Russi & Wawrinka «Als Stan siegte, liefen bei mir die Tränen»

Zwei Schweizer Sportstars, zwei Welterfolge, zwei Generationen. Bernhard Russi und Stanislas Wawrinka im Interview über Erfolg, Popularität und den Preis dafür.

Er hat eine unvergessliche Reise um den Globus hinter sich: Triumph an den Australian Open, Davis-Cup-Erfolg in Serbien. Zwei Tage später steht Stan Wawrinka in der Züspa-Halle 9 in Oerlikon ZH und nimmt die letzte Energie zusammen für einen Spot seines neusten Werbepartners Subaru. Zusammen mit Ski-Ikone Bernhard Russi steht er für den Autohersteller vor der Kamera. Statt über PS reden sie aber über ihre erste Leidenschaft.

Schweizer Illustrierte: Stan Wawrinka, nach den US Open haben Sie gesagt, Grand Slams zu gewinnen, sei nicht Ihre Welt. Sie können sich überhaupt nicht einschätzen.
Das ist ein schönes Problem (lacht). Ich habe das von mir wirklich nicht erwartet. Es ist wohl passiert, weil ich die richtigen Schlüsse gezogen habe, weil ich an den Schwächen gearbeitet habe und mich wieder in eine solche Position bringen konnte. Ich habe seit Jahren gute Entscheidungen getroffen.

Bernhard Russi, haben Sie geglaubt, dass Wawrinka mit 28 die Lücke zu den besten vier schliesst?
Mir imponiert das extrem. Vor allem, dass er nicht daran zerbrochen ist, immer wieder gegen die Besten verloren zu haben. Man darf nicht vergessen, er ist nicht mehr 22. Und kein unverbrauchter Spieler wie damals Becker, der kam und zuschlagen konnte. Das blieb ihm verwehrt. Hie und da will das Schicksal, dass es ein wenig länger geht.

Wie lange verfolgen Sie Wawrinkas Karriere schon?
Bernhard Russi: Ich habe vor allem seine Vorgeschichte wahrgenommen. Ich war zweimal mit ihm in Gstaad, als er in der ersten Runde ausschied. Das sind die ganz bitteren Pillen. Vor einem Jahr habe ich mitgefiebert, als er Djokovic eigentlich schon hätte bezwingen müssen. Ich verfolgte seinen Kampf nach oben. Erwartet habe ich den Erfolg nicht. Ich habe aber gemerkt, dass seine Devise, die er sich auf den Arm tätowiert hat, stimmt. Dann verliere ich halt wieder, aber ich verliere besser. Das war für ihn eine Art Geheimrezept.

Gab es ein Schlüsselerlebnis?
Stan Wawrinka: Vieles hat mit Selbstvertrauen zu tun. Wenn ich mit den Besten auf den Platz gehe, weiss ich, dass ich sie bezwingen kann. Halbfinal an den US Open, Halbfinal beim Masters, wo ich nur knapp an Nadal scheiterte - das hilft. Aber ich hatte auch Zweifel, denn 2013 war das mit Abstand beste Jahr meiner Karriere. Ich wusste nicht, ob das 2014 so weitergehen kann.

Fühlen Sie sich befreit, nachdem Sie in Melbourne das Grösste erreicht haben?
Befreit ist das falsche Wort. Weil es nicht ein Ziel war, das ich verzweifelt verfolgte. Aber es ist schön. Egal, was in meiner Karriere noch passiert, ich habe einen Grand-Slam-Titel in meinem Lebenslauf. Und ich bin die Nummer 3 der Welt. Diese Dinge bleiben für immer.

Hätten Sie, Bernhard Russi, sich vorstellen können, so lange dabei zu bleiben ohne einen ganz grossen Sieg?
Das Harte am Tennis ist ja, dass du fast immer verlierst. Es endet fast immer mit einer Niederlage. Du kannst spielen wie ein Herrgott, aber wenn du den Final verlierst, gehst du als Verlierer heim. Das ist so brutal an diesem Sport. In meiner Karriere hatte ich das Gefühl, ich sei eine Ewigkeit am Durchbeissen. Auch wenn ich mit 22 Weltmeister wurde. Es gab eine Phase, von 16 bis vielleicht 21, als es überhaupt nicht vorwärtsging. Ich dachte nicht mehr, dass ich es bin. Ich glaube aber trotzdem, dass ich lange für einen grossen Erfolg gekämpft hätte.

Sie sind beide extrem populär bei den Schweizern. Warum?
Wawrinka: Bernhard ist offen, es ist einfach, mit ihm zu lachen und eine gute Zeit zu haben. Die Leute spüren, er ist ein guter Charakter. Ich kenne ihn seit ein paar Jahren. Er ist eine grosse Persönlichkeit und ein fantastischer Champion, der dem Sport viel gegeben hat und noch gibt. Seine Meinung zum Sport hat immer Gewicht.

Und was macht einen ruhigen Romand zum Liebling?
Russi: Stan ist ein Arbeitstier, er hat einen grossen Willen, steckt Niederlagen weg und kommt zurück. Er gibt nie auf, auch wenn er noch so oft verliert. Es gibt fast kein besseres Beispiel für den Menschen, fürs Leben.

Sie sind der Kommunikative, Stan der Scheue. Warum kommt beides so gut an?
Zurückhaltung kommt in der Schweiz gut an. Ich sehe mich gar nicht als grossen Kommunikator. Ich bin eher ein ruhiger Typ. Wenn eine Gruppe dasteht, bin ich eher der, der zuhört. Ich erfahre und lerne mehr, wenn ich zuhöre. Ich bin heute noch relativ scheu. Ich gehe nicht gerne allein der Zürcher Bahnhofstrasse entlang. Und ich gehe fast prinzipiell nicht allein in ein Restaurant.

Sie stehen seit vierzig Jahren immer wieder im Mittelpunkt. Wie muss Wawrinka mit seiner neuen Popularität umgehen?
Das Beste ist, wenn er sich treu bleibt. Stan hat mit der Wahl zum Schweizer des Jahres zuerst die Krone bekommen, also das Dach über den Kopf. Und danach baute er das Fundament dazu. Er wurde Schweizer des Jahres dank zwei Niederlagen. Grossartigen Niederlagen zwar, aber...

…hat er den Preis etwas zu früh bekommen?
Nein. Das nicht. Aber die absolute Genugtuung, der Beweis, kam erst danach. Ratschläge muss ich ihm keine geben. Er steht schon lange in der Öffentlichkeit. Er will auf die grosse Bühne. Man geht in die Arena, lechzt nach Applaus, man wird gerne gefeiert. Darum muss man auch verstehen, dass man zu einem gewissen Grad der Öffentlichkeit gehört.
Wawrinka: Ich gebe ja gerne Interviews. Aber in erster Linie will ich darüber reden, was ich bin. Ich bin ein Tennisspieler. Ich bin Profi. Ich kann auch mal etwas zur Familie sagen. Aber irgendwann ziehe ich die Grenze.

Wie viel Öffentlichkeit braucht es?
Russi: Ich wusste relativ früh, dass es beides braucht. Denn ich probierte immer, ehrlich zu mir zu sein. Warum tu ich das? Warum will ich auf diese Bühne? Warum will ich Applaus? Weil es mir Energie gibt. Du wirst auch ein wenig süchtig danach. Nach Anerkennung. Und wenn ich das schon will, dann muss ich etwas zurückgeben. Ich kann nicht sagen, toll, ich fahr jetzt diese Piste runter, dann sollen sie applaudieren, und schliesslich sage ich ihnen, dass es niemanden was angeht, was ich sonst so mache.

Gibt es jetzt noch Momente, wo Sie wehmütig werden, wo Sie alles geben würden, um es nochmals zu erleben?
Russi: Nein, die Erinnerungen sind stark genug. Und ich lebe mit anderen mit. Als Stan siegte, liefen mir die Tränen runter. Ich kann im Sport auf diese Weise emotional mitleben. Ich liebe den Sport nach wie vor. Aber einfach aus einer anderen Perspektive.

Stan, Ihre Eltern haben den grossen Triumph hautnah erlebt. Wie froh sind Sie, dass Sie den Moment teilen konnten?
Es machte mich wahnsinnig glücklich. Für sie war es unglaublich. Als ich jung war, haben sie viel für mich geopfert. Zeit, Geld und vieles mehr. Darum waren sie stolz, das live mitzuerleben. Meine Frau war leider nicht da. Aber wir telefonieren oft. Mit meiner kleinen Tochter wollen wir nicht allzu oft reisen.

Werden Sie auch weiterhin die meiste Zeit ohne Frau und Kind sein?
Wawrinka: Wir haben uns so entschieden. Sicher war ich in den vergangenen Monaten immer lange in den Turnieren drin. Das garantiert mir aber noch nichts für die Zukunft. Und Alexia muss zur Schule. Von daher liegt es nicht drin, dass sie mitreist.

Kann Ihre Tochter wenigstens die glitzernde Schale zu sich ins Kinderzimmer stellen?
Ich muss noch entscheiden, wo die hinkommt. Ich werde sie sicher ein wenig herumzeigen. Freunden und der Familie.

Es ist ja eine Kopie jenes Pokals, den man auf dem Platz erhält.
Ja, jetzt machen sie den aber in exakt derselben Grösse. Zuvor erhielt man ja nur kleine Replikas. Ich war schon besorgt und fragte bei den Organisatoren noch mal nach. Als sie dann sagten, ich bekomme sie in Originalgrösse, war ich zufrieden. Wenn du einen Grand Slam gewinnst, willst du schliesslich nicht mit so einem Micky-Maus-Ding nach Hause. Du willst etwas in der Hand haben.

Auch interessant