Die Sportreporter-Legende im grossen Interview Beni Thurnheer über WM: «Wir haben gute Karten»

Sportreporter-Legende Beni Thurnheer über das Glück der Schweizer, die WM-Aussichten und das Fiasko der Deutschen.
Beni Turnheer
© Pascal Mora

Beni Thurnheer am vergangenen Mittwoch beim Turnfest in Dinhard ZH.

Das letzte Vorrunden-Spiel der Schweiz gegen Costa Rica sieht Beni Thurnheer, 68, beim Regionalturnfest des TV Dinhard bei Winterthur. Im Festzelt unterhält er die Leute bei einem Fussball-Talk, ehe er das Spiel mit den Senioren des FC Seuzach gebannt auf der Grossleinwand mitverfolgt. Danach ist er bester Dinge: «Jetzt ist alles möglich!»

Beni Thurnheer, die Schweiz steht im Achtelfinal! Auch wenn das Spiel gegen Costa Rica keine Augenweide war – wie gross ist die Freude bei Ihnen?
Unter dem Strich war es ein unterhaltsames Spiel mit vier Toren. Die Tatsache, dass wir nie um die Achtelfinalqualifikation bangen mussten, spricht fürs Team. Genauso kommt man weit. Wir sind weiter, ohne bislang das ganz grosse Spiel geliefert zu haben.

In allen drei Spielen ist die Schweiz schlecht gestartet. Warum?
Ich kann mir auch nicht erklären, warum das Team immer 20 Minuten braucht, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Danach geht es meistens. Aber um den Vierteloder Halbfinal zu erreichen, braucht es noch mehr. Zumal wir Glück gehabt haben mit Pfostenund Lattenschüssen. Aber wie gesagt: Vielleicht ziehen wir den Glanztag ja im Achtelfinal ein. Und dann...

Die Deutschen hätten gerne solche Probleme. Was sagen Sie zu deren denkwürdigem WM-Aus?
Es tönt jetzt blöd, aber ich habe mich schon immer gefragt, warum alle denken, die seien so gut. Die haben dieses Jahr noch kein gutes Spiel gezeigt. Sie verloren vor der WM gegen Österreich, jetzt gegen Mexiko und Südkorea. Viel ist nicht übrig geblieben vom Weltmeister. Ihr Ausscheiden ist kein Verlust fürs Turnier. Sie hatten auch keinen Topstürmer. Müller und Gomez vorne drin? Es ist ein Team jenseits des Zenits.

Der Achtelfinalgegner der Schweiz heisst Schweden. Damit hat kaum jemand gerechnet. Wie stehen die Chancen gegen sie?
Wenn wir wirklich so gut sind, wie wir meinen, dann bezwingen wir die Schweden. Sie haben solide gespielt. Aber sind jetzt auch keine Übermannschaft.

Beni Turnheer
© Keystone

40 Jahre Kompetenz: Sportreporter Beni Thurnheer 1978 im TV-Studio Zürich.

Wie haben Ihnen die Schweizer in der Vorrunde generell gefallen?
Gut. Wir haben uns entwickelt. Es ist ein wenig wie beim Surfen, wenn man über die Welle hinwegkommt. Früher haben wir uns im Morgarten-Stil verbarrikadiert und hofften auf eine glückliche Fügung. Jetzt wollen wir mitbestimmen, was läuft.

Und dies trotz einem Sturm, der nicht zu den besten zählt.
Das stimmt. Ich hoffe natürlich immer auf Embolo. Wir haben drei Spieler, die Anlagen haben, Weltstars zu werden. Xhaka, Shaqiri und Embolo. Der hat gegen Costa Rica gezeigt, dass er etwas bewegen kann. Seine Vorlage zu Dzemailis Tor war erstklassig. Er könnte der Mann der Zukunft sein. Wir haben gute Karten.

Erzwingt die Nati das Glück, oder fällt es ihr in den Schoss?
Ich muss sagen, wir spielen zwar gut, aber seit längerer Zeit haben wir auch ein unglaubliches Schiedsrichterglück. Wir haben uns qualifiziert durch einen erfundenen Penalty gegen Nordirland. Das einzige Tor, das wir in 180 Minuten zustande brachten. Wenn der Schiedsrichter Zubers Tor gegen Brasilien aberkannt hätte, könnten wir uns auch nicht beklagen.

Es gibt fast keine ganz schwachen Teams mehr

Dazu der nicht gegebene Penalty für Serbien.
Genau, als unsere Verteidiger ihren Stürmer zu zweit im Schwingerstil zu Boden bringen. Es gibt aber kaum Gegenbeispiele, wo wir benachteiligt wurden. Mit Ausnahme vielleicht des Penaltys von Costa Rica.

Was zeigt diese WM bislang?
Es gibt fast keine ganz schwachen Teams mehr. In jedem Spiel ist ein Unentschieden möglich. Für die Favoriten wird es immer schwieriger. Ich hatte noch nie so wenig Ahnung wie diesmal, wer Weltmeister werden könnte.

Ihr bisheriges Highlight der WM?
Die Partie Spanien - Portugal. Von der spielerischen Klasse her.

Eine der auffälligsten Figuren war bisher Neymar. Allerdings nicht primär wegen seiner spielerischen Klasse, sondern wegen seiner schauspielerischen Fähigkeiten. Ärgern Sie solche Spieler?
Der Fokus liegt nun mal auf ein paar wenigen Superstars. Und die werden auf Schritt und Tritt beobachtet. Neymar, Messi und Ronaldo. Wenn sie spielen, dann auch immer für die People-Magazine. Sie sind Celebrities. Und verhalten sich entsprechend. Sie ziehen die ganze Aufmerksamkeit auf sich, werden immer egoistischer.

Beni Turnheer
© Pascal Mora

Volksnah: Beni Thurnheer geniesst das dritte Schweizer Spiel inmitten der Fans beim Regionalturnfest des TV Dinhard.

 
 

Die besten Teams der Vorrunde waren aber jene, in denen sich die Stars zugunsten des Kollektivs zurücknahmen.
Ich hoffe, dass dies auch im Rest des Turniers so bleibt. Allerdings wird nur ein Team Weltmeister, das auch einen Knipser in seinen Reihen hat. Harry Kane kann England weit bringen, Lukaku die Belgier. Darüber verfügen wir Schweizer leider nicht. Umgekehrt reichen ein Knipser und ein durchschnittliches Team nicht. Das haben Ägypten mit Salah und Polen mit Lewandowski gezeigt.

Eine viel diskutierte Neuerung dieser WM ist der Video-Schiedsrichter. Ist er ein Gewinn?
Ich finde ihn gut, weil es viel mehr Tore gibt: etwa durch Penaltys, die sonst nicht gepfiffen worden wären. Der Video-Assistent sagt auch einiges über den Zeitgeist: Wir wollen alles kontrollieren.

Fehlentscheide sind für ein paar der grössten Storys im Fussball verantwortlich. Das Wembley-Tor, die «Hand Gottes» von Maradona. Verliert der Fussball mit dem Videoschiedsrichter nicht an Charme?
Das mit dem Charme stimmt. Aber ich habe lieber Gerechtigkeit als Charme.

Die WM läuft ohne negative Nebengeräusche. Fanden Sie jemals, die WM gehöre aus politischen Gründen nicht nach Russland?
Nein. Es gab schon Schlimmeres. Die WM 1978 in Argentinien, das damals unter der Militärdiktatur war. 1954 gab es die WM in der Schweiz, in einem Land, in dem die Frauen kein Stimmrecht hatten. Abgesehen davon bin ich genervt, dass immer der Sport zuerst ein Zeichen setzen respektive einen Boykott durchsetzen müsste. Während die Wirtschaft weiter Geschäfte macht. Sagen Sie mal einem Unternehmer, er dürfe nicht mehr in China und in Russland Geschäfte machen. Warum soll der Sport vorangehen?

Die Fussball-WM ist eines der letzten gemeinsamen Themen der Gesellschaft

Schauen Sie die WM auf verschiedenen Sendern?
Nein, ich schalte nur SRF ein.

Das müssen Sie jetzt sagen.
Nein. Ich wüsste nicht, was mir ein anderer Sender geben würde. Und jetzt sagen Sie nur nicht, deren Kommentatoren seien besser. Das stimmt einfach nicht.

Leiden Sie mit, wenn einem wie Sascha Ruefer ein Lapsus unterläuft wie beim Verwechseln von Spanien und Portugal und dem Transfer von Ronaldo zu den Spaniern?
Der Fehler ist sehr gut nachvollziehbar. Es war ein Versprecher. Kein Mensch wird glauben, dass Ruefer denkt, Ronaldo spiele bei den Spaniern! Ein simpler Versprecher. Und Spanien ist «la furia roja», die spielen fast immer in Rot. So schnell ist es passiert. Ich hatte an der EM 2012 auch mal so ein Horrorspiel. Schweden gegen die Ukraine. Nur trat damals die Ukraine in Gelb an. Und einmal sagte ich, Iker Casillas lässt sich nicht beeindrucken, dabei war es der Goalie von Manchester City.

Ruefer kommentierte auch den Doppeladler-Jubel von Xhaka und Shaqiri: Ihre spontane Reaktion?
Ruefer sagte: «Nein, jetzt macht er den Adler. Wie bescheuert ist denn das?» Ich dachte, gut, hat er es so schnell gemerkt. Die zweite Reaktion war: Schade, die Euphorie wird jetzt zugedeckt durch die Diskussion um den dummen Doppeladler.

Der «dumme Doppeladler»?
Es war einfach keine intelligente Geste. Aber ich höre und lese natürlich viel. Über die Äusserungen des serbischen Aussenministers, über die Gefangenschaft von Xhakas Vater in serbischen Gefängnissen. Wenn das alles so stimmt, begreift man die Reaktionen bis zu einem gewissen Grad.

Auch der Verband steht in der Kritik. Er wusste seit langer Zeit, dass dieses Spiel stattfindet. Und dass es Provokationen geben könnte. Er habe die Spieler schlecht vorbereitet und danach schlecht kommuniziert. Empfinden Sie das auch so?
Nun, ich habe auch erst knapp eine Woche vor dem Spiel von den Provokationen serbischer Medien gelesen. Ich weiss nicht, ob sie wirklich mit so einer aufgeladenen Stimmung rechnen konnten. Und danach hielten sie einfach still und hofften, dass sich alles wieder beruhigt.

Breel Embolo
© Getty Images

«Hat das Zeug zum Weltstar»: Stürmer Breel Embolo liess sein Können im Spiel gegen Costa Rica aufblitzen. Thurnheer ist begeistert von ihm.

 

Es stösst manchen Schweizer Fans sauer auf, wenn gewisse Spieler nur die Nähe zu ihren Herkunftsländern zelebrieren. Zu Recht?
Shaqiri hat sich auf der Ehrenrunde gegen Serbien auch auf die Brust mit dem Schweizer Kreuz geklopft. Ich finde diese Diskussionen sowieso müssig. Schweizer 1a und Schweizer 1b. Solange du nicht in der Schlacht bei Morgarten dabei warst, bist du kein richtiger Schweizer, solche Sachen.

Identität: Darum geht es an der WM auch. Die Schweizer Nati ist auch Kamerun, Chile, die Elfenbeinküste, Kroatien oder Kosovo. Die vereinten Nationen. Ist der Länderwettkampf überholt?
Das ist der Lauf der Welt. Als die Franzosen 1998 Weltmeister wurden, bestand der Grossteil auch aus Einwanderern. Die Globalisierung schreitet voran. Aber es gibt kaum ein Biotop, das konservativer ist als das des Fussballs. Darum fällt auch den Engländern, sobald sie gegen Deutschland spielen, nichts anderes als der Zweite Weltkrieg ein. Bis zum heutigen Tag. Das ist so etwas von überholt. Ich frage mich auch, warum Nationalhymnen vor einer Partie gespielt werden. Ich finde, es ginge auch ohne.

Ist die WM eher völkerverbindend, oder macht sie Gräben grösser?
Es gab mal die Partie USA - Iran 1998. Als Iran 2:1 gewann. Es war völlig friedlich. Der Sport ist meist verbindend. Aber es gibt Momente, in denen den Spielern etwas aufgeladen wird. Das Gute am Sport ist, dass er eine Plattform bietet, auf der verfeindete Nationen das gleiche Spiel spielen können.

Die Faszination, welche die WM ausübt, ist ungebrochen. Jeder redet einen Monat lang davon.
Das ist so. Im Zeitalter von Social Media und Netflix ist ja jeder auf einem anderen Kanal unterwegs. Die Fussball-WM ist eines der wenigen gemeinsamen medialen Themen, die der Gesellschaft geblieben sind. Selbst jene, die sich nicht dafür interessieren, wissen, dass die Schweiz gegen Brasilien unentschieden gespielt hat. Du hast nicht nur die Spezialisten, die mitreden, sondern alle. Das gibt ein ganz anderes Echo.

Wer wird Weltmeister?
Ich glaube, es braucht einen der besten Torschützen aus den besten Ligen, um Weltmeister zu werden. Aber wer das ist? Keine Ahnung.

Spielen Sie Kicktipp oder ein anders WM-Tippspiel?
Nein, ich habe es aufgegeben, weil ich frustriert war. Vor zwei Jahren machte ich bei SRF an einem Tippspiel mit. Ich lag weit in Führung, hatte Frankreich als Europameister getippt. Die waren auch im Final. Ich hatte sogar den besten Goalie getippt, den Torschützenkönig, alles. Aber weil Frankreich dann verlor und drei Knilche Portugal als Europameister tippten, fiel ich am Ende noch vom Podest (lacht). Aber ganz im Ernst: Ich bin auch etwas faul geworden. Ich müsste zu viel ausfüllen. Und mich damit auseinandersetzen. Und ich bin ja pensioniert. Ich will es geniessen.

Auch interessant