André Reithebuch «Bildung ist ein Privileg»

Lesen und Schreiben gehörte nie zu den Stärken von André Reithebuch. Trotzdem – oder gerade deshalb – reiste der Mister Schweiz für das Hilfswerk Co-Operaid nach Kambodscha und machte sich für Bildung stark.

Um die 50 Kinder drängen sich in den engen Schulbänken. Die Dritt- und Sechstklässler kichern, als sie zur Seite rutschen, um für André Reithebuch, 23, Platz zu schaffen. Ihr Lehrer schreibt eine Rechenaufgabe an die Tafel, die Kinder kritzeln eifrig auf ihre kleinen Tafeln und in ihre Hefte. André muss beim Banknachbarn spicken. «Ich tu mich ja schon mit Deutschschreiben etwas schwer», meint er selbstironisch. Khmer, die hiesige Landessprache, scheint da nahezu unmöglich.

Gerade weil der Mister Schweiz zu seiner Schreib- und Leseschwäche steht,  fragte Co-Operaid ihn an, Botschafter für seine Projekte zu werden. Das Schweizer Hilfswerk engagiert sich im Bereich Bildung in Drittweltländern, baut Schulen und spendet Schulmaterial. Andrés erster Einsatz als Co-Operaid-Botschafter: Zusammen mit Rao Satapati, dem Gründer des Hilfswerks, reist er nach Kambodscha – sein erster Trip ausserhalb Europas. Hier nimmt der Glarner an Eröffnungszeremonien von Schulen teil und hilft, Hefte und Stifte (Faber-Castell spendet 10 000 pro Jahr) zu verteilen.

Die Schule ist aus, die Kinder stürmen aus dem Zimmer. Die 15-jährige El Tas wohnt gleich nebenan und lädt André und Rao zu sich nach Hause ein. Immer mit dabei: kambodschanische Mitarbeiter der Partnerorganisation von Co-Operaid, die übersetzen. El Tas zeigt André die Hütte, in der sie mit ihren Eltern, fünf Geschwistern sowie ihrer Tante, ihrem Onkel und deren Kind lebt. Alle schlafen in einem Raum. Gekocht wird draussen über offenem Feuer. Die Eltern von El Tas sind Reisbauern und knüpfen als kleinen Zusatzverdienst Fischernetze. Pro Woche verdienen sie etwa zwei US-Dollar (so viel kostet ein Kaffee), das muss für die ganze Familie reichen. Der Unterricht ist zwar gratis, trotzdem kann El Tas nur die Schulbank drücken, weil Co-Operaid ihr Schulmaterial bezahlt. Ihre Eltern könnten sich das nicht leisten. Die Sechstklässlerin ist Klassenbeste und möchte gern Ärztin werden. «Um allen Leuten zu helfen.»

Als André ihr erzählt, dass er in ihrem Alter nicht so gern zur Schule ging und lieber draussen «gwerchet» hätte, kichert El Tas leise hinter vorgehaltener Hand. «Für mich ist es eine Ehre, dass ich lesen und schreiben lernen darf. Vielleicht finde ich so einmal einen guten Job und kann meine Familie unterstützen.»

Der kleine Bus fährt über die holprige Landstrasse zurück ins Städtchen Savannphun in der Provinz Kampong Chhnang, wo die kleine Gruppe übernachtet. Ein nachdenklicher André Reithebuch sitzt auf dem Nebensitz und lässt seine Blicke über die endlosen Reisfelder schweifen. «Ich musste zur Schule gehen. Für El Tas und ihre Freunde ist es ein Privileg. Es tat mir glaub ganz gut, so was mal zu hören.»

Am folgenden Tag nimmt André an der Eröffnung einer Schule teil. Nach dem traditionellen Einweihungsgebet der buddhistischen Mönche überreichen die ausländischen Gäste ihnen Geschenke. Sie leben von diesen Gaben, verdienen sonst nichts. Andächtig lauscht André den sonoren Gesängen. «Die Ruhe und Ausstrahlung dieser Mönche ist unglaublich», sagt er später. «Ich fühlte mich in diesem Moment richtig demütig.»

Ganz fremd ist André Reithebuch der Buddhismus nicht: Sein Mami war schon öfter in Südost-Asien und ist der Religion sehr zugetan. André selbst wurde reformiert getauft, trat aber aus der Kirche aus. «Der buddhistische Gedanke ist mir eigentlich näher als der christliche. Für mich macht auch die Idee der Wiedergeburt viel mehr Sinn als die von Himmel und Hölle», sagt er. So durchsucht er jeden Laden und jeden Marktstand nach einem Mitbringsel für seine Mutter, er ersteht Buddha-Figuren und Räucherstäbchen.

Der Tag vor der Rückreise ist für Sightseeing in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh reserviert. Es findet gerade das «Wasserfestival» statt, ein dreitägiges Fest mit Bootsrennen auf dem Mekong-Fluss. Die Strassen der Stadt sind vollgestopft mit Autos, Motorrollern, Menschen. Es ist laut, staubig, stickig. Und trotzdem irgendwie friedlich. Selten hupt ein Auto. Nie hört man Leute schreien.

André, der grosse, weisse Mann, fällt auf im Getümmel. Marktverkäufer bieten ihm kandierten Ingwer und Zuckerrohrsaft an. André probiert, nickt freundlich, kauft ein Päckchen gedörrte Früchte. Der nächste Marktstand hats in sich: geröstete Maden, Kakerlaken, Heuschrecken und Grillen. Die Kambodschaner essen sie als Snacks, wie Nüssli. Unsicher hält André eine Made zwischen Daumen und Zeigefinger. Einmal Luft holen, dann steckt er sie sich in den Mund, kaut, schluckt. Zuckt heroisch die Schultern – «wie eine Haselnuss » – und wendet sich angeekelt ab.

«Du warst ein toller Botschafter für uns, André», sagt Rao Satapati am nächsten Tag auf der Fahrt zum Flughafen. «Authentisch, aber nicht aufdringlich. » André ist noch «ganz erschlagen von den vielen Eindrücken». Was er in Kambodscha gelernt hat? «Wir sind oft sehr gedankenlos und wissen nicht zu schätzen, was wir haben. Die Kambodschaner machen einen glücklichen Eindruck, obwohl sie nach westlicher Auffassung gar nichts besitzen. Davon kann auch ich mir noch eine Scheibe abschneiden.»
 

CO-OPERAID
Das Schweizer Hilfswerk engagiert sich seit 1981 in Asien und Afrika für (Berufs-)Bildung. «Nur, wenn alle Kinder zur Schule gehen, können diese Länder Aufschwung erfahren», sagt Co-Operaid-Geschäftsführer Rao Satapati. Das kleine Hilfswerk trägt das Zewo-Siegel, das einen gewissenhaften Umgang mit Spendengeldern garantiert. Auf www.co-operaid.ch finden Sie Informationen über Spenden oder Projekt-Patenschaften.

www.co-operaid.ch
www.misterschweiz.ch

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