aufwärtsgehen (lacht).

Ich sagte ihm, dass ich seit 1992 in einem Loch bin. Es kann nur aufwärtsgehen.

Hatten Sie nie den Wunsch nach einer Familie? Nach eigenen Kindern?
Doch, aber ich bin dann eben nach Kambodscha gegangen. Das hätte ich mit einer Familie nie gemacht.

Waren Sie mal verheiratet?
Als ich jung war, aber nur ganz kurz. Drei Monate lang. Aber das müssen Sie nicht schreiben! Das war damals die kürzeste Ehe im Kanton Zürich (lacht). Inzwischen gibt es noch kürzere, wie ich mich erkundigt habe.

Wollten Sie immer Kinderarzt werden?
Ja! Nur nach der Matur habe ich ein Jahr lang Musik gemacht.

Sind Sie gesund?
Hm, wie soll ich sagen? Ich habe kürzlich gedacht, dass es ein Wunder sei, dass ich nie etwas Richtiges gehabt habe – bei dem schwül-heissen Klima hier. Zehn Tage später hatte ich schweres Fieber und musste meine Konzerte in der Schweiz absagen.

Diagnostiziert man sich als Arzt selber?
Ja, aber manchmal falsch. Darum bin ich dann trotzdem in die Schweiz geflogen und zu meinem Hausarzt gegangen.

Sie rauchen Cigarillos. Das ist auch nicht das, was der Doktor empfiehlt.
Aber es beruhigt!

Trinken Sie Alkohol?
Ab und zu ein Gläschen Wein am Abend, das ist gut für die Koronargefässe. Daheim habe ich aber keinen Wein. Wenn du allein bist, wirds gefährlich. Da ist rasch eine Flasche getrunken. Ausgehen tue ich auch nie. Ich führe hier ein Leben in Einzelhaft, in lebenslänglicher Einzelhaft. Schlimmer als Papst Franziskus im Vatikan (lacht).

Ich führe hier ein Leben in Einzelhaft, in lebenslänglicher Einzelhaft.

Treiben Sie Sport?
Nein, nie! Sport ist gefährlich.

Schwimmen auch nicht?
Nein, darum bin ich auch nie ertrunken.

Sind Sie stolz auf Kantha Bopha?
Nein, weil die Finanzierung nicht gelöst ist. Natürlich bin ich überzeugt, dass das, was wir machen, richtig ist. Und wenn ich auf den Abteilungen die Visite mache, gehts mir gut, dann bin ich durch und durch Kinderarzt. Aber ich habe Kantha Bopha nicht angestrebt. Ich glaube, man kann nur stolz auf etwas sein, das man angestrebt hat.

Natürlich bin ich überzeugt, dass das, was wir machen, richtig ist

Das heisst, Sie würden Kantha Bopha kein zweites Mal übernehmen.
Wenn ich 1991 gewusst hätte, worauf ich mich einlasse, hätte ich abgelehnt. Ich hatte es gemütlich und schön in der Schweiz, eine gut laufende Kinderarztpraxis und meine Auftritte als Beatocello. Ich wollte nichts anderes. Ich bin nicht geflüchtet – oder gegangen, weil ich etwas Gutes tun wollte.

Wo wäre Dr. Beat Richner heute, wenn er damals in der Schweiz geblieben wäre?
Ich hätte mein schönes Haus an der Krönleinstrasse in Zürich gekauft und würde das Leben geniessen. Seit meine früheren Vermieter das Haus im Jahr 2000 verkauft haben, bin ich nie mehr dort gewesen. Ich hatte den Mumm nicht dazu. Aber ich rauche auf meiner Veranda in Siem Reap die gleichen Cigarillos wie damals. Und wenn ich rauche, kann ich die Augen schliessen und mich in diese Zeit zurückversetzen. Dann fühle ich mich wie daheim in Zürich.

Auch interessant