Stunt-Ehepaar Bettina & Marcel Stucki Bei diesen Eltern «chlöpfts»

Im Beruf überleben Bettina und Marcel Stucki Explosionen, Autounfälle und Höhenstürze. Sie sind Stuntman und Stuntfrau. Zu Hause in Bern mögen es die zweifachen Eltern lieber ruhig. Die «Schweizer Illustrierte» hat die ungewöhnliche Familie besucht.

Wenige Monate nach der Geburt ihrer Tochter wird Bettina Stucki, 29, in der Tiefgarage von einem grauen Auto angefahren. Ihr Mann Marcel, 32, sieht aus nächster Nähe, wie sie vom Wagen erfasst, über das Dach und anschliessend auf den Boden geschleudert wird. Er wusste, dass das passieren würde: Es ist eine Szene aus der SRF-Krimiserie «Der Bestatter». Marcel koordiniert, Bettina macht den Stunt. Verletzt wird niemand, das Ehepaar weiss, was es tut. Sie sind von Beruf Stuntman und Stuntfrau.

Ein Pflaster ziert das rechte Bein von «Hasi». «Er hat ein ‹Bobbi›. Aber mit dem Pflästerli tuts nicht mehr weh», erklärt Morris, 2, daheim in Zollikofen BE und drückt seinen Plüschhasen. Ein «Chräbel», den Schwester Ellen, 10 Monate, hinterlassen hat, ziert zudem Mamis Backe. Das wärs aber auch schon an «Verletzungen» in der Familie Stucki. Dabei kommen die Eltern immer dann zum Einsatz, wenn es für die Schauspieler gefährlich wird «oder die Szene weh tut», sagt sie. Bisher kam sie mit blauen Flecken - «Holz alängä» - davon. Marcel Stucki hat schon Brüche erlitten, nicht bei den Stunts, sondern im Training. Treppen- oder Höhenstürze, Kampfszenen, Auto- oder Feuerexplosionen müssen geübt sein. Eine gute Vorbereitung minimiert das Risiko. «Wir leben weniger gefährlich als ein Hobby-Gleitschirmflieger. Wir haben Routine, ähnlich wie Bauarbeiter.» Das Grundgehalt beträgt 1000 bis 1500 Franken am Tag, danach kommt es auf die Schwierigkeit und die Erfahrung der Person an. Lebensbedrohliche Stunts - zum Beispiel mit Feuer - bergen viel mehr Risiko, sind also teurer. Feuerwehr, Polizei und Nothelfer sind ohnehin stets vor Ort, wenns Ernst gilt.

Kennengelernt haben sich die beiden 2007 auf dem Set der Abenteuershow «Stunthero». Sie war Kandidatin (4. Platz), er hat als Coach gearbeitet. Verliebt haben sie sich erst ein Jahr später, als beide in der Action-Hochburg Los Angeles mit anderen Stuntleuten jeden Tag im Park «trainiert und ‹gschleglet›» haben. Seit 2012 führen der gelernte Chemie-Laborant und die kaufmännische Angestellte ihre Firma Stucki Action. Hollywood haben sie auf Eis gelegt. «Die Familie hat Vorrang. Wir sind froh, können wir auch in der Schweiz davon leben, zumal die Arbeit dieselbe ist», so Bettina Stucki. Ob für Kinofilme wie «Sennentuntschi» oder «Nachtzug nach Lissabon», Werbespots (auch für Versicherungen), TV-Serien wie «Tatort» oder «Der Bestatter» - das Paar ist oft auf dem Bildschirm zu sehen. Dabei geht es weder ums Rampenlicht noch um Adrenalinkick. Marcel Stucki: «90 Prozent besteht aus Vorbereitung. Wenn dann alles zusammenkommt und dazu führt, dass in dieser einen Sekunde alles funktioniert - das ist unser Erfolg.»

«I bi ä grossä Stantmän!» Morris springt vom Sofa, wuselt um Schwester Ellen herum, packt dann sein Feuerwehrauto. Wenn er mit Autos spielt, fliegen diese durch die Wohnung. «Morris hat Freude, wenn sie sich überschlagen», so der Vater. Privat mögens die Stuckis lieber ruhig, im Beruf «chlöpfts» genug. Es wird zusammen gekocht, geturnt, mit der Katze Miss Moneypenny gespielt. «Wir sind eher eine konventionelle Familie ohne ausgefallene Hobbys, die gern daheim und in der Natur ist.» Im Winter tollen sie im Schnee, im Sommer steht im Garten ein Trampolin. «Wir möchten unsere Kinder nicht zu kleinen Stuntleuten erziehen. Aber falls sie es mal sein wollen, könnten wir es schlecht verbieten.»

Bettina und Marcel träumten schon als Kind davon. «Ich war früh eine Wildsau, fasziniert von Action», sagt sie. Für ihn sahen Serien wie «The A-Team» nach viel Spass aus. «Als ich wusste, dass es ein Beruf ist, war der Fall klar.» Ihren Traum mussten sie sich erkämpfen. Sportlichkeit, Durchhaltewille, Geduld und ein tiefes Schmerzempfinden sind ein Muss. Momentan suchen sie Nachwuchs, denn Bettina steht in der Schweiz als Frau noch allein da. In ihrer Stuntschule führen sie im April einen Basiskurs durch. Anmelden kann sich jeder. «Toll an unserem Job ist, dass man sich stets von Neuem überwinden muss», sagt sie.

Draussen liegt der Schnee, ideal für einen kleinen Stunt. Bettina Stucki packt ihren Mann an den Armen und schleudert ihn dann durch die Luft. Dank dem Monkey-Flip landet er auf dem Boden. Eine süsse Rache dafür, dass er sie vom Auto anfahren liess.

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